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Erst die Pflicht

Veröffentlicht am Montag, 25. März 2019 um 14.11 Uhr
Von Toby Merkli

Als uns die Alarmmeldung «Fuss in Rasenmäher eingeklemmt» erreichte, konnten wir uns nicht so recht vorstellen,was uns wohl erwarten würde. Rasenmäher gibt es ja bekanntlich verschiedene: fahrbare oder solche zum Stossen, Spindelmäher oder solche mit Messer. Aber wie klemmt man sich da einen Fuss ein? 

Kurze Zeit später schlängelten wir uns mit unserem Rettungswagen durch ein kleines Strässchen auf eine Anhöhe etwas ausserhalb von Zürich. Bei einem abgelegenen, von einer grossen Wiese, einigen Hundeboxen und einem Hundespielplatz umgebenen Bauernhäuschen angekommen, wurden wir von wildem Gebell empfangen. Zu sehen war niemand. Als wir uns aber der Haustür näherten, entdeckten wir eine nicht zu übersehende Blutspur, welche ins Haus führte und erst in der Küche endete. Dort sass eine junge, etwas blasse Frau. Aus ihrem Gummistiefel tropfte Blut. 

Während ich den Stiefel, der über die ganze Zehenkappe aufgeschnitten war, genauer inspizierte, erzählte sie uns, was genau passiert war: Sie habe die Hunde rausgelassen, die Boxen gereinigt und danach den Rasen gemäht. Dabei sei ihr beim Rückwärtslaufen der Stiefel unter den Mäher geraten. Als ich den Stiefel auseinanderzog, stellte ich fest, dass der grosse Zeh grösstenteils abgetrennt war und nur noch an einem Stück Haut hing. «Wie haben Sie es dann noch zurück in die Küche geschafft?», fragte ich erstaunt. Mit einer unglaublichen Coolness erzählte sie, wie sie erst die Hunde zurück in die Boxen gebracht, sie mit Futter versorgt habe und dann die rund 200 Meter zum Nachbar gehumpelt sei, um diesen zu bitten, am Nachmittag nochmals bei den Tieren zum Rechten zu schauen, denn sie müsse kurz zum Arzt. Zurück in der Hundestation – die, wie wir später erfuhren, vom Tierspital Zürich betrieben wird – rief sie ihren Chef an und entschuldigte sich: Sie brauche medizinische Hilfe, da sie den Fuss im Mäher eingeklemmt habe. Die Hunde seien aber wohlauf und gut versorgt. Unglaublich, nach all dem wollte sie selbstständig mit dem Auto zum Arzt fahren. Der Chef reagierte jedoch richtig und alarmierte umgehend den Rettungsdienst. 

Um keinen weiteren Schaden am Zeh zu riskieren, schnitten wir den Stiefel mit grosser Vorsicht auf und entfernten ihn. Den Fuss wickelten wir in einen sterilen Verband. Die Patientin versorgten wir mit einer Infusion und einem starken Schmerzmittel – bevor wir uns mit Sondersignal auf den Weg ins Spital machten. 

Zum Glück war «nur» der grosse Zeh betroffen. Er konnte samt Knochen, Sehnen und Nerven wieder angenäht werden und ist heute wieder voll funktionsfähig. Glück im Unglück also. Glücklich schätzen konnten sich übrigens auch die Hunde: Es war vielleicht auch ein wenig der Schock, aber mit Sicherheit ein unglaubliches Pflichtbewusstsein und Wohlwollen gegenüber den Tieren, welches die junge Frau dazu angetrieben hatte, selbst in dieser Ausnahmesituation deren Wohl vor ihr eigenes zu stellen.

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