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Verflixt und zugeklebt

Veröffentlicht am Donnerstag, 15. Juni 2017 um 16.21 Uhr
Von Toby Merkli

Einige Einsätze hinterlassen Spuren. In diesem Fall eine abgefräste Strasse sowie kleine Lackspritzer auf der Brandschutzhose von Berufsretter Toby Merkli. Wie es dazu kam, erfahren Sie in Tobys Einsatzgeschichte.

        

Es war kurz nach Mittag. Wir tranken in der Stube der Wache Süd noch gemütlich Kaffee und tauschten die neusten Geschichten aus. Bei der Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung ging derweil die Meldung ein, dass an der Ecke Badener- und Hohlstrasse ein Lieferwagen mit oranger Gefahrentafel gekippt sei. Orange Tafel? Das weist darauf hin, dass ein Fahrzeug Gefahrengut transportiert. Um was es sich genau handelte, wussten wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Wenig später rückten wir mit einem Tanklöschfahrzeug und dem Chemiewehrfahrzeug aus. 

Vor Ort trafen wir auf einen zur Seite gekippten Transportanhänger. Er hatte IBC-Tanks geladen, Fassvermögen 2000 Liter. IBC-Tanks oder Intermediate-Bulk-Container werden für den Transport und die Lagerung flüssiger Stoffe, meist Chemikalien, verwendet. Einer der Tanks war beschädigt und eine milchige, zähe Flüssigkeit lief auf die Strasse aus. Also hiess es zuerst, diese Masse mit Ölbinder von den Regenschächten fernzuhalten, um eine Verschmutzung des Wassers zu verhindern. Zudem versuchten wir mit allen Mitteln, zu verhindern, dass weitere Flüssigkeit auslief. Unterdessen suchte der Einsatzleiter nach Informationen zum Stoff. Keine einfache Aufgabe, denn auch der Chauffeur wusste nicht genau, was er da transportierte. 

Die Flüssigkeit wurde derweil immer träger. Es bildete sich eine Kruste, ähnlich einer Harstschicht auf Schnee, und unser Werkzeug verklebte rasant. Beim Versuch, die restliche Flüssigkeit im havarierten Tank in einen Ersatztank umzupumpen, verklebte sogar die Pumpe innert kürzester Zeit. 

Der Einsatzleiter hatte inzwischen endlich einen Mitarbeiter des Herstellers am Draht: Bei der zähen, milchigen Masse handelte es sich um einen Lack, der hauchdünn auf Papier gespritzt und zur Herstellung von Hochglanzmagazinen verwendet wird. Von hauchdünn konnte hier aber nicht die Rede sein. Zentimeterdick lagen rund 500 Liter des Lacks auf der Strasse. Alles, was damit in Berührung kam, blieb verschmutzt. Ein Lösungsmittel gab es laut Hersteller nicht. 

Behutsam wurde der noch intakte Tank mit einem Kran geborgen und der beschädigte langsam aufgerichtet. Glücklicherweise hatten sich die undichten Stellen mittlerweile durch die Masse teils selbst verklebt und wurden von uns zusätzlich verstopft. So konnte auch der beschädigte Tank geborgen und in einem Ersatzbehälter verpackt entsorgt werden. Die Bergung des Anhängers gestaltete sich einfach, er war nicht mal gross beschädigt. Aber die Reinigung der Strasse dauerte ewig. Die Masse, die noch nicht ganz verhärtet war, schaufelten wir in Kunststoffbehälter, den Rest liessen wir trocknen. Er wurde später mit einer Spezialmaschine mitsamt der obersten Belagsschicht abgefräst. Die Spuren sind heute – einige Jahre später – auf der Strasse noch immer gut sichtbar. Für unser Material gab es keine Rettung mehr: Schaufeln, Besen und sogar eine Fasspumpe – alles musste entsorgt werden. 

Ich werde noch heute fast täglich an dieses Ereignis erinnert, denn an meinen Einsatzstiefeln wie auch an den Brandschutzhosen kleben kleine Lackspritzer, die sich trotz Waschen und Bürsten nicht haben entfernen lassen. Also arbeite ich bis heute noch immer ein bisschen in Hochglanz.

Toby Merkli

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