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«Männergrippe»

Veröffentlicht am Dienstag, 24. September 2019 um 11.16 Uhr
Von Toby Merkli
Rettungssanitäter/-in behandeln einen Patienten

Es war 3 Uhr morgens. Wir vom Team 211 waren endlich mal zurück auf der Wache Triemli. Seit Schichtbeginn befanden wir uns – wie üblich für Freitagnacht – im Dauereinsatz. In der Hoffnung auf eine Ruhephase legte ich mich auf einen Liegestuhl im Ruheraum und schloss die Augen.

Gewöhnlich schlafe ich recht schnell ein, was bei unserem Job mit unregelmässigen und meist kurzen Pausen von grossem Vorteil ist. In einsatzreichen Nächten wie dieser fällt es aber auch mir mal schwer, auf Kommando herunterzufahren. Viel Erlebtes geht einem nochmals durch den Kopf: Blaulichtfahrten, Patientinnen und Patienten, Schicksale …

Ich war gerade eingedöst, als der Pager erneut losging. Die Einsatzmeldung lautete «Männlich, 37, Fieber.» – «Fieber?», fragten wir uns. Naja – in extremer oder ungewohnter Form kann es schon mal einen berechtigten Einsatz generieren: So kann zum Beispiel ein Fieberkrampf bei einem Kleinkind oder ein Infekt mit Temperaturen von 40 Grad und mehr, insbesondere bei älteren Menschen, sehr schnell äusserst gefährlich werden. Auf unserem Einsatzauftrag stand aber nichts dergleichen. Ohne Sondersignal machten wir uns also auf den Weg zu einem sehr nahe gelegenen Quartier.

Vor Ort wartete ein aufgeregter Mitdreissiger auf uns, in seinem Arm ein knapp einjähriges Kind und im Hintergrund seine Frau. «Also doch ein Fieberkrampf», dachten wir uns. Als wir den Herrn ansprachen, wurde aber schnell klar, dass tatsächlich er der Patient war. «Und was ist mit dem Kind?», wollte ich wissen. Die Frage überhörte er, denn er sass schon im Rettungswagen. Daraufhin bat ihn meine Kollegin – bestimmt, aber höflich – das Kind der Mutter zu übergeben. Es gab schlicht keinen Grund, dass die Kleine bei ihrem «erkrankten» Vater auf dem Schoss sass, zumal die gesunde Mutter ja vor dem Auto stand. Wie üblich wollte ich vom Patienten wissen, was genau das Problem sei: allfällige Symptome, Beginn und Verlauf des Übels. Ich staunte nicht schlecht, als mir der junge Mann erzählte, dass er gestern Abend 38 Grad Fieber gehabt hätte, worauf er ein fiebersenkendes Medikament eingenommen hätte. Nun habe er wieder starkes Fieber. Ich mass seine Temperatur mit unserem Ohrthermometer – 37,8 Grad.

Hallo? Es gibt Leute, die gehen mit erhöhter Temperatur noch arbeiten! Nehmen Sie doch eine weitere Tablette und bleiben Sie im Bett, dachte ich mir. Wenn es nicht besser wird, kann man tagsüber immer noch den Hausarzt konsultieren oder einen SOS-Arzt kommen lassen. Wir hingegen kommen mit einem Rettungswagen für Notfälle! Ich holte tief Luft und erklärte dem Mann höflich, aber bestimmt, dass wir für Notfälle zuständig sind und er sich bei Bedarf bei der Ärztin oder beim Arzt seines Vertrauens melden soll. Da offensichtlich kein dringliches medizinisches Problem vorlag, verabschiedeten wir uns und meldeten uns wieder bei der Einsatzleitzentrale an.

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