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Ingrid Schmid

Ingrid Schmid, ehemalige Gemeinderätin
Foto: Renate Wernli

«Die Frauen liessen sich nicht mehr abwimmeln»

Ingrid Schmid war im Gemeinderat die treibende Kraft, dass 1989 über eine Zürcher Amtsstelle für die Gleichstellung von Frau und Mann abgestimmt wurde.

Interview: Rita Torcasso 

Was gab den Ausschlag, dass Sie Anfang der 80er-Jahre im Gemeinderat mit einer Motion eine Amtsstelle für Frauenfragen forderten?
Im Juni 1981 wurde der Verfassungsartikel für Gleiche Rechte in die Bundesverfassung aufgenommen. Ich nahm das nach drei Jahren im Gemeinderat als Anlass für die Motion. Bereits 1979 hatten 12 der damals 17 Frauen im Rat ein Postulat mitunterzeichnet, das Massnahmen zur Aufhebung der Diskriminierung von Frauen forderte. 

Wie war damals das politische Klima in der Stadt?
Die Motion wurde abgelehnt mit der Begründung, Gleichstellung sei Sache des Bundes und des Kantons. Doch die Frauen liessen sich nicht mehr abwimmeln. In der Zeit begannen sich immer mehr gegen die krassen Diskriminierungen zu organisieren. Ich wurde 1982  von der POCH als Kandidatin für den Stadtrat und für das Stadtpräsidium aufgestellt, um ein Zeichen «gegen den Männerklub» zu setzen. 

1986 schoben Sie mit einer Einzelinitiative für die Amtsstelle nach. Gab es einen besonderen Anlass?
In diesem Jahr veröffentlichte der Bundesrat den ersten Bericht über die Gleichstellung von Frau und Mann, der die Diskriminierungen in allen Lebensbereichen aufzeigte. Ich fand, dass das der richtige Moment war, nochmals an die Verantwortung der Stadt zu appellieren. Unterstützt wurde ich auch von bürgerlichen Frauen im Gemeinderat. 

Was wollten Sie persönlich erreichen?
Für mich war klar, dass Frauen dieselben Möglichkeiten wie Männer haben sollen, bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse mitzuwirken. Es ging mir um grundlegende Veränderungen, um eine frauen- und umweltfreundlichere Gesellschaft.

Ihre Initiative wurde im Gemeinderat zwei Jahre später mit 80:32 Stimmen überwiesen. Hatten Sie soviel Zustimmung erwartet?
Die Diskussion wurde zuerst einmal lange verzögert. Als sie dann endlich stattfand, war ich nicht mehr im Rat. Eine Rolle für die grosse Zustimmung spielte sicher, dass sich die Frauen solidarisiert hatten – drinnen und draussen.

Es gab auch böse Bemerkungen, ein Ratsmitglied nannte Sie eine «Männerhasserin». Haben Sie auch während ihrer Amtszeit Anfeindungen erlebt?
Eigentlich nicht. Vielleicht lag das daran, dass ich diskriminierende Zustände von Anfang an klar benannt habe. Die Amtsstelle war ja nicht mein erster Vorstoss für Frauenanliegen, vorher hatte ich mich unter anderem auch gegen die lange tabuisierte Gewalt gegen Frauen und für einen besseren Schutz von schwangeren Frauen an der Arbeitsstelle eingesetzt. 

Entsprach der Auftrag an die Amtsstelle Ihren Vorstellungen?
Zentral für mich war bei meinen Vorstössen, dass es eine öffentliche Stelle sein sollte und sie nach aussen wirken konnte. Das wurde bei den Ausarbeiten eingehalten.

Was sollte die Stelle denn aus Ihrer Sicht bewirken?
Ich habe das damals vor der Abstimmung so formuliert: «Durch die Einrichtung der neuen Amtsstelle wird die Lebensrealität der Frauen in der Stadt ein stärkeres Gewicht erhalten, auch die Behauptung, Gleichberechtigung sei ein persönliches Frauenproblem, wird nicht mehr länger aufrechtzuhalten sein».

War die Abstimmung ein Triumph?
Nach acht Jahren endlich am Ziel zu sein, war ein sehr gutes Gefühl. Ich erinnere mich, dass mir nach der Abstimmung viele gratuliert haben, doch eine Feier gab es nicht. Für mich bedeutete der Erfolg, dass sich in der Stadt wirklich etwas bewegte. 

Was war entscheidend für das gute Ergebnis? 
Die Amtsstelle war wirklich ein Anliegen der Frauen in der Stadt. Im Vorfeld der Abstimmung setzten sich die Frauengruppen aller Parteien, auch der SVP, und alle Frauenorganisationen aktiv dafür ein.

Am Tag darauf schrieb die NZZ, dass die breite Zustimmung der Parteien nur Wahltaktik war....
Die Bürgerlichen hatten wohl eine solche Mehrheit nicht erwartet. Heute kann man nur staunen über den Schluss des Kommentars: «Der Zweck der Vorlage könnte sich in sein Gegenteil verkehren, wenn man nun der Meinung ist, mit der Schaffung dieser Stelle sei genug getan».

Die Zürcher Stelle blieb die einzige Fachstelle, über die es eine Abstimmung gab. War es für Sie wichtig, dass  das Volk darüber entschieden hat?
Eine Stelle für die Bürgerinnen und Bürger sollte auch von ihnen mitgetragen sein. Die grosse Mehrheit gab ihr eine politische Legitimierung.

Hat sich der grosse Einsatz gelohnt?
Die damals angestrebte grundlegende Veränderung der Gesellschaft ist nicht erreicht worden. Vor allem bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und bei einer gerechten Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit gibt es noch viel zu tun. In den 80er-Jahren trat die POCH mit dem Slogan «Leben statt Profit» auf. Unterdessen ist daraus eine Zukunftsfrage für alle geworden.

Was wünschen Sie der Fachstelle für Gleichstellung für die Zukunft?
Manchmal scheinen mir ihre Aktivitäten etwas abgehoben. Ich finde es wichtig, dass sie sich an der Basis gegen Diskriminierungen einsetzt, dort wo die Ungleichstellung den Alltag erschwert.

Zur Person: Ingrid Schmid, 69, Hochbauzeichnerin, arbeitete nach einem Nachdiplomstudium Umwelt im Planungsbereich. Sie war Mitbegründerin und einige Jahre Sekretärin der POCH. Von 1978 bis 1987 war sie Gemeinderätin. Frauenpolitisch engagierte sie sich u.a. 1976 als Gründungsmitglied der Ofra (Organisation der Sache der Frau) und im Trägerinnenverein des Nottelefons für vergewaltigte Frauen.

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