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Wenn der Traktor zum RTW wird

Veröffentlicht am Mittwoch, 10. Juni 2015 um 09.30 Uhr
Von Toby Merkli

Suchaktion mit Hilfe von Traktor gut über die Bühne gebracht.

Es war an einem Frühjahrstag, an dem das Wetter so schön war, dass der «Üetzgi», der Zürcher Hausberg, zu einem Ausflug lockte. So auch eine in der Schweiz lebende Kanadierin, die mit ihren Freundinnen aus der Heimat über den Laternenweg vom Uto Kulm in die Stadt laufen wollte. Auch wir genossen in unseren Pausen die Sonnenstrahlen auf der Rettungsdienstwache im Triemli. Bis wir gegen 16 Uhr dann folgende Alarmmeldung erhielten: «Patient, weiblich, gestürzt, Verletzung am Fuss, genauer Standort unklar, befindet sich irgendwo am Üetliberg.» Da man von einer erschwerten Suchaktion ausgehen musste, wurden neben unserem Rettungswagen auch eine Patrouille der Stadtpolizei sowie ein Helikopter der Kantonspolizei aufgeboten.

Wir fuhren die Wege des Üetlibergs systematisch ab und machten uns mittels Lautsprecher bemerkbar. Nur wenige Minuten später erzählte uns ein Passant, dass sich auf dem Laternenweg, einem steilen, schmalen Fussweg, eine Frau verletzt habe. Wir fuhren mit unserem Rettungswagen so weit wir konnten, doch schon bald wurde der Weg zu eng. Gemeinsam mit der Stapo schulterten wir unser Material und suchten zu Fuss weiter. Nach einigen Minuten Berglauf erreichten wir unsere Patientin, die auf dem steilen Weg ausgerutscht war und sich dabei am Fuss verletzt hatte. Aufgrund starker Schmerzen konnte sie nicht mehr gehen. Während mein Kollege sie mithilfe eines Polizisten versorgte, machte ich mir bereits Gedanken, wie wir von dort wieder runterkommen konnten.

Mit der Trage konnten wir auf dem Schotterweg nicht fahren, der 4x4-Rettungswagen war zu gross und zu wenig geländegängig und der Helikoptereinsatz war aufgrund des dichten Blätterdachs nicht möglich. Die Patientin zu viert runtertragen? Wäre eine Option gewesen, aber auf dem rutschigen Split des Weges ein hohes Risiko für sie und uns.

Da kam mir in den Sinn, dass ich unweit der Unfallstelle einen Pferdebesitzer kannte. Ich hatte ihm schon einige Male geholfen, Stroh und Heu einzubunkern. Hatte der nicht einen Traktor in der Scheune? Ich organisierte die Telefonnummer und rief an. Familie Stierli zögerte keine Sekunde, uns zu helfen.

Schnell montierten sie die Heckschaufel an den Traktor und machten sich auf den Weg. Es brauchte einiges an Geschick und Fahrkönnen, um das Gefährt durch die schmalen Kurven zu manövrieren. Die Patientin hockte den grossen Teil der Strecke auf der Heckschaufel. So erreichten wir den RTW in wenigen Minuten – ohne Traktor hätten wir wohl eine gefährliche und schmerzvolle Stunde gebraucht.

Wir brachten die Patientin ins Stadtspital Triemli, wo man eine komplizierte Fersenfraktur diagnostizierte. Ihre Freundinnen wurden von der Polizei zur nächsten Tramstation gebracht. Und Familie Stierli wurde mit grossem Dank verabschiedet.

Toby Merkli

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