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Interview mit Fabian Homma

Quelle: farmy.ch
Quelle: farmy.ch

Fabian Homma, Mobilitätsexperte und Logistikmanager bei Farmy, was zeichnet das Geschäftsmodell von Farmy aus?

Der allerwichtigste Punkt ist, dass wir Produkte liefern, die frischer als im Supermarkt sind. Dies machen wir durch sehr kurze Wege vom Produzenten, einmal durch unseren Hub und anschliessend direkt zum Endkunden. Hierzu machen wir uns bereits beim Sourcing viele Gedanken und achten darauf, dass Produkte möglichst aus der direkten Umgebung kommen. Die Produkte landen so im Schnitt zwei bis fünf Tage früher bei unseren Kunden, da die Transportwege kurz sind, keine Zwischenlagerung notwendig ist und nicht in der Auslage warten müssen. Weiter ist uns Transparenz sehr wichtig. Wir möchten, dass unser Kunde genau weiss, woher seine Produkte kommen – von welchen Produzenten, in welcher Qualität und mit welchen Labels sie versehen sind. Diese Angaben werden in unserem Onlineshop zu den einzelnen Produkten jeweils detailliert aufgeführt.    

In der Auslieferlogistik haben wir den Anspruch, die kommissionierten Waren nahezu vollelektrisch auszuliefern. So ermöglichen wir eine gebündelte und emissionsarme Zustellung der Waren. Zurzeit schauen wir, wie wir auch die Anlieferung in unserem Hub in Zukunft emissionsarm oder emissionsfrei gestalten können.

 

Wie kommt die Ware zu Farmy, bzw. ins Farmy-Lager?

Was Farmy auszeichnet, ist unser Cross Docking Modell. Wir haben nur einen kleinen Teil der Produkte an Lager. Der grösste Teil wird in genau der Bestellmenge täglich direkt von den Produzenten angeliefert. Die Waren kommen morgens bei uns an und werden noch am selben Tag ausgeliefert. Unsere Lagerflächen sind abends wieder leer. Einige Produzenten liefern die Produkte selbst an unsere Hubs, bei anderen holen wir die Waren gebündelt ab. So bringen wir zum Teil Waren von bis zu 8 Produzenten gleichzeitig ins Haus und können somit Fahrten reduzieren.

 

Wie sind die Rahmenbedingungen in der Stadt Zürich für die Umsetzung neuer Ansätze der urbanen Logistik?

Grundsätzlich schätzen wir die Rahmenbedingungen in Zürich für unser Tagesgeschäft als gut ein. Es gibt natürlich Einschränkungen wie im Kreis 1, wo wir nicht zu jeder Zeit anliefern können, das gibt es natürlich in jeder Stadt. Die Leute haben für unsere Liefertätigkeit Verständnis und wir bekommen auch selten Parkbussen bei der Auslieferung. Schwierigkeiten machen uns diesbezüglich eher neue Siedlungen und Arealüberbauungen, wo es für unsere Kuriere teils schwierig ist, einen geeigneten Abstellplatz für die Fahrzeuge zu finden, weil keine Anlieferzonen vorhanden sind. Hier haben wir tatsächlich schon einige Bussen erhalten. Es ist natürlich legitim, dass man nicht einfach in solche Areale reinfahren kann. Wir sehen aber, dass hierüber gesprochen wird und dass diese Problematik bei der Planung bereits mitgedacht wird und das begrüssen wir sehr.

 

Welchen Beitrag leistet Farmy für die Bewältigung der Herausforderungen im städtischen Verkehr?

Unseren Beitrag sehen wir diesbezüglich vor allem in der Reduktion des Individualverkehrs. Wir bieten unsere Produkte online an, die sich der Kunde dann bequem von zuhause aus zusammenstellen kann. Im Vergleich zum stationären Handel kann Transportverkehr zwischen Depots und Filialen vermieden werden und gleichzeitig wird der Endkunde von der Strasse ferngehalten, da er seine Produkte gebündelt nach Hause geliefert bekommt. Wir haben dies 2017 in einer Studie von MyClimate untersuchen lassen, welche zu dem Schluss kam, dass Farmy hier einen enormen Vorteil gegenüber dem stationären Handel hat, welcher den Individualverkehr viel stärker fördert . (Zur Studie)

Das Schöne beim online Lebensmittelhandel ist zudem, dass wir im Vergleich zu anderen Branchen keine 50 % Retouren haben. Wir liefern unsere Produkte aus und nehmen Retouren in Form von Depotwaren, kompletten Verpackungsmaterialien mit. Dadurch vermeiden wir Leerfahrten.

Farmy beliefert nebst Zürich auch die Metropolregion Genf innovativ mit einer e-Flotte. Inwiefern bestehen Gemeinsamkeiten oder Unterschiede für die Umsetzung einer modernen urbanen Logistik in den beiden Regionen?

Die Metropolregionen Zürich, Lausanne und Genf beliefern wir vollelektrisch. In Lausanne haben wir wie in Zürich einen Hub, in dem wir die Waren für die Romandie kommissionieren. Diese zwei Städte funktionieren hinsichtlich der Distribution sehr ähnlich. In Genf arbeiten wir hingegen mit einem Satelliten-Transfer. Die Waren werden in Lausanne kommissioniert und auf Rollwägen gepackt. Diese werden zusammen nach Genf gefahren und dann für die Feinverteilung von LKW auf dort stationierte Elektromobile umgeladen. Dies geschieht an einem angemieteten, sehr zentrumsnahen Umschlagplatz in Carouge. Vor Ort benötigen wir daher nur Parkplätze mit Ladeinfrastruktur für die Elektrofahrzeuge. Wir arbeiten bereits seit 2 Jahren in Genf mit diesem Modell und möchten das Modell in diesem Jahr weiter ausbauen.

Welche Auswirkungen hatte das letzte Jahr auf ihre Logistik?

Das Ganze hat sich ein paar Wochen vorher mit den Hamstereinkaufsverhalten angekündigt. Wir waren in der speziellen Situation, dass wir schon Tage oder Wochen im Voraus ausgebucht waren. Die Coronakrise war für uns ein absoluter Stresstest, aber auch eine spannende Herausforderung. Unsere bestehende Infrastruktur war auf dem Prüfstand. Dies hat ein schnelles Umdenken bewirkt. Wir mussten uns schnell Gedanken dazu machen, wie wir das bestehende System mit ganz anderen Mengen am Laufen halten können. Wir haben plötzlich Konzepte in Betracht gezogen, die unter normalen Umständen erst in ein paar Jahren relevant gewesen wären. Diese betrafen unter anderem, wie wir uns im Hub strukturieren, aber auch ganz praktische Aspekte wie die Bewältigung der neuen Warenmengen in unserem Hub.

Der Rückgang des Verkehrs während des Lockdowns kam uns und unseren Kurieren natürlich entgegen. Es gab fast keine Standzeiten, die Fahrzeuge waren in Bewegung. Das haben wir stark gemerkt. Farmy hat im letzten Jahr den Umsatz verdreifacht und die Belegschaft ebenfalls um fast einen Drittel erhöht.

Wie sehen Sie die Zukunft der urbanen Logistik in Zürich?

Der limitierte Platz in der Stadt und die Frage, wie sich der MIV und der Onlinehandel weiterentwickeln werden, sind die zentralen Faktoren. Mir persönlich gefallen die Konzepte, bei denen man bestimmte Routen und Lager bündelt. Anstatt dass jeder sein eigenes Süppchen kocht, ist es sinnvoll, dass Routen zwischen den Städten geöffnet und bestehende Transportwege optimal genutzt werden. Auch wir beschäftigen uns mit diesem Thema und sind dabei auszuloten, was bei uns logistisch (Fahrzeugnutzung, Kühlhäuser) möglich ist.

Konzepte wie unsere, die z. B. Lebensmittellieferungen an verschiedene Haushalte bündeln können, gekoppelt mit Homeoffice als Arbeitsmodell der Zukunft lassen mich diesbezüglich sehr optimistisch in die Zukunft blicken. Unser Fokus liegt momentan ausschliesslich auf der Auslieferung unserer eigenen Produkte. Es ist allerdings kein abwegiger Gedanke, unseren Lieferservice auch für andere Kunden zu öffnen.

Sehen Sie infolge der Coronakrise Potentiale oder Risiken für die urbane Logistik?

Die Retourenfrage ist in anderen Branchen ein grösseres Thema als bei uns. Inwiefern Retouren für das Verkehrsgeschehen zum Problem werden, hängt jedoch stark davon ab wie damit umgegangen wird. Wenn z. B. Lieferdienste auf Ihren bestehenden Liefertouren Retouren direkt an der Haustür entgegennehmen, fliessen die Retouren in den bestehenden Logistikkreislauf zurück ohne zusätzlichen Fahrten zu generieren.

Positiv ist sicher auch, dass sich durch den starken Anstieg von Bestellungen Waren besser bündeln lassen. Hier sehe ich nicht nur für unsere Branche, sondern für den Online-Handel allgemein eine sehr grosse Chance.

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