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Wie eine Tasse Kaffee ein Leben rettet

Veröffentlicht am Mittwoch, 10. Juni 2015 um 11.09 Uhr
Von Toby Merkli

    
 

Die Berufsfeuerwehr von Schutz & Rettung verfügt über mehrere Sprungretter. Die aufblasbaren Geräte erinnern an Kinderhüpfburgen, kommen aber in dramatischen Situationen zum Einsatz. Dann, wenn Menschen sich das Leben durch einen Sprung aus grosser Höhe nehmen oder zumindest auf ihre verzweifelte Situation aufmerksam machen wollen.

Genau für einen solchen Fall rückten wir an einem späten Nachmittag in die Zürcher Innenstadt aus. Ein Mann sass wild gestikulierend auf dem Sims eines Fensters im dritten Stock. Besorgte Nachbarn alarmierten die Polizei und somit auch die Feuerwehr sowie den Rettungsdienst. Als Sofortmassnahme platzierten wir den Sprungretter direkt unter dem Fenster, während die Polizei von der ebenfalls aufgebotenen Psychiaterin des Mannes über seinen Zustand und seine Vorgeschichte informiert wurde.

Die Polizisten versuchten, den Mann von der verschlossenen Wohnungstür aus in ein Gespräch zu verwickeln und ihn so vom Fenster wegzulocken. Wir wollten unseren Drehleiterkorb vor dem Fenster platzieren und mit ihm den Weg aus dem Fenster versperren. Unter dem Vorwand, er solle einen Ausweis unter der Tür durchschieben, gelang es den beiden Polizisten tatsächlich, den Mann vom Fenster in die Wohnung zu locken. Indes manövrierte unser Maschinist den Korb vor das Fenster. Doch das gefiel dem Mann gar nicht. Als der Korb sich vors Fenster bewegte, ergriff er auf seinem Esstisch eine Pistole und richtete sie gegen sich selbst. Aus dem Funk hörte ich meinen Kollegen im Korb: «Er hat eine Faustfeuerwaffe!» Gleichzeitig zog er die Leiter nach oben und steuerte sie über das Dach, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Situation war nun höchst unberechenbar und gefährlich für alle.

Wir zogen uns erst mal zurück hinter die sicheren Gebäudemauern. Die beiden Polizisten rüsteten sich zur Sicherheit mit Maschinenpistolen aus, bezogen Stellung mit Sicht auf das Fenster und boten die Interventionseinheit Skorpion auf. Die angerückten Polizeigrenadiere übernahmen nach Absprache mit unserem Einsatzleiter die Führung, sicherten die Haustür und das Fenster. Während wir Personen im gegenüberliegenden Haus evakuierten, postierten sich Scharfschützen in den Räumlichkeiten.

Wer nun aber glaubt, dass viel Action folgte, irrt sich. Die Polizei setzte vielmehr auf Zeitgewinn. Zusammen mit der Psychiaterin verwickelte sie den Mann in ein Gespräch. Nach über zwei Stunden verhandeln äusserte dieser den Wunsch auf eine Tasse Kaffee. Und um diese entgegenzunehmen, musste er die Tür öffnen. Da griffen die Skorpione zu und konnten den Mann überrumpeln. Der völlig erschöpfte Patient wurde durch die Polizei in Begleitung zweier Rettungssanitäter in die psychiatrische Universitätsklinik «Burghölzli» gebracht.

Wir atmeten durch, liessen die Luft aus unserem Sprungretter und machten uns auf den Heimweg. Die Nachbarn gingen zurück in ihre Wohnungen. Zurück auf der Wache, setzte ich mich in die Wachstube und trank eine Tasse Kaffee.

Toby Merkli

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