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Rentner auf Strolchenfahrt

Veröffentlicht am Dienstag, 9. Juni 2015 um 16.15 Uhr
Von Toby Merkli

Ein kleiner Rollentausch betreffend Strolchenfahrt.

In letzter Zeit liest man öfter von jungen Männern, welche mit dem Auto ihrer Eltern eine Strolchenfahrt unternehmen. Dass das Alter aber nicht vor Torheit schützt, erlebte ich während meines ersten Praktikums beim Rettungsdienst.

Mit unserem Rettungswagen wurden wir wegen eines Verkehrsunfalls gerufen. Unsere Anfahrt war über mehrere hundert Meter gesäumt von demolierten Fahr- und Motorrädern, geknickten Schutzpfosten, Teilen eines zerstörten Elektrokastens sowie Fahrzeugteilen, die auf der Strasse und dem Gehsteig lagen. Am Ende sahen wir die Ursache der Verwüstung: Ein völlig demolierter Kombi steckte in der Seite des Wartehäuschens der Tramstation.

Die Polizei war bereits vor Ort und rapportierte: Ein Rentner war auf dem Heimweg eines festlichen Anlasses und hatte wohl ordentlich gebechert. Während der Fahrt hantierte er am Autoradio herum und kam dabei von der Strasse ab. Das Unfallauto hatte ein «Spinnennetz» in der Frontscheibe. Es war unklar, ob dies von aussen oder von innen, sprich vom Kopf des Patienten, verursacht wurde. Gegenüber der Polizei gab der Senior an, angegurtet gewesen zu sein. Uns gegenüber verneinte er dies. Auf alle Fälle war er sichtlich verwirrt, ob vom Alkohol oder aufgrund einer Gehirnerschütterung oder wegen beidem, war nicht klar.

Also wurde der Lenker um eine Atemluftprobe gebeten. Für den älteren Herrn schien das ein Ding der Unmöglichkeit. Ich hatte den Verdacht, dass er das Blasen absichtlich nicht schaffen wollte, weil es ihm selbst vor dem Resultat graute. Die Polizei veranlasste denn auch eine Blutentnahme im Spital, die später durch den Rechtsmediziner ausgewertet wurde.

Auf dem Weg ins Spital Waid war ich ziemlich irritiert, als mich der Unfallverursacher fragte, wo er denn am anderen Tag sein Auto abholen könne? Mit etwas Zurückhaltung erklärte ich ihm, dass sein Auto wohl einen Totalschaden erlitten habe und er nur noch seine persönlichen Sachen holen könne. Er insistierte, er werde morgen sein Auto holen. Auch ein erneuter Erklärungsversuch meinerseits scheiterte. Ich bin mir auch nicht sicher, ob er verstand, dass er, ganz abgesehen vom demolierten Auto, sowieso für längere Zeit kein Auto mehr fahren dürfte. So ging das eine Weile hin und her, bis ich endlich den Grund für das Insistieren des Rentners begriff. Er pausierte plötzlich, dachte nach und meinte dann: «Wissen Sie, der Wagen darf auf keinen Fall Schrott sein. Das ist der Firmenwagen meines Sohnes.»

Die Geschichte beschäftigte mich noch eine Weile. Der Rentner war sympathisch und ein bisschen Abenteuer ist dem Alter zu gönnen. Auf der anderen Seite konnte er von Glück reden: Wäre jemand am Strassenrand oder im Tramhäuschen gewesen, hätte es böse geendet. Mit einer freiwilligen Promille-Wegfahrsperre hätte er seine verhängnisvolle Blaufahrt selber verhindern können.

Toby Merkli

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