Global Navigation

"In zehn Jahren wird die flächendeckende Bereitstellung von Daten der öffentlichen Verwaltung selbstverständlich sein"

Veröffentlicht am Dienstag, 26. Mai 2015 um 09.30 Uhr
Von Reto Wick
André Golliez ist Co-Gründer und Präsident des Vereins Opendata.ch

Herr Golliez, Sie gelten in der Schweiz als einer der Vorreiter und –denker im Bereich Open Data, sind Mitgründer des Vereins opendata.ch. Skizzieren Sie bitte kurz Ihre persönliche Vision von Open Government Data für die Schweiz?

In spätestens zehn Jahren wird die flächendeckende Bereitstellung und Nutzung der Daten der öffentlichen Verwaltung, der Unternehmen des öffentlichen Sektors sowie der mit öffentlichen Mitteln finanzierten Forschung eine Selbstverständlichkeit sein. Aus verteilten und abgeschlossenen Datensilos entsteht eine offene und vernetzte Dateninfrastruktur, welche von allen Bürgerinnen und Bürgern für ihre wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aktivitäten genutzt werden kann. 

Wie weit sind wir heute, 2015, von diesem Zustand entfernt? Welche Schritte sind noch nötig auf dem Weg zu der von Ihnen aufgezeigten Schweiz? Welches sind die grössten Eisberge, die es zu umschiffen gilt?

Ausgehend vom heutigen Stand von Open Government Data in der Schweiz geht es in den nächsten 3 bis 4 Jahren darum, das Angebot an Daten systematisch auf- und auszubauen. Dies ist meiner Meinung nach zentral! Daten dürfen nicht nur punktuell, vereinzelt und zufällig verfügbar sein, sondern müssen systematisch, umfangreich, flächendeckend und einheitlich bereitgestellt werden. Viele Daten werden durch das flächenhafte Vorhandensein überhaupt erst wirtschaftlich interessant.

Zentral ist auch die Förderung des Dialogs zwischen den Datennutzern und den Datenprovidern. Durch diesen Dialog können das Datenangebot und die Datenanfrage gleichgeschaltet und die zur Verfügung gestellten Daten den Anforderungen der Nutzer angepasst werden. Ich sehe hier v.a. Vertreter aus den Sektoren Verkehr, Gesundheit, Energie und Erziehung/Bildung gefordert. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass gerade Daten aus diesen Bereichen stark nachgefragt werden.

Im Bereich der Nutzung haben Unternehmungen das Potenzial, das sich mit Open Data eröffnet, grösstenteils noch nicht erkannt. Es fehlt am Knowhow, wie die offenen Daten in die eigenen Daten integriert werden können. Es fehlt aber auch an der Wahrnehmung, an der Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem neuen Thema und nicht zuletzt auch an innovativen Tools und Methoden zum Umgang mit den Daten. Dies gilt es zu fördern.

Das ist wiederum nicht ohne politische Massnahmen möglich, wobei ich hier ausdrücklich das Wort «Wirtschaftsförderung» vermeiden möchte. Ich kann mir gut vorstellen, dass z.B. nationale Forschungsprogramme, ein Programm im Stile eines Open-Data-Institutes oder auch des Impact-Hubs in Zürich, viel in diese Richtung bewirken können. Diese Massnahmen sind aus meiner Sicht dringend nötig, um im Bereich OGD in die Gänge zu kommen.

Verwaltungsintern stelle ich teils grosse Widerstände und Vorbehalte gegenüber dem Thema OGD fest. Es handelt sich um ein neues, ungewohntes Gebiet, es fehlt teilweise an Know-How und Budget. Die Bereitschaft zum dringend benötigten Kulturwandel hin zur Öffnung lässt sich bisher nur sporadisch erkennen. Für die Politik ist des Thema zu wenig greifbar, der Nutzen auch für die breite Bevölkerung nicht sofort fassbar. Dadurch ist das politische Interesse an Open Data eher gering, es eignet es sich kaum als Wahlkampfthema.

Nicht zuletzt braucht es für den Erfolg von OGD eine Gesetzesinitiative, welche die rechtlichen Rahmenbedingungen festlegt. Hier sehe ich den Bund klar im Lead.

Auf den ersten Blick dürfte das föderalistische System der Schweiz einer landesweiten Umsetzung von OGD eher im Wege stehen. Sehen Sie auch Chancen, die sich im Bereich OGD aus dieser Struktur ergeben?

Natürlich ist die föderalistische Struktur nicht gerade förderlich für unsere Anliegen. Sie bietet jedoch durchaus auch Chancen! Eine grosse Stadt bzw. Gemeinde wie z.B. die Stadt Zürich kann im Sinne von Bottom-Up in Eigenregie etwas umsetzen und Schwung erzeugen. Gerade die oft lokal organisierten Communities begünstigen dies und profitieren letztlich auch von Initiativen auf lokaler Ebene, die spezifischer auf ihre Anliegen eingehen können. Einen landesweiten Gleichschritt erachte ich hier auch gar nicht als nötig.

Ich sehe aber auch den Bund in der Pflicht, eine zentrale Infrastruktur anzubieten, an der Kantone und Gemeinden partizipieren können. Und nicht zuletzt geht es darum auf Bundesebene gesetzliche Grundlagen zu schaffen, die zumindest auf Bundesebene verpflichtend sind. Diese könnten von Kantonen und Gemeinden ohne grossen Mehraufwand adaptiert werden.

Hier erhoffe ich mir eine ähnliche Bewegung wie beim BGÖ [Bundesgesetz über das Öffentlichkeitsprinzip der Verwaltung, Anm. R.Wick]. Der Bund ging 2006 mit gutem Beispiel voran, Kantone und Gemeinden haben diese Vorlage aufgenommen und für sich angepasst.

Welche Rolle kann die Stadt Zürich, die ja bereits 2012 ein eigenes OGD-Projekt startete, dabei übernehmen?

Die Stadt Zürich wird ihre Pionierrolle hoffentlich weiterhin wahrnehmen. Ist sie doch schweizweit noch immer die einzige Stadt und Gemeinde, die aktiv OGD betreibt. Diese Leuchtturm-Rolle ist weiterhin nötig!

Aber auch hier schlummert noch viel Potenzial. Die Bereiche Verkehr, Gesundheit, Energie und Erziehung sind noch lange nicht ausgeschöpft. Aus meiner Sicht empfiehlt sich eine enge Kooperation mit dem Kanton Zürich, schliesslich enden diese Daten an keiner Gemeindegrenze. Und gerade in Bereichen wie «Smart City», die auf Datenbasis Prozesse systematisch unterstützen, könnte ich mir eine zentrale Rolle von OGD für die städtische Strategie vorstellen. Stichwort «Urban Data to Decide».

Weitere Informationen