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Dore Heim

Porträt Dore Heim, Fachstellenleiterin 1999–2012
Foto: zVg

«Lohndiskriminierung beeinflusst alle Lebensbereiche»

Dore Heim leitete die Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann von 1999 bis 2012. Geprägt war ihre Zeit von viel Grundlagenarbeit, die auch neue gesellschaftliche Entwicklungen aufgriff. Ein Kernthema war und blieb die Lohngleichheit.

Interview: Rita Torcasso 

Wie war der politische Kontext in der Stadt, als du 1999 die Leitung der Fachstelle übernommen hast?
Wirtschaftlich herrschte Aufbruchsstimmung und die Rechnung der Stadt schloss in den Folgejahren wieder mit einem Überschuss ab. Das änderte aber nichts an den politisch motivierten Abschaffungsversuchen des Büros.

Wie wirkte sich dieser Druck auf die Arbeit aus?
Ich fand das nicht nur schlecht. Unsere Arbeit war nie «courant normal», sondern wir mussten jedes Jahr von Neuem Schwerpunkte setzen und unsere Auswahl begründen.

Habt ihr auch direkt auf politische Veränderungen reagiert?
Die Vereinbarkeit der Erwerbsarbeit mit der Familienarbeit und der Ausbau der ausserhäuslichen Kinderbetreuung waren um die Jahrtausendwende in Zürich intensiv diskutierte Themen. Wir führten 2002 eine Umfrage unter 2500 Müttern und Vätern durch. Sie bildete erstmals die reale Alltagsorganisation von Familien in Zürich ab. Aus der Umfrage entstand dann das Buch «Kunststück Familie» mit Porträts von Müttern und Vätern mit verschiedenen Lebensformen.

Welche Rolle spielte bei der Entwicklung der Projekte das Thema Lohngleichheit?
Es war meistens mitenthalten, weil die Frage der Existenzsicherung und des Lohns ja alle Lebensbereiche beeinflusst, gerade auch die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Betreuungsarbeit.

Das Gleichstellungsgesetz ermöglicht, gegen Diskriminierungen in der Erwerbsarbeit vorzugehen. Wie habt ihr das vermittelt?
Ein wichtiges Instrument wurde die Datenbank  www.gleichstellungsgesetz.ch. Vorher gab es keine Dokumentation der Gerichtsfälle zum Gleichstellungsgesetz. Nachdem ich häufig von Medienleuten und Fachpersonen aus der Beratung nach Fällen gefragt wurde, hatte ich die Idee, eine elektronische Datenbank zu starten. Zusammen mit der kantonalen Fachstelle und mit der damaligen Fachstelle für das städtische Personal haben wir die Datenbank aufgebaut – heute umfasst sie 640 Klagen.

2004 nutzte das Büro Pizzaschachteln, um die Benachteiligung der Frauen beim Lohn und in der Karriere unter die Leute zu bringen. Wie kam das Büro auf diese Idee?
Wir wollten vor allem junge Menschen ansprechen. Sie sollten über Lohndiskriminierung und Karrierehindernisse für Frauen diskutieren. Am besten geeignet schien uns dafür der Esstisch, weil wir so Menschen in verschiedenen Lebensformen ansprechen konnten. Die geniale Idee mit dem Pizzakurier kam dann von der Agentur oyecomm, die von uns den Auftrag für die Kampagne erhalten hatte.

Und wie verlief die Aktion dann konkret?
Während eines Monats wurden 25'000 Schachteln von Pizzakurierdiensten in der ganzen Stadt ausgeliefert. Dazu gab es auf unserer Webseite Infos zu Lohndiskriminierung und wie man sich erfolgreich auf Qualifikationsgespräche vorbereiten kann.

Wie reagierten die Leute auf Aufschriften wie «Ihre Frau verdient mehr als Sie» auf den Pizzaschachteln?
Das Ziel, neue Kreise anzusprechen, haben wir vermutlich erreicht. Denn Al Tonno, der Protagonist der Kampagne, wurde eine Art «Kultfigur», und intensiv genutzt wurde auch die Dokumentation auf unserer Webseite. Und zu guter Letzt nahm dann das Museum für Gestaltung die Schachteln in seine Design-Sammlung auf.

Gab es auch negative Kommentare?
Wie bei jeder Kampagne haben einige Gemeinderäte Sinn und Kosten in Frage gestellt. Doch ich konnte mich darauf berufen, dass Kampagnen zum Auftrag der Fachstelle gehören.

Wie habt ihr danach das Thema Lohngleichheit weiter entwickelt?
Unser nächstes Ziel war Lohntransparenz. Denn es gibt kaum einen wirksameren Hebel für Lohngleichheit, als wenn Angestellte über ihre Löhne reden. Mit Plakaten in der ganzen Stadt forderten wir dazu auf: «Warum so diskret? Reden Sie doch einfach mal über Ihren Lohn».

Habt ihr damit eine Öffnung erreicht?
Eine Debatte hat die Kampagne sicher ausgelöst. Offenlegen der Löhne ist aber im Gegensatz zu andern Ländern in der Schweiz immer noch ein Tabu. Auch wenn es ein Recht ist, über den eigenen Lohn zu reden.

Warum zog sich ausgerechnet das Thema Lohngleichheit wie ein roter Faden durch deine Amtszeit?
Es hat sicher auch damit zu tun, dass ich von der praxisnahen Gewerkschaftsarbeit her ins Büro für Gleichstellung kam. Lohngleichheit war und ist bis heute ein zentrales Thema der Gleichstellungsarbeit. Das Gleichstellungsgesetz ist ein junges Gesetz. In den ersten Jahren mussten wir viel Aufklärungsarbeit leisten, gerade auch in den Betrieben. 2010 gab die Fachstelle gemeinsam mit Statistik Zürich die Studie «Lohnlandschaft Zürich» heraus. Sie machte die Lohnungleichheiten in der Stadt plastisch sichtbar.

Wie beurteilst du die Wirkung in den Betrieben aus heutiger Sicht?
In den folgenden Jahren hat sich nicht mehr viel bewegt, doch jetzt will der Bundesrat die Lohndiskriminierung bekämpfen, indem er die Betriebe verpflichtet, Überprüfungen zu machen. Wir stehen also wieder vor einem spannenden Anfang.

Vieles hat sich verändert, einige «alte» Diskriminierungen blieben bestehen. Kamen auch neue hinzu?
Themen, die wir als erstes Gleichstellungsbüro aufgegriffen haben, waren Frauenhandel, Zwangsheirat und die Situation der Migrantinnen in der Betreuung von alten Menschen. Wir haben immer versucht, polemische Debatten zu versachlichen, indem wir Grundlagen dazu erarbeitet haben. So entstand für die sogenannten Care-Migrantinnen in Privathaushalten ein rechtlicher Ratgeber, der nach meiner Zeit zur Internetplattform www.care-info.ch weiterentwickelt wurde.

Welche Ereignisse haben deine Amtszeit geprägt?
Die Fusion des Gleichstellungsbüros mit der verwaltungsinternen Fachstelle für Frauenfragen war eine grosse Herausforderung, die wir alle gemeinsam gut gemeistert haben. In der neuen Fachstelle für Gleichstellung arbeiteten nun neun Mitarbeiterinnen. Bald kam der erste Mann dazu, auch das ein Gewinn. Ein bedeutsames Ereignis mit Signalwirkung für einen Kulturwandel in der Stadt war für mich die Wahl der ersten Stadtpräsidentin.

Was wünschest du der Fachstelle für die Zukunft?
Dass sie sich die Fähigkeit bewahrt, nahe an den Lebensrealitäten der Zürcher Bevölkerung zu bleiben. Ein dringliches Thema ist die leistungsgetriebene Arbeitswelt, in der nur zählt, was Geld bringt. Sich um andere zu kümmern muss wieder mehr Gewicht erhalten. Eine humanere Arbeitswelt würde die Gleichstellung ein grosses Stück voranbringen.

Zur Person: Dore Heim, 55, ist Historikerin. Sie leitete die Fachstelle von 1999 bis 2012. Seither ist sie als geschäftsführende Sekretärin beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund tätig, wo sie die Dossiers Service Public, Infrastruktur- und Energiepolitik und das Bundespersonal betreut.

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