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September 2018

Persönlich-Kolumne: Hellmut – Die lange Geschichte einer kurzen Strasse

Publikation im Tagblatt der Stadt Zürich

Richard Wolff, Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements
Richard Wolff, Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements

Diese Fussball-Weltmeisterschaft war bisher emotionsgeladen wie noch selten: die Schweizer mit dem 1:1-«Sieg» Die Hellmutstrasse, direkt neben der Bäckeranlage, misst knappe 80 Meter. Aber die haben es in sich. Hier wurde Stadtentwicklungs-Geschichte geschrieben. Als die PTT 1971 bekannt gab, dass sie mitten in Aussersihl ein riesiges Fernmeldezentrum errichten und dafür 31 Häuser abreissen wollte, stiess sie auf ungeahnten Widerstand im Quartier. Das Buch „Hellmut“ schildert diesen aufsehenerregenden, jahrelange Kampf mitreissend und detailliert: So erfahren wir etwa, wie es dem aufmüpfigen Völklein gelang, Bundesrat Bonvin auf eine Beizentour nach Aussersihl einzuladen und ihn so für das Quartier und die Sache der Anwohnerinnen und Anwohner zu begeistern.

Die Häuser wurden gerettet, das Fernmeldezentrum kam an die Aargauerstrasse. Dennoch verloren viele Menschen in Aussersihl ihr Zuhause, ja mehr noch, ihre Existenz. Das geschah 1973, als vor allem italienische Arbeitsmigrantinnen und -migranten – als «Fremd-» oder «Gastarbeiter» ins Land geholt – in den Krisenjahren nach dem sogenannten Ölschock entlassen wurden und die Schweiz verlassen mussten.

An ihrer Stelle kamen neue Leute ins Quartier: Junge, abenteuerlustige, an städtischem Leben und günstigem Wohnraum interessierte Zuzügerinnen und Zuzüger von nah und fern, die das Quartier fortan prägen sollten – Vorboten der heute vielbeklagten Gentrifizierung.

Die «Neuen» brachten Leben, Kreativität und Vielfalt ins Quartier. Von der Werkstatt für Improvisierte Musik WIM über die Kunstschule F+F bis zum Theater Maxim und Baby Jail hat vieles, was Zürich heute ausmacht, hier seinen Ursprung. «Hellmut – Die lange Geschichte einer kurzen Strasse» zeigt beispielhaft, wie wichtig Freiräume und Nischen für das Gedeihen und die Entwicklung einer Stadt sind.

Richard Wolff
Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements

Departement: Tiefbau- und Entsorgungsdepartement