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Anja Derungs

Anja Derungs, Leiterin Fachstelle für Gleichstellung
Foto: Renate Wernli

«Stereotype Rollenbilder halten sich hartnäckig»

Anja Derungs leitet die Fachstelle für Gleichstellung (ZFG) seit 2012. Als Hauptthema für das Jubiläumsjahr setzt sich die Fachstelle das Ziel, Rollenbilder in den Köpfen zu verändern – in den Führungsetagen ebenso wie bei Jugendlichen vor der Berufswahl.

Interview: Rita Torcasso 

Die ZFG blickt auf ein Viertel Jahrhundert Gleichstellungs-Arbeit zurück. Gibt es im Jubiläumsjahr ein besonderes Programm?
2015 ist ein «normales» Jahr für uns: Wir arbeiten an Projekten zu den Themen Zwangsheirat, Care-Migration, Sexuelle Belästigung und vielem mehr. An den öffentlichen Anlässen im Rahmen des Jubiläums sind «Geschlechterrollen» ein Brennpunkt-Thema. Denn sie bestimmen in hohem Masse mit, dass Gleichstellung zwar in der Theorie anerkannt ist, es aber bei der Umsetzung im Alltag hapert. 

Den Anfang setzte in den Trams und Bussen die Kampagne «Umdenken öffnet Horizonte», ein Slogan, der schon 1999 mit Plakaten zum Nachdenken anregte. Bedeutet das, dass sich in 15 Jahren nichts bewegt hat?
Doch, vieles hat sich bewegt. In den Köpfen vieler Menschen allerdings halten sich stereotype Rollenbilder hartnäckig. Deshalb haben wir die Sujets von 1998 bewusst wieder aufgenommen und zeitgenössisch umgesetzt. Unsere Botschaft ist: Jede Generation muss sich neu mit der Thematik auseinandersetzen, wenn sich etwas ändern soll. Denn es ist noch immer nicht selbstverständlich, dass Frauen als Pilotinnen und Männer als Kindergärtner arbeiten, sich die Haushalt- und Familienarbeit teilen und für gleichwertige Arbeit gleich entlohnt werden.

Wie waren die Reaktionen auf die Kampagne?
Sie reichen von sehr gelungen bis veraltet. Die Plakate haben wiederum dazu geführt, dass erneut über Rollenbilder diskutiert wird. Lehrpersonen haben Plakate bestellt, um sie im Unterricht einzusetzen, das Laufbahnzentrum und andere städtische Stellen nutzen sie ebenfalls für ihre praktische Arbeit.

Dass Frauen in Führungspositionen noch immer eine kleine Minderheit sind, hat auch mit Rollenbildern zu tun. Der Gemeinderat hat nun die Stadt zu einer 35-Prozent-Zielvorgabe in Kaderpositionen verpflichtet. Wie setzt die Fachstelle das um?
Die Fachstelle allein kann diese nicht umsetzen. Alle Departemente müssen die Zielvorgabe erreichen. Die Grundlage dafür ist der Gleichstellungsplan 2014–2018, den die ZFG leitet und koordiniert. Es braucht Massnahmen bei der Stellenausschreibung, bei der Rekrutierung und der Nachwuchsförderung. Die Fachstelle kann mit ihrer reichhaltigen Erfahrung diesen Prozess anstossen und begleiten. Nötig sind aber auch flexibleres Denken und die Bereitschaft, Arbeit und Verantwortung anders zu verteilen. Auch das kennen wir in der Praxis: Alle Angestellten der ZFG, Frauen und Männer und auch ich als Leiterin arbeiten mit Pensen zwischen 50 bis 80 Prozent.

Seit 2009 hat die Stadt Zürich Gleichstellungspläne, bei deren Umsetzung die Fachstelle federführend ist. Was bringen sie?
Der Gleichstellungsplan 2014–2018 ist nun in der Umsetzungsphase. Die Evaluation des ersten Gleichstellungsplans 2009–2013 zeigte, dass es in verschiedenen Bereichen messbare Erfolge gab. Gleichstellungspläne verpflichten die Departemente, sich gezielt Ziele zu setzen und entsprechende Massnahmen zu formulieren. Und Erfolge spornen an. Zwei Beispiele: Die Zahl der Lernenden in geschlechtsuntypischen Berufen in der Verwaltung wie Forstwartin oder Fachmann Betreuung hat zugenommen. Und im Bereich der Betagtenpflege und -betreuung durch sogenannte Care-Migrantinnen hat die Fachstelle Pionierarbeit geleistet. Ende 2013 ist daraus die Webseite careinfo.ch entstanden.

«20 Minuten» befragte 8500 Lesende zum Thema Gleichstellung: 81 Prozent haben genug von Kampagnen für Frauenquoten und Lohngleichheit. Arbeitet die Fachstelle am Alltag der Menschen in der Stadt vorbei?
Die regelmässigen  Anfragen an uns zu Themen wie Schwangerschaft, Mutterschaft, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder Lohngleichheit sprechen eine andere Sprache. Sie sind ein direktes Abbild dessen, was um uns herum passiert: Finanzkrisen beispielsweise – und damit einhergehende Diskriminierungen von Arbeitnehmenden – erhöhen den Bedarf an unserer Arbeit.

Eine Umfrage der Fachstelle in der Zürcher Privatwirtschaft zeigte, dass nur wenige Unternehmen zielführende Massnahmen gegen Lohnungleichheit kennen. Wird sich die Fachstelle ein weiteres Vierteljahrhundert mit Lohndiskriminierung  herumschlagen müssen?
Es gibt zumindest Anzeichen, dass das Thema jetzt mehr Dringlichkeit erhält. Ein wichtiges Signal setzte Corine Mauch im März als Erstunterzeichnerin des Manifests für Lohngleichheit «Jetzt erst recht». Viele Frauen und auch Männer fordern verbindliche Massnahmen. Und der Lohn hat direkte Auswirkungen auf wichtige Gleichstellungsthemen wie die Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit.  

Die Auftragsergänzung der Fachstelle im Jahr 2013 war wegweisend. Neu ist die Fachstelle auch für die Gleichstellung von Menschen aller sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten zuständig. Was bedeutet das für Eure Arbeit?
Vor der Gleichstellungsarbeit machen auch berechtigte gesellschaftliche Forderungen und Entwicklungen nicht halt – und das ist gut so! Wer hätte vor 25 Jahren geahnt, dass der Gleichstellungspreis 2014 an die Beratungsstelle Transgender Network Switzerland geht. Auch die Tramkampagne «Meine Tochter ist lesbisch. Weshalb sollte ich sie deshalb weniger lieben» oder «Mein Sohn ist schwul. Weshalb sollte ich ihn deshalb weniger lieben?» in verschiedenen Sprachen setzt wichtige Zeichen und klare Signale.

Die Welt in ein Mann-Frau-Schema zu zwängen, greift heute definitiv zu kurz. Gesellschaftliche, demografische oder wirtschaftliche Entwicklungen haben direkten Einfluss auf unsere Arbeit. Das macht sie auch so spannend!

Zur Person: Anja Derungs, 39, ist diplomierte Übersetzerin, hat einen Master in Ausbildungsmanagement und eine Mediationsausbildung. Sie leitete zuletzt die Personal- und Organisationsentwicklung bei Caritas Schweiz. Seit 2012 ist sie Stellenleiterin der ZFG mit einem Pensum von 80 Prozent. Sie hat eine dreijährige Tochter.

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