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«Nur» eine halbe Stunde

Veröffentlicht am Dienstag, 9. Juni 2015 um 15.58 Uhr
Von Toby Merkli

Die schlimmsten Einsätze sind nicht immer die, bei denen viel Blut verloren geht. Tobi erzählt von einem seiner schlimmsten Erlebnisse beim Rettungsdienst.

Oft werde ich nach meinem «krassesten» Einsatz gefragt. Die Leute erwarten dann irgendeine blutrünstige Story. Die Realität sieht aber anders aus. Ich glaube, es geht wohl den meisten Kolleginnen und Kollegen so. Mehr noch als blutige berühren einen die schicksalbehafteten Einsätze. So auch dieser.

Es war ein schwüler Tag im Juli. Ich hatte Dienst auf einem Rettungswagen am Flughafen. Die Einsatzmeldung erreichte uns am späten Nachmittag. Nach einer REGA-Repatriierung sollten wir eine Patientin ins Unispital Zürich bringen. Schon bei den Stichworten auf dem Meldefax ging mir ein «oh, nein» durch den Kopf: «Frau 69, Verkehrsunfall, mehrere Frakturen (Brüche) an der Wirbelsäule, offene Unterarmfraktur, Brustbeinfraktur.» Und als ob es damit noch nicht genug war, stand am Schluss des Protokolls noch der Satz: «Ehemann bei Unfall verstorben». Beim REGA Center Kloten warteten wir auf den eintreffenden Jet, bevor die betreuende Ärztin mir kurz das Ereignis rapportierte:

Die Frau war mit ihrem Ehemann und Bekannten auf einer Velotour durch Österreich. Bei einem unbewachten Bahnübergang kam es zum verhängnisvollen und tragischen Unglück. Das Paar wurde vom Zug erfasst. Der Mann überlebte den Unfall nicht, während die Frau mit schwersten Verletzungen ins nahegelegene Regionalspital eingeliefert und dort erstversorgt wurde. Bereits einen Tag später wurde sie von einem REGA-Jet nach Zürich gebracht. Irgendwie war ich froh, dass uns die REGA-Ärztin auf dem Weg ins Unispital begleitete.

Die Übergabe im Unispital gestaltete sich dann recht kompliziert. Es verging eine gute halbe Stunde, bis die Ärzte entschieden hatten, wie es weiter gehen soll. In dieser Zeit lag es an mir, die Patientin zu betreuen. Ich versuchte sie in ein Gespräch zu verwickeln, was mir angesichts der Vorfälle nicht ganz leichtfiel und äusserst sensibel war. Doch ich gab mir einen Ruck und sprach sie auf ihre Reisen an, ob sie häufig Velotouren machte? Sie begann zu erzählen, von früheren Ferien und Radtouren mit ihrem Mann, meist Flüssen entlang, der Donau, dem Rhein. Es war nicht einfach, aber ich spürte, dass es ihr gut tat. Ihre Verletzungen und ihr Schicksalsschlag schienen etwas in den Hintergrund zu rücken. Als die halbe Stunde vorbei war, bedankte sich die Frau bei mir. Beim Abschied sagte ich ihr, dass es ja nur ein kurzer Weg gewesen sei, den ich sie begleiten konnte. Sie sagte: «Ja, das stimmt, aber ein wichtiger!»

Dasselbe gilt für mich. Es ist die bisher einzige Patientin, die von mir ein Trauerkärtchen erhielt.

Toby Merkli

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