things are getting better all the time...David Chieppo, Anne-Lise Coste, Dieter Hall

5. Mai bis 25. Juni 2017

Vernissage: Donnerstag, 4. Mai 2017, 18 Uhr

David Chieppo: Noticeboard, 2017, Mischtechnik, 24 x 42 cm.
David Chieppo: Noticeboard, 2017, Mischtechnik, 24 x 42 cm.


Das Helmhaus Zürich fordert sein Publikum mit einer Ausstellung von drei emotionalen Künstlern heraus, die Politisches und Privates, Unbewusstes und Reflektiertes, Spielerisch-Zärtliches und unmissverständliche Botschaften direkt auf uns loslassen. Dass dabei und überhaupt «alles immer besser wird», entspricht dieser unberechenbaren Mischung aus Ernst und Ironie, die unsere Gegenwart kennzeichnet.

Man verwechsle, was nun im Helmhaus Zürich zu sehen ist, nicht mit simpler Naivität. Im Gegenteil: Der Weg zu einer erwachsenen Naivität ist lang. Es ist kein gerader Weg. Es ist ein Rückweg: Es braucht viel Reflexion, um sich von der Reflexion zu verabschieden. Anne-Lise Coste, David Chieppo und Dieter Hall haben sich befreit von Zwängen und Erwartungen, die von aussen kommen. Auch von Erwartungen an sich selbst – wovon sich zu trennen vielleicht am schwierigsten ist. Die Freiheit, die sich dann einstellt, mag nicht immer einfach auszuhalten sein: Weil Halt fehlt, Sicherheit fehlt, Gewohnheiten fehlen. Wer es wagt, sich mit unpopulärer Direktheit mit der Gesellschaft zu konfrontieren, läuft Gefahr, an den Rand gedrängt zu werden. Wer sich für sein Unbewusstes öffnet, gerät in neues, ungesichertes Terrain. Entblösst sich. Dieses Entblösste, Unpopuläre wird nun ausgestellt. Hinter ihm steht eine Botschaft: dass dieses gern Verdrängte dazugehört, zu unserer Gesellschaft, unserer Zeit. Und dass einen Fehler macht, wer solche Positionen als Aussenseiter abstempelt, ausgrenzt und ausschliesst – wie Strassenhunde. Im Gegenteil: Wir kommen nicht um sie herum. Und tun gut daran, hier genau hinzuschauen. Von der gegenwärtigen Konsumbetäubung, von Meinungsdesign und Pseudoliberalismus könnte eine Ausstellung wie diese dort hinlenken, wo die Essenz, die Freiheit des Denkens (und Handelns!), begraben ist. Strassenhunde wissen wo.

Das Herz ist gross

Dieter Hall: Im Hamam, 2017, Monotypie, 92 x 110 cm. Bild: Pro Litteris.
Dieter Hall: Im Hamam, 2017, Monotypie, 92 x 110 cm. Bild: Pro Litteris.

Als der Grafiker dieser Ausstellung – auch er Künstler, auch er mit einer bewegten Biografie: Laurent Goei –, als Laurent Goei die Künstlerin Anne-Lise Coste fragte, ob es ihr etwas ausmachen würde, wenn ihr Vorname auf dem Plakat der Ausstellung ohne Bindestrich geschrieben würde, weil das besser aussehen würde, antwortete Anne-Lise Coste: «Je m’en fous.» Finden Sie mal einen Künstler, dem es egal ist, wenn sein Name auf einem Weltformat-Plakat falsch geschrieben ist! Als David Chieppo ein kleines Atelier in einem mittelländischen Ort beziehen wollte, wie er für die Schweiz typischer nicht sein könnte, fragten wir ihn, wie die Kunstszene darauf reagieren würden. Er antwortete: «Es kümmert mich nicht, was die Kunstszene über meinen Umzug hierhin denkt.» Als Dieter Hall gefragt wurde, wie er denn dieses Erz-Bürgerliche mit dem demonstrativ Homosexuellen zusammenbringe, wie er diese Spannung aushalte und warum er sie gern ausreizt, antwortete er: «Das Herz ist wahnsinnig gross.» Und meinte damit: In einem Leben, in einem Menschen hat viel mehr Platz, als wir denken.

Ja, das Herz ist wahnsinnig gross – wenn man so grossherzig ist wie diese Künstler. Sie öffnen sich und bringen zusammen, was gesellschaftlich getrennt ist. Sie testen, was gesellschaftsfähig ist. Diese Grenzen immer wieder neu zu hinterfragen, ist Aufgabe der Kunst – wenn die Kunst sich als ebenso lebendigen Organismus versteht, wie die Gesellschaft das ist. Wer sonst nimmt sich dieser reflexiven Aufgabe an?

Reflexion entwickelt sich auch dann, wenn jemand einfach tut, wonach ihm gerade ist – ohne Rücksicht auf Verluste. Was dabei entsteht, ist ein Spiegel des Bestehenden – gerade weil es so unreflektiert, so «rücksichtslos» entstanden ist. «Tun tut gut» heisst es auf einer von Dieter Halls Collagen. Und: «Warten bringt nichts.» Beide Slogans sind symptomatisch für diese Ausstellung, die zum Handeln animiert: in einem zögerlichen, ängstlichen Land.

Wir sind Affen

Anne-Lise Coste: Bones (Green), 2016, Öl auf Leinwand, 151 x 367 cm.
Anne-Lise Coste: Bones (Green), 2016, Öl auf Leinwand, 151 x 367 cm.

Deshalb könnte uns diese Ausstellung guttun. Weil sie von Menschen stammt, die dieses Zögern abgelegt haben. Alle drei haben sehr bewegte Biografien. Und gehen nun weiter, indem sie «tun». «I know nothing», sagt Anne-Lise Coste – trügerisch. Wissend, dass sie äusserst belesen ist, genauso wie die beiden anderen Künstler auch. Sie hat sich das vielleicht Allerschwierigste zur Aufgabe gemacht: den eigenen Wissensschatz, die Selbstkontrolle abzulegen. Um auf diesen Urzustand zurückzugehen – von einer «primal gesture», von «primal paintings». «Wir sind Affen», sagt sie. In ihrem Fall ist es ein «Affe», der sich gleichwohl sehr gut in der Kunstgeschichte auskennt: Matisse zum Beispiel blickt hier immer wieder durch. Es ist sozusagen ein «Matisse vor Matisse», oder: ein «primal Matisse». In einer rationalen, sprachzentrierten «Hirnwelt» will Coste dem Sinnlichen, den Sinnen Raum geben. Und malt buntfarbige, übergrosse Knochen auf blendend weissen Grund. Ungelenk und selbstvergessen, ausgrabend. Zeichnet mit Ölkreide entstellte Selbstbildnisse, vor denen sie selbst erschrickt, weil sie ihr zugleich so fremd und so nah sind. Der Himmel ist voller Flugzeuge – und voller Bomben. Und dann wieder Stillleben: wie Morandi halluziniert von der Präsenz der Dinge – aber nicht vibrierend wie er, sondern erschüttert.

Saints and Lovers

David Chieppo: Untitled, 2017, Öl auf Leinwand, 35,5 x 49 cm.
David Chieppo: Untitled, 2017, Öl auf Leinwand, 35,5 x 49 cm.

Diese im Privaten wie im Politischen unsichere, bewegte Welt zeigt sich auch im Werk von David Chieppo. Er malt «Saints and Lovers». Stempelt den «white man» zum «devil». Beschwört «four Russian friends». Auch wenn er bestimmt lieber Tramp als Trump ist, trampt er willentlich über die Grenzen des politisch Korrekten. Bricht Tabus und eröffnet damit neue Denkräume. Chieppo ist ein hervorragender, akademisch geschulter Zeichner, der mit wenigen Strichen präzise Atmosphären entstehen lässt. Trotz seiner Schulung hat er sich die ganze Wildheit und Unberechenbarkeit erhalten und lässt seinen Emotionen freien Lauf. Das Politische und das Private überkreuzen sich in seinem Werk. Der Hase, der in einem neuen Tonrelief in die Falle gegangen ist, ist ein politischer und ein privater Hase. Tiere und Heilige, Politiker und Soldaten sind die Protagonisten in Chieppos Welt; die eben auch die unsrige ist – nur haben wir uns bisher nie getraut, die Dinge so rückhaltlos zusammenzudenken.

Was vom Leben übrigt bleibt - Spielabrechnung

Dieter Hall: Mann am Fenster, 2017, Lithografie, 51,5 x 39 cm. Bild: Pro Litteris.
Dieter Hall: Mann am Fenster, 2017, Lithografie, 51,5 x 39 cm. Bild: Pro Litteris.

Dieter Hall, eine knappe Generation älter als Chieppo und Coste, ist seit jeher genauso ein Meister im «Zusammendenken». Exemplarisch zeigt sich das in seinen neuen Collagen, zu denen im Zürcher Wolfsberg Verlag unter dem Titel «A Fine Romance, My Friend, This Is» eine Publikation erscheint. Auch er hält sich nicht an die Gesetze des politisch Korrekten. Und übertritt sie ebenso spielerisch wie bewusst. In seiner Spannung suchenden und Spannung aushaltenden Geisteswelt hat so viel Platz, dass Explosionsgefahr droht. Aber genau darin liegt der Reiz des Mediums der Collage – und, wir müssen ergänzen, der Kunst: Wo sonst muss das Unerlaubte erlaubt sein? Was dann zur Frage weiterführt: Warum ist es eigentlich unerlaubt? Hall fordert uns auf diesem Testgelände der Kunst auch mit neuen Druckgrafiken und Malereien heraus: in der Szenerie eines marokkanischen Hamams – wo alles, was wir zu wissen glaubten, rausgeschwitzt und abgewaschen wird. Wo die Frotteetücher als Zeugen dieses Reinigungsprozesses unschuldig zum Trocknen aushängen. Was er durchaus demonstrativ verstanden haben will: Sie sind unschuldig! Und in der Weiterentwicklung von Appenzeller Bauernmalerei: mit Landschaftsbildern, deren Wege fragil in ein Reich des Sinnens und Sehnens führen.

So wie Dieter Hall gleichzeitig ein Romantiker und ein scharfsinniger Gesellschaftskritiker ist, vereinigen auch David Chieppo und Anne-Lise Coste (vermeintliche?) Gegensätze in sich: Zärtlichkeit und Schärfe, Humor und politisches Bewusstsein, Spielerisches und unmissverständlicher Ernst, Unbewusstes und Reflektiertes begegnen sich hier in einer konfrontativen Intensität, die man selten antrifft. Und die nur Künstlern gelingt, die bereit sind, hohe Risiken einzugehen. Deshalb ist die existenzialistische Note, die in einer Collage von Dieter Hall anklingt, kein Zufall: «Was vom Leben übrig bleibt – Spielabrechnung».

Höhen und Tiefen

Anne-Lise Coste: Self-Portrait, 2016, Pastellkreide auf Papier, 32 x 24 cm.
Anne-Lise Coste: Self-Portrait, 2016, Pastellkreide auf Papier, 32 x 24 cm.

Der Titel der Ausstellung, «things are getting better all the time…», ist natürlich in einer Zeit, die nicht weiss, wo es sie hintreibt, eine ironische Provokation, die auch auf die Selbstironie verweist, die den drei Künstler/innen eigen ist. Trotzdem mag sich mit dem Beatles-Zitat ein Hauch von Hoffnung verbinden. Und sei es nur schon darin, dass sich die Besucherinnen und Besucher von der Direktheit, der Emotionalität und Schärfe dessen, was hier gezeigt wird, anstecken lassen.

Die drei beteiligten Künstler/innen haben in ihren Biografien ausgeprägte Höhen und Tiefen erlebt. Anne-Lise Coste (geb. 1973) lebt nach vielen Jahren in Zürich und New York nun in der Nähe von Nîmes in Südfrankreich, in ruraler Umgebung. Ihr Werk wird in Zürich von der Galerie Lullin + Ferrari vertreten. David Chieppo (geb. 1973) stammt aus den USA, hat in Philadelphia und New York Kunst studiert und lebt seit 1998 in Zürich. Die Galerie Brigitte Weiss vertritt sein Werk in Zürich. Dieter Hall (geb. 1955) hat Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft studiert und ist nach fast dreissig Jahren in New York 2011 nach Zürich zurückgekehrt. Ab 6. Mai zeigt die Zürcher Galerie Werner Bommer weitere neue Malereien von ihm.

Kultur der Hoffnung

David Chieppo: Untitled, 200-2017, Öl auf Wandtafel, 18 x 26 cm.
David Chieppo: Untitled, 200-2017, Öl auf Wandtafel, 18 x 26 cm.

Wie immer wird die Ausstellung begleitet von Veranstaltungen. Die Psychoanalytikerin und Kuratorin des Bildarchivs C.G. Jung-Institut in Küsnacht, Ruth Ammann, äussert sich zur These, dass Künstlerinnen und Künstler nicht vertherapiert werden dürfen. J&J (Jessica Huber und James Leadbitter) sprechen mit Daniel Morgenthaler über ihr (Kunst-)Projekt «The Art of a Culture of Hope» – den Titel der Ausstellung ja an sich bestätigend ... Und um das erwähnte Spannungsfeld zwischen Naivität und Reflexion geht es in einem Gespräch zwischen den Künstlern und dem Kurator der Ausstellung, Simon Maurer – dies in der Reihe «Willkommen in der Problemzone». Führungen und Workshops für Kinder ergänzen das Vermittlungsprogramm. 

Veranstaltungsprogramm

Dieter Hall: Schwarz-weisse Dusche, 2017, Lithografie, 49 x 29 cm. Bild: Pro Litteris.
Dieter Hall: Schwarz-weisse Dusche, 2017, Lithografie, 49 x 29 cm. Bild: Pro Litteris.

Informationen: siehe "Veranstaltungen"