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Blog «Inside Stadtspital»

Hebammengeburt: Natürliche Geburt mit ärztlichem Backup

Veröffentlicht am Donnerstag, 4. Mai 2017 um 14.00 Uhr
Von Stadtspital Triemli
Carolina Iglesias, freiberufliche Hebamme
Carolina Iglesias, freiberufliche Hebamme und Beleghebamme am Triemli

«Ich brauche Raum, damit ich Frauen selbständig betreuen kann.» – Die freiberufliche Hebamme Carolina Iglesias ist seit sechs Jahren am Triemli tätig. Sie erklärt, worauf es ihr als Beleghebamme bei der Zusammenarbeit mit dem Stadtspital Triemli ankommt.
  

Sie sind seit sechs Jahren Beleghebamme am Triemli. Warum haben Sie sich für dieses Spital entschieden?
Das Triemli hatte schon immer eine etwas andere Geburtshilfe. Sie ist innovativer, stärker auf die Bedürfnisse der Frauen ausgerichtet. Zudem war das Spital damals offen für das System der Beleghebamme. Das ist nicht bei allen Spitälern der Fall.

Warum arbeiten Sie als Beleghebamme?
Die Medizin liefert nicht genügend Antworten, um eine Frau während der Geburt umfassend zu begleiten. Für mich ist eine schwangere Frau gesund. Es ist deshalb wichtig, ihre Gesundheit zu erhalten. Dabei geht es darum, Stärken einer Frau zu erkennen und ihre Ressourcen zu mobilisieren. Das Hebammenhandwerk umfasst die Physiologie der Mutterschaft. Diese zu verstehen und zu fördern, gelingt mir am besten, wenn ich selbständig mit den Frauen arbeiten kann.

«Die Geburt ist ein Prozess, bei welchem die Frauen in sich kehren, eine Art Kokon bilden müssen.»

Was umfasst Ihre Arbeit?
Schwangerschaft ist ein Prozess. Bei einer Spitalgeburt ist dieser stark fraktioniert, jede Phase wird von anderen Fachleuten betreut. Als Beleghebamme kümmere ich mich um den ganzen Betreuungsbogen, vom Beginn der Schwangerschaft über die Geburt bis zum Wochenbett sechs Wochen danach. Auf diese Weise habe ich den grössten Einfluss auf einen positiven Verlauf. 

Carolina Iglesias, freiberufliche Hebamme und Beleghebamme
Carolina Iglesias, freiberufliche Hebamme und Beleghebamme am Triemli

Können Sie alle Frauen während einer Schwangerschaft betreuen?
Frauen, die eine medizinisch-technische Geburt benötigen, nehme ich nicht an. Meine Kompetenz besteht darin, den natürlichen Prozess einer Spontangeburt zu unterstützen. Dies muss möglich sein, und eine Frau muss dies auch wollen.

Was machen Sie, wenn eine Geburt sehr lange dauert?
Es gibt Geburten, die sich über zwei, drei Tage hinziehen. Davon ist eine Frau aber nur einen Teil im Spital, die meiste Zeit verbringt sie zuhause. Dort beginne ich damit, sie zu betreuen. Eine Geburt von Anfang an zu coachen, ist sehr wichtig. Wenn ich der Frau erklären kann, was mit ihr in diesem Moment körperlich passiert, ist sie geduldiger. Und ich kann sie unterstützen, mit Massagen, beim Baden oder bei einem Waldspaziergang. Ohne ein solches Coaching gehen Frauen oft zu früh ins Spital.

Warum ist es wichtig, dass Frauen nicht frühzeitig das Spital aufsuchen?
Gebären braucht sehr viel Intimität und Ruhe. Die Geburt ist ein Prozess, bei welchem die Frauen in sich kehren, eine Art Kokon bilden müssen. Dies ist in einem Spital oft schwierig, es gibt Schichtwechsel, sehr viele Personen sind involviert, die etwas von den Frauen möchten. Zuhause gelingt dies viel besser.

Was erwarten Sie als Beleghebamme von einem Spital?
Als wir vor sechs Jahren am Triemli damit begannen, war das Misstrauen uns gegenüber spürbar, und wir mussten erklären, was wir tun. Heute fühle ich mich sehr gut aufgehoben und ich weiss, dass die Leitungen von Pflege und Medizin am Triemli hinter dem System der Beleghebamme stehen. Voraussetzung für meine konkrete Arbeit ist, dass ich Frauen selbständig betreuen kann. Dazu müssen mir Spital und ärztlicher Dienst den nötigen Raum geben. So ziehe ich bei einer Geburt im Normalfall keine Ärztin bei. Falls Komplikationen auftreten und ich die Geburt an eine Ärztin übergebe, liegt der Entscheid dazu bei mir. In diesem Umfeld gelingt es den Frauen, den nötigen Kokon zu bilden oder aufrechtzuerhalten.

Welche Anforderungen haben Sie an die Infrastruktur eines Spitals?
Die persönliche und kontinuierliche Betreuung durch mich ist das Wichtigste. Was die Ausstattung betrifft, schaue ich darauf, dass es im Gebärsaal eine Badewanne hat.

Wie wichtig ist es, dass bei der Geburt medizinisches Fachpersonal bereitsteht?
Dass ich am Spital mit einem Team zusammenarbeiten kann, ist eine Art «Versicherung» und auch eine Beruhigung für die Frauen, selbst wenn ich dies bei einer Geburt nicht benötige.

In welchen Situationen greifen Sie auf die Medizin zurück?
Es gibt verschiedene Gründe, die eine Intervention nötig machen. Etwa wenn eine Geburt mit einem Vakuum beendet wird. Oder bei einem grösseren Dammriss, da ist es ein grosser Vorteil, wenn Ärzte bereitstehen, um die Wunde zu versorgen und Ortswechsel und Wartezeiten entfallen. Auch die Absprache mit den anderen Hebammen ist wichtig, etwa wenn ich eine Geburtssituation besprechen möchte.

«Es ist zentral für mich, Physiologie von der Pathologie zu trennen.» 

Worauf kommt es an, wenn medizinische Unterstützung benötigt wird?
Es ist zentral für mich, die Physiologie von der Pathologie zu trennen. Wenn die Pathologie ins Spiel kommt, etwa wenn ein Kaiserschnitt nötig wird, müssen die Gründe klar benannt werden. Nötig ist eine genaue Übergabe. Im andern Fall ist die Gefahr gross, Physiologie und Pathologie zu vermischen.

Worin besteht diese Gefahr?
Das führt dazu, dass bei einer Geburt zu viel interveniert wird. Das zeigt sich gut bei der Kontrolle der Herztöne. Studien belegen, dass die Ableitung von Herztönen für den Zustand eines Kindes nicht sehr aussagekräftig ist. Dennoch haben Kontrollen mit dem Cardiotokographen (CTG) im Spital eine hohe Priorität. Für mich sind einzelne CTG-Daten nicht zentral. Ich betreue die gesamte Geburt und kann so Verlauf und Veränderungen der Herztöne besser einordnen. Und ich weiss, was ich dem Kind zutrauen kann. Wer nur eine Momentaufnahme hat, ist dazu weniger in der Lage.

Was ist an der Bestimmung der Herztöne problematisch?
Bereits das Ableiten der Herztöne stellt eine Intervention dar. Dies kann die Frauen stören und zu Verunsicherung und Anspannung führen. Angst ist während der Geburt ein ganz schlechter Begleiter für die Frau, die Ärztin und die Hebamme. Sind die Beteiligten verunsichert, wird eine Geburt häufiger mit einer Intervention beendet, zum Beispiel mit einem Dammschnitt. In dieser Phase sind die Herztöne immer schlecht, da das Kind einer grossen Belastung ausgesetzt ist, wenn es durch den Geburtskanal gelangt. Hier ist Zurückhaltung verlangt. Ein Dammschnitt stellt für eine Frau eine grosse Intervention dar und sollte nur in absoluten Notfällen gemacht werden. Die Belastung kann einem Kind im Normalfall zugemutet werden. Generell ist es so, dass der Frau und dem Kind während der Geburt zu wenig zugetraut wird.

Wie erleben Sie die Geburtshilfe am Triemli?
Mit der hebammengeleiteten Geburtshilfe (HGGH), die am Triemli eingeführt wurde, hat das Spital meiner Meinung nach den richtigen Weg eingeschlagen. Natürliche Spontangeburten von Frauen sollen gefördert werden, denn es ist die gesündeste Art, ein Kind zu bekommen. Voraussetzung dafür ist, dass Hebammen die Physiologie selbständig betreuen können. Damit gelingt es, wieder zum Handwerk der Geburtshilfe zurückzukehren. Das System der HGGH kann noch ausgebaut werden, der Prozess verlangt Erfahrung und benötigt Diskussionen.

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