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Im Zweifel für den Einbetonierten

Veröffentlicht am Mittwoch, 10. Juni 2015 um 10.29 Uhr
Von Toby Merkli

  

Wenn man nicht mit einem Einsatz rechnet, wird man mit den seltensten Situationen konfrontiert.

Als beim Morgenrapport von einer Demonstration und eventuell damit zusammenhängenden Feuerwehreinsätzen die Rede war, dachte ich: «Betrifft mich nicht!» Denn ich war an diesem Tag auf der Autodrehleiter (ADL) des Löschzugs eingeteilt – kein Fahrzeug für solche Einsätze. Doch es sollte anders kommen …

Durch die Tagesorganisation bedingt wechselte ich zwischendurch von der ADL aufs Pionierfahrzeug. Und genau in diesem Zeitraum kam die Einsatzmeldung «Personenrettung!». Die Polizei brauche unseren grossen Abbauhammer; ein junger Demonstrant habe sich einbetoniert.

Vor Ort staunten wir nicht schlecht. Mitten auf der Strasse lagen zwei mit Beton gefüllte Container. Dazwischen sass ein Mann, dessen Arme in die Behälter ragten. Die Polizei hatte einen der Container schon mit der Trennscheibe geöffnet und wir sollten nun die Arme bzw. das Aluminiumrohr freispitzen, in welchem die Arme angeblich angekettet waren.

Natürlich fragte ich mich als Erstes, ob der junge Mann seine Arme tatsächlich einbetoniert oder sie lediglich nachträglich in die Rohre gesteckt hatte. Ich äusserte meine Zweifel, worauf der Demonstrant seine Aussage bekräftigte, er könne sich nicht selber befreien. Zuschauer und Medien verfolgten die Szene mit Argusaugen, was die Situation nicht wirklich erleichterte.

Trotz Bedenken, ob wir die Situation richtig einschätzten, nahmen wir die Arbeit auf. Nach über einer Stunde schweisstreibender Knochenbüetz hatten wir das Rohr weitgehend freigelegt. Um die Situation im Inneren besser beurteilen zu können, versuchten wir, mit dem Trennschleifer ein kleines Fenster im Aluminium zu öffnen. Durch die Öffnung konnten wir die Finger, einen Querstab sowie Teile einer Kette erkennen. War der junge Demonstrant tatsächlich angekettet? Noch immer waren wir nicht hundertprozentig überzeugt. Von aussen konnten wir nun auch die Stelle sehen, wo der Stab angeschweisst worden war, und versuchten mit dem Trennschleifer die Naht zu öffnen. So hätte man den Stab lösen und die Kette darüberstreifen können. Doch plötzlich zog der Demonstrant blitzschnell
seine Hände aus den Rohren – das Schleifen war dem jungen Herrn wohl etwas zu heiss geworden. Fast gleichzeitig klickten die Handschellen. Und vor den Augen der Zuschauer und Medienleute wurde er abgeführt.

Im Nachhinein fragt man sich immer, wie man die Situation besser hätte einschätzen können. Es gab verschiedene Hinweise und Ungereimtheiten. Aber schliesslich konnte nicht sicher ausgeschlossen werden, dass sich die Person – wenn auch wahrscheinlich selbst verschuldet – in einer Notlage befand. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass der junge Demonstrant immerhin für eine weitere unvergessliche und denkwürdige Episode in meiner Tätigkeit als Feuerwehrmann gesorgt hat.

Toby Merkli

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