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Die Veränderungen im Detailhandel und ihre Auswirkungen auf die Stadt Zürich

7. September 2017 Anna Schindler

Im Dezember 2016 eröffnet Amazon das erste Lebensmittelgeschäft ohne Kassen in Seattle. Eine App auf dem Smartphone erfasst durch Sensoren digital alles, was der Käufer aus dem Regal nimmt, und legt es in einen virtuellen Einkaufskorb. Beim Verlassen des Ladens wird die Rechnung automatisch über das Amazon-Konto des Kunden abgebucht.

Noch leidet der kassenfreie Einkauf offenbar unter einigen Kinderkrankheiten – aber wird er die zukünftigen Einkaufsgewohnheiten der Kundinnen und Kunden bestimmen und damit die Struktur und das Angebot des Detailhandels in den Städten? Oder werden es Online-Angebote wie der Kleiderlieferant Zalando, das Elektronikportal «digitec» oder der virtuelle Buchhändler Amazon sein, die die heutige Bedeutung, die heutigen Ladenkonzepte und die heutige räumliche Struktur des stationären Handels in Frage stellen? Online-Anbieter verändern die Welt des Retailhandels – allem voran die Logistik. Kuriere, Expressdiente und Paketlieferungen nehmen stetig zu – kleine Einheiten müssen schnell geliefert werden und bringen immer mehr Verkehr in die Städte, dem Transportgeschäft im Verhältnis zum Aufwand aber wenig Einnahmen.

Bild eines Liefervelos von UPS
Neue Formen der kleinräumigen Logistik sind gefragt (Bild: STEZ)

In Zukunft, da sind sich die Fachleute einig, wird der digitale Detailhandel eine zentrale Rolle spielen. Im Vordergrund dürften sogenannte Multi- und Cross-Channel-Angebote stehen, also Verkaufsformen, bei denen der Kundenkontakt offline und online parallel und kombiniert erfolgt, wo stationäre Läden als Stützpunkte für den direkten Kontakt mit den Kundinnen und Kunden dienen, in denen man gleichzeitig jedoch auch per Internet bezahlen, bestellen und seine Lieferwünsche anbringen kann. Auch die Logistik dürfte sich fundamental wandeln, durch Drohnen für leichtgewichtige und dringliche Auslieferungen und durch selbstfahrende Elektrolieferwagen auf den Quartierstrassen, die Waren aus einer zentralen Sammelstelle in die einzelnen Häuser verteilen  – die Zukunftsbilder sind vielseitig und vielleicht werden sie auch schneller als gedacht Realität werden.

Denn der Strukturwandel im Detailhandel ist rasant, neue Player bedrängen die etablierten Unternehmen: Im Frühsommer 2017 hat Amazon den amerikanischen Handelskonzern Whole Foods gekauft, und die Amazon-Aktien sprangen über die 1000 $-Marke. Online paart sich mit Offline: Auch in der Schweiz ist der E-Commerce-Umsatz seit 2008 um fast 70 Prozent auf knapp acht Milliarden Franken gestiegen. Den grössten Zuwachs notierte dabei die Bekleidungsbranche.

Der Wandel im Detailhandel verläuft dabei keineswegs überall gleich. In Japan beispielsweise sterben die Quartierläden nicht aus wie vielenorts in Europa, sondern erleben wie zum Beispiel mit der Detailhandelskette Lawson einen neuen Aufschwung – auch hier dank der Digitalisierung des Einkaufs, wie Pilotversuche illustrieren. Menschliche Kassiererinnen werden durch «Kassenroboter» ersetzt, die die Waren automatisch einscannen, in einen Sack packen und die Verkäufe gleichzeitig einem digitalen Lagerhaltungssystem melden. Gezahlt wird bar oder mit Karte, alles ohne dass der Einkaufende mit einem Menschen in Kontakt kommt. Die Zahl dieser Kleinstläden, «Kombinis» genannt, soll dank dieser Innovationen 2016 um 2,7 Prozent auf einen neuen Rekord von über 54'000 Geschäfte gestiegen sein, schrieb die NZZ am Sonntag Ende Mai. «Kombinis» bieten nicht nur eine breite Produktepalette von Fast Food  bis Unterwäsche, sondern auch Bankdienstleistungen, verkaufen online Kinotickets oder erlauben den Kundinnen, an der Kasse Steuern oder Stromrechnungen zu bezahlen. Logistikseitig stellen diese neuen «Tante-Emma-Läden» dementsprechend enorme Herausforderungen.

Noch sind wir in der Schweiz nicht so weit. Der Detailhandel leidet hierzulande – unter dem starken Franken, dem Onlineboom, den hohen Kosten und dem Einkaufstourismus. Landesweit stehen laut der Credit Suisse Ende 2016 rund 100’000m2 Verkaufsflächen leer, im Bau sind nach den Berechnungen von Wüest & Partner aktuell über 500'000 m2, am meisten davon in Klein- und Mittelzentren, aber auch in den Kernstädten und den Agglomerationen. Entsprechend sinken die Mietpreise: Gemäss Schätzungen der Vereinigung Reida lag die Median-Miete für neu zu vergebende Verkaufsflächen in der Schweiz 2016 bei 320 Fr./m2, rund 6% tiefer als im Vorjahr.

Skizze von Urban Catalyst. Darstellung des Retails rund um Zürich.
Wie stellt sich der Retailhandel rund um Zürich dar? (Skizze von Urban Catalyst aus dem laufenden Szenarienprozess).

Gefragt sind innovative Konzepte. Der Suche nach solchen widmet sich das Projekt «Stadt der Zukunft» der Stadtentwicklung Zürich in seiner ersten Auflage 2017. Es versucht zu verstehen, wohin die Reise des Detailhandels – der eine stark stadtprägende Kraft ist ­– gehen könnte und was für Auswirkungen und Herausforderungen daraus für die Stadt resultieren. Das Thema Retail im städtischen Raum gewinnt zunehmend an Bedeutung in Zürich – sowohl für die öffentliche Hand wie für Gesellschaft und Wirtschaft. Konsum und Nahversorgung gehören zu den Kernelementen einer lebendigen und prosperierenden Stadt. Deshalb muss sich die Stadt Zürich mit zunehmender Dringlichkeit den künftigen Konsum-, Detailhandels- und Nachversorgungsentwicklungen widmen und die richtigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und räumlichen Handlungsoptionen definieren. Die Stadtentwicklung Zürich beschäftigt sich seit langem mit dem Thema – mit Zentrenstrukturen in der Stadt Zürich oder mit der Nahversorgung in den Quartieren und beobachtet die Entwicklung des publikumsorientierten Gewerbes.

Workshop Visualisierung aus dem Szenarioprozess zu Stadt der Zukunft.
Die Stadt Zürich braucht Strategien. (Workshop-Visualisierung von Urban Catalyst aus dem laufenden Szenarienprozess).

Denn die Frage nach dem «Wandel im Handel» und seinen Auswirkungen auf die räumliche und gesellschaftliche Struktur der Stadt Zürich betrifft alle drei zentralen Stadtfunktionen: die Qualität der Nachversorgung beim Wohnen, die Situation des Gewerbes beim Arbeiten und die Nutzung des Raums als Begegnungsort der sozialen Interaktion. Die Herausforderungen sind vielfältig und manifestieren sich auf verschiedenen Ebenen des städtischen Lebens und Alltags – und sie zwingen zu Innovation. Der Multi-Channel-Vertrieb etwa bietet Chancen für bekannte und neue Handelskonzepte. Der städtische Raum wird immer mehr zur Kulisse für erlebnisorientiertes Shopping, während die umfangreichen Einkäufe draussen in den Super- und Fachmärkten getätigt oder online mit Heimlieferung befriedigt werden. Gleichzeitig zeigen sich im durch die Digitalisierung getriebenen Wandel des Detailhandels aber auch gegenläufige Tendenzen, die das Lokale und Authentische betonen. In Kombination mit der von verschiedenen Fachleuten bestätigten Bedeutung von physischen Orten, an denen Güter bezogen werden (Abhol-Punkte), könnten sich durchaus Chancen für ein dezentrale Versorgungsstruktur und für neue Kleinläden ergeben. Die Erreichbarkeit wird in jedem Fall innerhalb und ausserhalb der Stadt immer wichtiger.

Daraus folgt: Städte brauchen Strategien, um mit den Trends im Detailhandel und in der Versorgung ihrer Bewohnerinnen umzugehen. Quartierzentren sind Identifikationsorte der Stadtgesellschaft. Was dort stattfindet, in welcher Qualität und aus welchem Anlass, ist image- und identitätsbildend für eine Stadt – und die Nahversorgung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Zu diesen Themen und Fragen entwirft das Projekt «Stadt der Zukunft» der Stadtentwicklung Zürich in Zusammenarbeit mit internen und externen Expertinnen und Experten Szenarien und sucht nach möglichen Antworten in Form von Handlungsempfehlungen für die Politik, die Behörden und die betroffenen Stakeholder/innen. Öffentlich vorgestellt und von namhaften Gesprächspartnerinnen und –partnern aus der Branche und der Raumentwicklung reflektiert werden diese am Montag, den 4. Dezember. Bis dahin berichtet diese Website aus der Werkstatt.

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