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Definitiv zu heiss

Veröffentlicht am Donnerstag, 3. September 2015 um 10.40 Uhr
Von Toby Merkli

    

Wir, das Team 221 von der Triemli Wache, kümmerten uns an einem heissen Wochenende fast ausschliesslich um «den ganz normalen Wahnsinn»: gebrochene Nasen, ausgeschlagene Zähne, Stolperstürze oder Rauschausschlafende. Doch einer schaffte es, Geschichte zu schreiben...

Das Caliente ist ein stadtbekanntes Fest an der Langstrasse. Auch ich genoss schon als Gast das südländische Ambiente, die Salsarhythmen und den mit Limetten verfeinerten Cachaça. Dass ein grosses Fest, bei welchem der Zuckerrohrschnaps nicht nur in «Genussdosis» fliesst, auch ein grosses Arbeitsvolumen für den Rettungsdienst hergibt, erfuhr ich an einem anderen Abend, an dem ich Dienstes halber fast die ganze Nacht lang immer wieder an die Langstrasse ausrückte. Wir, das Team 221 von der Triemli Wache, kümmerten uns fast ausschliesslich um «den ganz normalen Wahnsinn»: gebrochene Nasen, ausgeschlagene Zähne, Stolperstürze oder Rauschausschlafende.

Einer aber schaffte es, Geschichte zu schreiben. Angelockt durch eine Gruppe Latinas, welche auf einem Balkon tanzte, versuchte er, sich am Fallrohr der Dachrinne hochzuangeln. Auf zirka drei Meter Höhe – kurz vor dem Ziel – gab das Kupferrohr nach und der Kletterer fiel mitsamt dem Rohrstück auf den Gehsteig. Unser Patient hatte ein Riesenglück. Er kam mit einem gebrochenen Fussgelenk und einer leichten Hirnerschütterung davon.

Bis dahin war es ein mehr oder weniger alltäglicher Einsatz. Doch über den Fortlauf der Geschichte kann ich noch heute nur den Kopf schütteln. Wir stellten unseren RTW auf der Strasse ab, entluden die Trage und kümmerten uns um den Patienten. Wir wollten ihn so schnell wie möglich im Auto haben, wo wir in Ruhe arbeiten können. Als ich mich wieder umdrehte, lag irgendein Witzbold auf der Trage und machte es sich gemütlich. Genervt scheuchte ich ihn weg und erntete hämische Kommentare von den Umstehenden. «Hey, nimm’s locker. Är isch ja nur e chli müed.»

Wir luden unseren Patienten ein, verabreichten ihm Schmerzmittel und stellten das Gelenk ruhig. Doch als ich Richtung Waid davonfuhr, bemerkte ich, wie ein «blinder Passagier» auf dem Trittbrett das Fahrzeug ordentlich ins Wanken brachte. Er wurde zum Glück von der nächsten Polizeipatrouille entfernt. Ich betätigte ausnahmsweise das Blaulicht, um den RTW besser sichtbar zu machen und die Langstrasse verlassen zu können. Einige Festbesucher forderte ich über Lautsprecher auf, mir Platz zu machen. Einem fiel trotzdem nichts Besseres ein, als sich unserem RTW eine ganze Weile tanzend in den Weg zu stellen. So erreichte ich das Ende des Limmatplatzes nur schleppend. Danach schaltete ich das Sondersignal aus und konnte auf fast leeren Strassen ins Waid-Spital fahren.

Noch heute frage ich mich, was in Köpfen von Leuten vorgeht, wenn sie einen Rettungswagen dermassen behindern. Vermutlich nicht mehr viel. Natürlich spielte es in diesem Fall keine Rolle, denn unser Patient war von der Verletzung her nicht dringlich. Nur: Das wussten die Leute draussen ja nicht. Nicht auszudenken, wenn es eine Rückenverletzung gewesen wäre, bei welcher die kleinste Bewegung verheerend sein kann, oder ein Schädel-Hirn-Trauma, bei welchem jede Sekunde zählt.

Toby Merkli

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