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Blog «Inside Stadtspital»

Held am Skalpell

Veröffentlicht am Mittwoch, 9. Mai 2018 um 12.16 Uhr
Von Stadtspital Triemli
Dr. med. Peter Šandera
Peter Šandera: «Wir reisen auch in der Schweiz von Ort zu Ort, um Spenden zu sammeln – darauf sind wir angewiesen.»

Als Mitglied des Swiss Surgical Team hat sich der Chirurg Peter Šandera der langfristigen, medizinischen Entwicklungshilfe verpflichtet. Ein Engagement, das auch seinen Tribut fordert. Dr. med. Peter Šandera ist seit Mitte April 2018 Leiter des Beckenbodenzentrums am Stadtspital Triemli. Zuvor war er Leitender Arzt an unserem Partnerspital Waid. Lesen Sie hier den Bericht zu seinem Engagement in Schwellen- und Entwicklungsländern, erschienen in der «Coopzeitung» vom 16. April 2018.

Mit wehendem Ärztekittel rauscht Peter Šandera durch den Eingangsbereich des Zürcher Waidspitals. Die Operationshaube noch auf dem Kopf. Das Stethoskop grüsst aus der Seitentasche. Der Mann wirkt gestresst und doch irgendwie cool. Bluejeans, modische Sneakers, Brille mit Holzgestell – der letzte Schrei. Es gibt Leute, die behaupten, man erkenne einen Chirurgen im Spital schon an seinem Gang. Während der Internist (Facharzt für Innere Medizin) gemächlichen Schrittes durch die Gänge wandle, sei der «Held des Skalpells» stets in Eile. Peter Šandera kommt diesem Klischee ziemlich nah. «Sorry, ich war bis eben noch im Operationssaal», schnauft der 48-Jährige. Irgendetwas am Bauch, erklärt er, während seine Augen den Spitalgang scannen. «Ich suche einen freien Raum für unser Gespräch.» In seinem Büro könne er zurzeit niemanden empfangen, «das ist bis unter die Decke mit Kisten vollgestellt». Zum einen stapeln sich dort Umzugskartons – Šandera wechselt ins Stadtspital Triemli, wo er Leitender Arzt des Beckenbodenzentrums wird – weiteres Material ist für die ehemalige Sowjet-Republik Tadschikistan bestimmt.

Mit den Mitteln vor Ort

Am 28. April steigt auch Peter Šandera wieder in den Flieger Richtung Pamirgebirge, der zweithöchsten Bergkette der Welt, zwischen dem mausarmen Tadschikistan und dem im Mittelalter stehen gebliebenen Afghanistan. Seit 2008 ist der Vater von zwei Teenager-Töchtern und einem elfjährigen Sohn Mitglied beim Swiss Surgical Team, das 1998 vom Westschweizer Pierre Tschanz gegründet wurde. «Er formierte dabei eine Gruppe von Chirurgen und Anästhesisten mit dem Ziel, die chirurgische Qualität in Entwicklungsländern direkt vor Ort und mit den dort zur Verfügung stehenden Mitteln zu verbessern», erklärt Sandera.

Während sich die ehrenamtliche Tätigkeit zu Beginn vor allem auf die Mongolei fokussierte, deren Gesundheitssystem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in die Krise rutschte, kamen in den Folgejahren Projekte in Nigeria, Tansania, im Südpazifik und nun Tadschikistan dazu. Das Land in Zentralasien ist bezüglich dem Bruttosozialprodukt eines der drei ärmsten Länder der Welt. Die tiefe Lebenserwartung ist unter anderem auch dem übermässigen Alkoholkonsum geschuldet. Die Sterblichkeitsrate von Neugeborenen ist sieben Mal höher als in der Schweiz.

Peter Sandera mit Röntgenbild
In Tadschikistan sieht Peter Sandera (mit Brille) Krankheitsbilder, die es bei uns nicht mehr gibt.

Seit 2014 ist Peter Šandera zweimal jährlich für drei bis vier Wochen als Teamleiter vor Ort. «Man sieht Erkrankungen, die es bei uns gar nicht mehr gibt», erklärt er und zeigt auf seiner Powerpoint-Präsentation das Foto einer Frau mit einem riesigen Kropf am Hals. «So etwas kennen wir in der Schweiz nur noch aus uralten Chirurgie-Lehrbüchern.» Doch wie kommt es zu diesen Krankheiten? «Die Leidenden verlassen ihre abgelegenen Täler halt erst, wenn sie kaum noch schlucken können, vorher wollen sie keinen Arzt sehen.» Das sei auch eine finanzielle Frage. Zwar gebe es eine Krankenkasse, «aber die ist nichts wert, denn die Patienten bezahlen die Ärzte direkt». Fakt ist: Je mehr man bezahlt, desto besser und rascher wird man behandelt.

Reisen von bis zu drei Tagen

Dementsprechend gross ist der Ansturm, wenn das Schweizer Chirurgen-Team vor Ort ist. «Das Einzugsgebiet umfasst rund 250'000 Menschen», erklärt Šandera und spricht von Patienten, die Reisen auf sich nehmen, die zwei bis drei Tage dauern, «um von uns behandelt zu werden.» Sie überwinden dabei Gipfel von bis zu 5000 Metern. «Uns ist aber wichtig, dass es ein ‹teach the teacher›-Programm ist. Es bringt nichts, in ein Entwicklungsland wie Tadschikistan zu reisen, 500 Operationen durchzuführen und wieder abzuhauen.» Der Sinn des Ganzen sei, dass die einheimischen Chirurgen vom Swiss Surgical Team lernen. «Wir fragen im Voraus, was für Operationen durchgeführt werden sollen und bitten sie dann, Patienten mit entsprechenden Krankheitsbildern zu rekrutieren.»

Danach werden die ersten fünf Operationen durch das Swiss Surgical Team durchgeführt und die einheimischen Chirurgen schauen zu. «Bei den nächsten zehn assistieren wir nur noch und danach tätigen sie die Eingriffe selber und assistieren sich gegenseitig.» Nur so sei der Lernerfolg gewährleistet. Das funktioniere gut, «die jungen tadschikischen Chirurgen haben eine steile Lernkurve und sind extrem motiviert. Frage man hingegen einen älteren Chirurgen, wie er sich auf eine Operation vorbereite, «macht dieser eine Schublade auf, in der ein sowjetisches Chirurgie-Handbuch von 1965 zum Vorschein kommt.» Im Gegensatz zu den Jungen, die sich im Internet schlau machen, sprechen die bereits angegrauten Ärzte kein Englisch und greifen auf die «kommunistische Literatur» zurück. «Durch den Bürgerkrieg, der vor allem in den Bergregionen geführt wurde, ging in den frühen 90er-Jahren beinahe das ganze Wissen der eigentlich gut gebildeten Bevölkerung verloren.»

Die Verpflichtung, Gutes zu tun

Peter Šandera redet ohne Punkt und Komma, wenn er von seinen Projekten erzählt. Er ist ein Getriebener. Getrieben von dem Gedanken, Gutes zu tun. «Wenn ich etwas gut kann, möchte ich das auch weitergeben.» Er spüre eine Verpflichtung, das Privileg, dass er in der Schweiz geboren wurde und ihm alle Türen offen standen, zurückzahlen zu müssen. Einen grossen Anteil daran haben auch seine Eltern. Diese stammen eigentlich aus Prag und flohen während des Prager Frühlings in die Schweiz. «Sie wollten uns Kindern eine bessere Zukunft bieten.» Und diese hat der damals noch eher orientierungslose Peter in vollen Zügen genossen. «Ich wurde aus der Kanti geworfen und musste die Matur auf dem zweiten Bildungsweg nachholen.» Vorgängig trieb er sich jedoch noch als Profi-Windsurfer in der Weltgeschichte herum. Danach ging er nach Kalifornien, um Meeresbiologie zu studieren. Dem Vater zuliebe und auch weil ihm bei einem Malheur die Aufenthaltsgenehmigung entzogen wurde, reiste Peter Šandera nach vier Jahren zurück in die Schweiz, um Medizin mit Fachrichtung Chirurgie zu studieren. «Das war schon immer mein Plan B.» Seine Leidenschaft, die Leiden heilt und Freude schafft. «Leider nicht bei allen», bedauert Šandera. «Meine ständigen Reisen und die Aufenthalte in Krisenregionen sind eine grosse Belastung für die Familie.» Daher wisse er nicht, wie lange er beim Swiss Surgical Team noch weitermache. «Der Preis ist doch ziemlich hoch.»

  

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