Im Stadtspital Zürich spielt die interprofessionelle Zusammenarbeit in ganz vielen medizinischen Bereichen eine wichtige Rolle. Gerade in der hochspezialisierten Medizin ist sie unerlässlich, da es oft um sehr komplexe Krankheitsbilder geht. Am Beispiel von Bauchspeicheldrüsen-Tumoren erfahren Sie, wie dies konkret aussieht – und passend zur interprofessionellen Zusammenarbeit kommen hier gleich mehrere Disziplinen zu Wort.
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Markus Weber, Leiter Departement Chirurgie, Prof. Dr. med. Christoph Gubler, Chefarzt Gastroenterologie, dipl. Arzt Yannick Buccella, Oberarzt i.V. Medizinische Onkologie, Maja Dorfschmid BSc BFH, Fachbereichsleiterin Ernährungsberatung, und Lea Guidon, ERAS Nurse, erzählen im Interview unter anderem, wie die verschiedenen Rädchen ineinandergreifen, welche Vorteile Patient*innen durch das Pankreaszentrum haben und welche Patient*innen ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind.
Bauchspeicheldrüsen-Tumoren gelten als komplexe Erkrankungen. Wieso ist das so?
Markus Weber: Für eine Heilung braucht es eine Kombination von Chirurgie und Chemotherapie. Häufig ist es leider so, dass Patient*innen erst dann zu uns kommen, wenn die Krankheit schon so weit fortgeschritten ist, dass wir diese Personen nicht mehr operieren können. Die Diagnose «Bauchspeicheldrüsen-Krebs» ist aber keinesfalls immer ein Todesurteil. In den vergangenen Jahren hat die Medizin grosse Fortschritte gemacht, so dass man mit einer Operation und der vollen Chemotherapie gute Überlebenschancen hat.
Gibt es denn spezifische Symptome, die auf Bauchspeicheldrüsen-Krebs hindeuten?
Markus Weber: Da wäre die Gelbfärbung der Haut, die relativ klar auf ein gesundheitliches Problem hinweist. Es gibt aber auch Symptome, die weniger deutlich sind. Manche Patient*innen haben über längere Zeit Rückenschmerzen. Die Krux dabei ist, dass Rückenschmerzen viele verschiedene Ursachen haben können.
Christoph Gubler: Ein weiterer Hinweis ist ein neu aufgetretener Diabetes mellitus bei gleichzeitiger Gewichtsabnahme.
Maja Dorfschmid: Dazu kommt ungewollter Gewichtsverlust. Wenn die Abnehmversuche jahrelang ohne Erfolg waren und plötzlich sinkt das Gewicht ohne jegliche Anstrengung, dann wäre dies ebenfalls ein Indiz. Ebenso ein veränderter Stuhlgang: Wenn der Stuhlgang gelblich, schwimmend und flüssig bis breiig ist, weist dies auf eine ungenügende Produktion von Verdauungsenzymen hin, was bei einem Pankreaskarzinom oft vorkommt.
Weshalb muss man Bauchspeicheldrüsen-Tumoren interdisziplinär betrachten?
Christoph Gubler: Das zeigt sich bei uns im Stadtspital gut am sogenannten Patient*innen-Pfad. Bevor man über Krebs spricht, braucht es eine Diagnose. Bei Verdacht auf Bauchspeicheldrüsen-Krebs kommt die*der Patient*in zu uns von der Gastroenterologie und wir nehmen mittels Endosonographie direkt eine Gewebeprobe. Die Kolleg*innen der Pathologie sind unmittelbar dabei und können die Probe direkt analysieren. So können wir innerhalb einer Viertelstunde fast immer eine Diagnose stellen. Wir haben dies als Standard etabliert. Darauf sind wir stolz.
Markus Weber: Der nächste Schritt ist die Radiologie. Auf den radiologischen Bildern erkennen wir die Ausdehnung des Tumors. Basierend auf diesen Bildern und der Diagnose der Gastroenterologie sehen wir, ob die*der Patient*in operiert werden kann. Am Tumorboard schliesslich wird dann diskutiert, welches die beste Therapie für diese*n Patient*in ist.
Yannick Buccella: Nach einer allfälligen Operation geht es weiter mit der Chemotherapie. Rund um Bauchspeicheldrüsen-Tumoren sind aber noch viele weitere Fachdisziplinen mit ihrer jeweiligen Expertise in der Behandlung involviert. Neben den ERAS Nurses und der Ernährungsberatung sind dies beispielsweise die Cancer Nurses, die Radio-Onkologie, die Physiotherapie, die Intensivstation und natürlich die Pflege auf der Bettenstation.
Worum geht es beim Tumorboard?
Yannick Buccella: Die Tumorboards bilden das Rückgrat der hochspezialisierten Medizin. An diesen Boards kommen Kolleg*innen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Wir besprechen die Gewebeproben, schauen die Röntgenbilder an und legen die Therapiestrategie gemeinsam fest. Gerade bei komplexen Fällen ist es hilfreich, verschiedene Perspektiven zu haben und sich austauschen zu können.
Welche Rolle spielt die Ernährungsberatung in der Therapie?
Maja Dorfschmid: Viele Patient*innen mit Bauchspeicheldrüsen-Krebs verlieren Gewicht. Manchmal freut sie das initial, gerade wenn sie zuvor leicht übergewichtig waren. Trotzdem möchten wir nicht, dass sie Gewicht verlieren, denn häufig verlieren sie auch Muskelmasse. Meine Aufgabe ist es, mit diesen Patient*innen Massnahmen zu definieren, wie sie sich rund um die Operation optimal ernähren können. Da ist beispielsweise eine Diät mit Salatteller als Hauptgericht und einem Apfel als Snack nicht mehr geeignet. Gemeinsam mit den Patient*innen evaluieren wir, wie eine energie- und proteinreiche Ernährung umgesetzt werden kann. Dabei gibt es keine Verbote in der Ernährung und einige Personen staunen, wenn sie hören, dass nun eine Bratwurst oder ein Stück Kuchen empfohlen wird. Durch einen guten Ernährungszustand können das Komplikationsrisiko nach der Operation gesenkt und die Lebensqualität verbessert werden. Ich bespreche mit ihnen auch, wie es mit der Ernährung nach der Operation weitergeht. Unsere Patient*innen sollen nach der Operation möglichst schnell wieder normal essen und so selbst etwas zu ihrer Genesung beitragen können. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist eine auf die Fettmenge der Ernährung abgestimmte Dosierung der Pankreasenzym-Ersatztherapie. Mir ist dabei wichtig, dass die Patient*innen Zusammenhänge verstehen und diese «Enzym-Kapseln» selbständig dosieren können.
Welche Aufgabe hat eine ERAS Nurse?
Lea Guidon: ERAS steht für «Enhanced Recovery After Surgery». Wir begleiten die Patient*innen vor, während und nach der Operation. Wir erklären ihnen, was vor der Operation wichtig ist, wie die Operation abläuft und wie es danach auf der Station weitergeht. Die Patient*innen können uns jederzeit alle ihre Fragen stellen, so dass sie ein möglichst umfassendes Bild haben, was auf sie zukommt. Wenn sie Unterstützung benötigen, melden wir sie für die entsprechenden Angebote an, und wir besprechen bereits vor der Operation immer auch den Austritt. Nach der Operation besuchen wir sie dann regelmässig auf der Station. Die Patient*innen schätzen es sehr, dass wir ihnen so viel Zeit schenken. Viele sagen uns, dass sie dadurch weniger nervös sind. Wenn die Patient*innen ausgetreten sind, rufen wir sie nach 2-3 Wochen nochmals an, um zu fragen wie es ihnen geht. Je nach Situation organisieren wir erneut zusätzliche Unterstützung.
Das Stadtspital Zürich hat ein Pankreaszentrum. Was bedeutet dies für die Patient*innen?
Markus Weber: Unser Pankreaszentrum ist zertifiziert durch die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG). Diese Zertifizierung ist an klar definierte Qualitätsanforderungen geknüpft, deren Einhaltung regelmässig überprüft wird. So ist beispielsweise festgelegt, welche Fachdisziplinen rund um die Uhr verfügbar sein müssen und dass alle relevanten Fälle interdisziplinär in einem Tumorboard besprochen werden. Zudem werden die Behandlungsergebnisse systematisch erfasst und ausgewertet. Beispielsweise wird untersucht, wie oft nach der Operation Komplikationen auftreten oder wie häufig der Tumor wieder auftritt. Darüber hinaus ist vom Bund in seinem Leistungsauftrag eine Mindestfallzahl festgelegt. Würden wir diese unterschreiten, würden wir unseren Leistungsauftrag verlieren. Aktuell behandeln wir im Stadtspital jedoch etwa fünfmal so viele Patient*innen wie gefordert. Das spiegelt auch das Vertrauen wider, das unserem Zentrum entgegengebracht wird: Patient*innen aus verschiedensten Regionen der Schweiz entscheiden sich bewusst für eine Behandlung bei uns.
Lea Guidon: Im ERAS-Bereich erheben wir ebenfalls Daten und analysieren diese. Das ist zwar ein grosser Aufwand, aber die Patient*innen profitieren sehr davon. Basierend auf unseren Zahlen versuchen wir, uns stetig zu verbessern.
Yannick Buccella: Die kurzen Wege im Stadtspital Zürich sind sicher ein Vorteil für die Patient*innen. Wir haben sehr viele kompetente und erfahrene Mitarbeitende im Bereich der Bauchspeicheldrüsen-Tumoren. Gleichzeitig arbeiten diese erfahrenen Mitarbeitenden sehr eng zusammen. Wir sind ein konstantes Team und können einander bei Bedarf schnell erreichen.
Maja Dorfschmid: Wir haben auch eine sehr gute Diskussionskultur und die Hierarchien stehen uns nicht im Weg. Wenn jemand ein ungutes Gefühl hat, kann man dies über die Professionen hinweg ansprechen.
Christoph Gubler: Dazu kommt, dass es vom Eintritt der*des Patient*in bis hin zum Therapieentscheid sehr schnell geht. Wir haben uns selbst die Auflage gegeben, dass ein*e Patient*in spätestens sieben Arbeitstage nach der Anmeldung bei uns einen Termin haben muss.
Die Prognosen bei Bauchspeicheldrüsen-Krebs sind manchmal düster. Was motiviert Sie trotzdem, in diesem Gebiet tätig zu sein?
Markus Weber: Definitiv die Fälle, bei denen alles gut ausgeht. Die Patient*innen, die überleben, sind extrem dankbar. Sie feiern ihren Operationstermin wie einen zweiten Geburtstag.
Christoph Gubler: Es ist eine ernste Prognose, aber insgesamt über die Jahre wurden die Möglichkeiten immer besser. Gerade mit der Chemotherapie können wir unterdessen sehr viel bewirken.
Maja Dorfschmid: Für mich ist es besonders schön, etwas zur Lebensqualität der*des Patient*in beitragen zu können, egal wie die Prognose aussieht.
Haben Sie eine Person, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Yannick Buccella: Da gibt es einige. (Alle stimmen zu) Teilweise sind es Personen, bei denen die Ausgangslage zunächst schwierig war – und bei denen sich am Ende doch alles zum Guten gewendet hat. Wir erhalten auch viele Rückmeldungen von ehemaligen Patient*innen. Einer hat uns beispielsweise Fotos von seinen Ferien auf Hawaii geschickt. Ein anderer hat mit Anfang 50 noch seinen Führerschein gemacht.
Wie sehen Sie die Behandlung von Pankreas-Tumoren in der Zukunft?
Yannick Buccella: Die Behandlung wird zunehmend individualisiert. Jeder Tumor weist ein eigenes genetisches Profil auf. Lange Zeit sind viele Therapien daran gescheitert, dass diese Unterschiede zu wenig berücksichtigt wurden. Mit der personalisierten Medizin haben wir heute sehr gute Möglichkeiten, insbesondere auch bei Patient*innen, die nicht operiert werden können.