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«An die Pume, Fertig, Los!»

Fünfmal pro Jahr trainieren die Angehörigen des Umpumppiketts, damit sie im Ernstfall grosse Mengen gefährlicher Flüssigkeiten oder Gase aus lädierten Tanks sicherstellen können. «24h» hat die Übung vom 2. Juli 2019 begleitet.

Ein Feuerwehrmann schliesst die Umpumpleitung am Havaristen an

Chemiewehrschule Zofingen, 7 Uhr: Dunkle Gewitterwolken hängen über den ausgebrannten Autos und russgeschwärzten Tanks des Übungsgeländes. Während der Himmel seine Schleusen öffnet, begrüsst Christian Spörri, Stellvertretender Leiter Feuerwehr der GVZ, gut gelaunt die Mitglieder des Umpumppiketts (UPP). Sie erwartet ein spannendes Übungsszenario: den Inhalt zweier transportunfähiger Tanklastwagen (Havaristen) in einen geeigneten Tank (Reservist) umzupumpen – heute handelt es sich um 50-prozentige Natronlauge und Heizöl. «Ich bin sehr froh, dass wir dank der echten Substanzen unter kalkuliertem Risiko üben können. Die Sicherheit steht wie bei allen Einsätzen an erster Stelle», erzählt Christian, während sich die Feuerwehrleute auf die zwei Posten verteilen. «Würden wir nur mit Wasser üben, wäre der Lerneffekt nicht der gleiche. Ausserdem erlangen die Übungsteilnehmenden mehr Sicherheit für den Ernstfall – und mindern ihre  Nervosität im Einsatz.»

Sorgfältige Vorbereitung

Bei den Übungsposten haben sich die Feuerwehrleute inzwischen einen Überblick verschafft. Die Offiziere teilen sie in verschiedenen Verantwortungsbereiche ein. Im strömenden Regen besichtigen sie Tanklastwagen, Zugänge und Gelände. Da das UPP kein Ersteinsatzelement ist, zählen Abdichten und Absichern nicht zum Übungsszenario. Kurz vor 8 Uhr gehts los: Eine Gruppe baut die Gefahrenzone auf und sperrt das Gelände ab. Währenddessen suchen ihre Kolleginnen und Kollegen nach geeigneten Verbindungsstücken, um die Umpumpleitungen zu bauen. Dabei stehen ihnen über 200 Stücke zu Verfügung. «Auf unseren Strassen fahren Tanklastwagen aus aller Welt, jedes Land nutzt andere Anschlüsse», erklärt Materialwart Andreas Neukomm die Herausforderung. In der Zwischenzeit bespricht sich die Chemiefachberaterin mit dem Einsatzleiter. Sie empfiehlt den nötigen Schutzgrad der Einsatzkräfte und wie das Material nach dem Einsatz zu neutralisieren bzw. reinigen ist. Gleichzeitig bauen die Feuerwehrleute die Dekontaminationsstelle und den dreifachen Brandschutz mit Wasser, Pulver und Schaum auf.

Zum Entleeren übersteuern

Die Vorbereitungen für den eigentlichen Pumpvorgang laufen an beiden Posten ähnlich ab. Trotzdem gibt es je nach Substanz und Tanklastwagen Unterschiede: Beim Posten Heizöl muss die am Wagen vorhandene Steuerung zum Entleeren des Tanks übersteuert werden. Die Feuerwehrleute schliessen dazu verschiedene Ventile an, um mit Druckluft die Steuerung zu übernehmen. Erst wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, schliesst ein Feuerwehrmann im Chemieschutzanzug (Tychem) die Leitung am Havaristen an. Die Sonne hat sich inzwischen durchgesetzt und sorgt bei diesen letzten Handgriffen für zusätzliche Schweisstropfen. Nun müssen alle Personen ohne Schutzanzug die Gefahrenzone verlassen, denn die Feuerwehrleute nehmen die Pumpen in Betrieb. Nach 45 Minuten sind die rund 10 000 Liter Heizöl umgepumpt.

Gemischtes Team – grosses Fachwissen

Das UPP setzt sich aus verschiedenen Spezialisten zusammen

Um 11.30 Uhr sitzen wir beim Mittagessen. Mir fallen die unterschiedlichen Uniformen am Tisch auf. Für das UPP sind nicht nur Mitarbeitende von SRZ im Einsatz, sondern auch Feuerwehrleute von Winterthur, Dielsdorf und Meilen. Dazu kommen weitere Spezialisten sowie die Fachpersonen der SBB, der Kolb AG und der Midor AG. «Das Zusammenspiel zwischen Feuerwehr und Industrie ist sehr wertvoll», sagt Christian Spörri zur vielfältigen Zusammensetzung. «Jede und jeder kann vom speziellen Fachwissen des anderen profitieren.»

Arbeiten unter erschwerten Bedingungen

Dass die Mitglieder des UPP ein eingespieltes Team sind, zeigt sich auch am Nachmittag. Die Natronlauge soll vom Reservisten zurück in den Havaristen gepumpt werden. Die beiden Feuerwehrleute, die in der Gefahrenzone arbeiten, werden mit dem Chemieschutzanzug eingekleidet.

Vor dem Eintritt in die Gefahrenzone notieren sie Namen und Uhrzeit auf dem Anzug. «So haben wir die Übersicht, wer wie lange im Anzug arbeitet», meint Andreas. «Bei  den aktuellen knapp 30 Grad ist die Arbeit im luftdichten Tychem an der prallen Sonne extrem anstrengend.» Fast 40 Minuten dauert das Umpumpen, und man sieht, wie die Gesichter im Anzug ein immer dunkleres Rot annehmen.

Aufwändige Retablierungsarbeiten

Die Schutzanzüge werden sorgfältig gereinigt und geprüft

Doch egal, wie schweisstreibend die Arbeit ist – der Anzug kann nicht einfach ausgezogen werden, zuerst muss die Ablösung sichergestellt sein. Während die Leitungen und Pumpe mit Zitronensäure neutralisiert werden, kümmern sich die Feuerwehrleute der Deko-Stelle um die beiden Feuerwehrmänner im Tychem. Sie duschen die Schutzanzüge und die Hände sorgfältig ab und kontrollieren mit pH-Papier, ob noch Verunreinigungen durch Lauge vorhanden sind. Erst wenn die Lauge komplett neutralisiert ist, können die beiden aus ihren Anzügen befreit werden. Ebenso aufwendig gestaltet sich das Aufräumen des Materials: sämtliche Pumpen, Verbindungsstücke und Schläuche müssen neutralisiert und mit pH-Papier überprüft werden. Trotz sorgfältigem und anstrengendem Retablieren vor Ort – die letzten Arbeiten werden in der Wache Flughafen ausgeführt. Dort wird das Material des UPP nämlich gelagert. Die Schläuche werden zum Trocknen aufgehängt und das verbrauchte Material wieder aufgefüllt und kontrolliert. Doch das interessiert heute niemanden mehr – jetzt lockt eine kalte Dusche.

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