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Mit Schirm, Charme und viel Geduld

Veröffentlicht am Montag, 13. Februar 2017 um 16.21 Uhr
Von Toby Merkli

        

Ein Umzug ist nicht einfach zu verkraften, schon gar nicht, wenn er von einem Altersheim ins andere führt. Als wir mit dem Rettungsdienst die letzte Bewohnerin aus dem Altersheim Buttenau abholten, war all mein Feingefühl und Charme gefragt.

Nicht alle städtischen Altersheime befinden sich auf Stadtgebiet. Es gibt Ausnahmen wie zum Beispiel das Altersheim Buttenau, welches in Adliswil direkt neben dem Tierpark Langenberg liegt. Da die Zürcher Alterszentren in den nächsten Jahren allesamt renoviert werden, braucht es eine sogenannte «Rochadefläche», also ein Ersatz-Altersheim, wo die Bewohnerinnen und Bewohner temporär, für die Zeit der Sanierungsarbeiten ihres Altersheims untergebracht werden können: Dafür ist das Altersheim Buttenau vorgesehen. Dessen Bewohnerinnen und Bewohner sowie das meiste Personal sind deshalb in den letzten Jahren kontinuierlich auf andere Standorte verteilt worden. 

Unser Auftrag als Team 111 des Rettungsdienstes an diesem verregneten Freitag lautete: die letzte Bewohnerin auf ihrem Umzug ins Pflegezentrum Entlisberg zu begleiten. In Adliswil angekommen, nahm uns die Zentrumsleiterin persönlich in Empfang. Obwohl das Haus fast leer stand und nur noch eine Hand voll Personal vor Ort war, machte es einen belebten Eindruck. Die Zentrumsleiterin machte uns gleich klar, dass unsere Patientin das Haus nur widerwillig verlasse und sie allgemein eine eher Anstrengende sei. Anstrengend heisst bei uns im Rettungsdienst so viel wie nicht besonders kooperativ, fordernd und oft auch nörgelnd.

Als ich das Zimmer betrat blies mir, wie erwartet, ein kalter Wind entgegen. Die alte Dame sass auf ihrem Bett. Ohne zu grüssen stellte sie gleich klar, dass wir eine Viertelstunde zu früh seien und sie diese 15 Minuten noch brauche. «Kein Problem, selbstverständlich», erwiderte ich, und gab ihr zu verstehen, dass wir ihr die nötige Zeit geben und solange draussen warten.

Bei einem Kaffee erfuhren wir mehr über die aktuellen Umstände und die Zukunft des Hauses. Sicherlich keine einfache Sache, und dennoch hatte ich den Eindruck, dass die Stimmung zwischen der Zentrumsleitung und dem verbliebenen Personal sehr gut war. Nach der kurzen Pause starteten wir einen erneuten Versuch. Mit grösstmöglichem Charme begegnete ich der Dame und siehe da, es ging relativ flott. Arm in Arm spazierten wir durch die Gänge Richtung Ausgang. Draussen regnete es in Strömen. Für die wenigen Meter von der Tür bis zur Ambulanz schnappte ich mir einen Schirm, damit die Gute auch trocken zu uns in den Wagen kam. Mittlerweile hatte sich das gesamte verbliebene Personal zum Abschied versammelt. Mit vielen lieben Worten und auch Umarmungen wurde sie entlassen. 

Um ihr die hohen Stufen zu ersparen, setzte ich sie auf unseren Rollstuhl und hob sie mit dem Lift in die Ambulanz. Als sie da so sass und in die Luft «schwebte», klatschte und winkte das Personal. «Wie eine Königin!», rief jemand und so musste sie sich wohl gefühlt haben. Wie die Queen! Und jemand sagte leise: «Schau, sie hat sogar gelächelt». Etwas, das man bei ihr wohl eher selten sah. Dass das Personal ihr, der Anstrengenden, einen solch rührenden Abschied bescherte, freute mich besonders. Und dass wir der Dame die «Zügelte» so angenehm und menschlich wie möglich gestalteten, ist für mich als Berufsretter eine Selbstverständlichkeit.

Toby Merkli

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