Im Interview erläutern Prof. Dr. med. Dr. h.c. Omer Dzemali, Chefarzt der Klinik für Herzchirurgie, und Dr. med. Claudia Donatsch, Oberärztin Psychokardiologie, warum diese Begleitung wichtig ist und wie sie Patient*innen ganz konkret unterstützen.
Warum sind Herzoperationen für viele Menschen psychisch so belastend?
Omer Dzemali: Eine Herzoperation ist für die meisten Menschen eine zutiefst existenzielle Erfahrung. Wer zu uns kommt weiss, dass es um das Herz geht – und damit um Leben und Tod. Diese Vorstellung löst fast immer Angst aus, auch wenn sie nicht offen ausgesprochen wird. Weil das Herz emotional stark besetzt ist, gehen viele Patient*innen mit der Sorge in den Eingriff, ihn nicht zu überleben oder danach nicht mehr dieselbe Person zu sein.
Was ist Psychokardiologie – und wie kann sie helfen?
Claudia Donatsch: Psychokardiologie verbindet Herzmedizin mit psychologischer Unterstützung. Wir begleiten Patient*innen dabei, mit Ängsten, Sorgen und Unsicherheiten rund um eine Herzerkrankung oder -operation umzugehen. Ziel ist es, Sicherheit zu geben, Gedanken zu ordnen und die seelische Belastung zu verringern – vor, während und nach dem Eingriff.
Wann kommt die psychokardiologische Betreuung zum Einsatz?
Claudia Donatsch: Idealerweise bereits vor der Operation. In dieser Phase stellen sich viele Fragen und Sorgen. In einem ersten Gespräch klären wir, was die*der Patient*in besonders beschäftigt, und überlegen gemeinsam, was im Umgang damit helfen kann. Auf Wunsch begleite ich die Patient*innen auch während des Spitalaufenthalts und nach der Operation weiter.
Welche Ängste oder Fragen begegnen Ihnen dabei besonders häufig?
Claudia Donatsch: Viele Fragen sind ganz konkret: Wie lange bleibe ich im Spital? Wann kann ich wieder arbeiten? Daneben gibt es medizinische Fragen, etwa zur Herz-Lungen-Maschine. Häufig zeigen sich aber auch tiefere Ängste – zum Beispiel die Angst, zu sterben, die Kontrolle zu verlieren oder nach der Operation nicht mehr belastbar zu sein.
Wie profitieren Patient*innen konkret von dieser Begleitung?
Claudia Donatsch: Psychokardiologische Begleitung hilft, Ängste zu reduzieren, Erwartungen realistischer einzuordnen und Vertrauen aufzubauen. Viele Patient*innen fühlen sich dadurch sicherer und besser vorbereitet. Das wirkt sich positiv auf den Genesungsprozess und auf die Zufriedenheit mit der Behandlung aus.
Welche Rolle spielen Angehörige in diesem Prozess?
Claudia Donatsch: Angehörige sind oft eine wichtige Stütze. Gerade in akuten Situationen sind sie selbst stark belastet. Gespräche helfen, das Erlebte einzuordnen und Unsicherheiten zu reduzieren. Auf Wunsch beziehen wir Angehörige aktiv ein oder führen auch separate Gespräche – immer abgestimmt auf die Bedürfnisse der Patient*innen.
Wie stehen Sie als Herzchirurg zur psychokardiologischen Begleitung?
Omer Dzemali: Für mich gehört sie zur guten und erfolgreichen Herzmedizin dazu. Deshalb habe ich das Angebot vor sechs Jahren gemeinsam mit meinen Kolleg*innen aufgebaut. Wir wissen, dass seelische Belastung den Genesungsverlauf beeinflusst. Deshalb ist es wichtig, Patient*innen nicht nur medizinisch bestmöglich zu behandeln, sondern sie auch emotional zu unterstützen. Beides zusammen macht den Unterschied.
Wie erfahren Patient*innen von diesem Angebot?
Omer Dzemali: Wir sprechen das Angebot aktiv an, aber ohne Druck. Die Entscheidung liegt immer bei den Patient*innen. Uns ist wichtig, zu vermitteln, dass es um Unterstützung in einer belastenden Situation geht – nicht um eine Therapie im klassischen Sinn.