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Blog «Inside Stadtspital»

Stillen ist lernbar – «Beim ersten Kind ist der Druck immens»

Veröffentlicht am Donnerstag, 2. August 2018 um 11.02 Uhr
Von Stadtspital Triemli
Stillberatung am Triemli
Stillberaterin Christa Watermann (links) begleitet Frauen in ein neues Leben mit Säugling.

Christa Watermann leitet die Stillberatung im Zürcher Stadtspital Triemli seit 2013. Sie ist ausgebildete Hebamme, Still- und Laktationsberaterin IBCLC (International Board of Certified Lactation Consultant). Stillen sei ein bindungsstiftender Faktor von vielen, sagt sie. – Die freie Journalistin Leonie Krähenbühl bekam im März ihr erstes Kind. Für den Mamablog hat sie folgendes Gespräch mit unserer Stillexpertin geführt.

Frau Watermann, die positiven Effekte der Muttermilch und des Stillens werden überall angepriesen. Als frischgebackene Mutter mit Stillproblemen spüre ich da viel Druck.
Viele Frauen sind regelrecht verzweifelt, wenn beim Stillen Probleme auftauchen: Sie wollen ausschliesslich stillen und fürchten, dass die Gesundheit des Kindes und die Bindungsqualität leiden, wenn sie das nicht schaffen. Das schürt Versagensängste – und der Teufelskreis beginnt. Denn so kann die Milch tatsächlich nicht fliessen.

Und wie findet man da wieder raus?
Ich beobachte, dass die jungen Mütter heute sehr oft das Gefühl haben, sie müssten das alles alleine schaffen und perfekt machen – von Anfang an. Dabei brauchen sie, gerade in der Anfangszeit, meist mehr Betreuung. Ich erlebe oft, dass Mütter beim zweiten Kind problemlos stillen, während sie beim ersten nicht stillen konnten. Beim ersten Kind ist der Druck oft immens, und gleichzeitig fehlen schlicht die Erfahrung und die Unterstützung.

Das heisst Stillen ist lernbar?
Unbedingt. Und es braucht Geduld. Sehr oft erlebe ich, dass realistische Vorstellungen darüber fehlen, was Muttersein bedeutet. Die Frauen kriegen ihr Kind und wollen nicht nur sofort eine perfekte, voll stillende Mutter sein, sondern nach wie vor auch eine gute Partnerin, und den beruflichen Anforderungen gilt es auch möglichst schnell wieder nachzukommen. Aber das geht einfach nicht. Das Leben ist nicht mehr gleich wie vorher. In erster Linie ist man einfach mal Mutter.

Christa Watermann, Stillberaterin
Probleme beim Stillen entstünden oft aus hohen Ansprüchen, sagt unsere Stillberaterin Christa Watermann.

Und wenn mir das nicht genug ist?
Ich spreche doch vor allem von der ersten so wichtigen Zeit nach der Geburt. Die braucht die Mutter, die Familie, um anzukommen. Ganz in Ruhe. Sonst kann es mit dem Stillen schnell schwierig werden. Und da muss gesundheits- und gesellschaftspolitisch noch viel mehr unternommen werden, um die Eltern zu unterstützen.

Mit Vaterschaftsurlaub, zum Beispiel.
Genau! Das Stillen können die Väter den Frauen zwar nicht abnehmen. Doch sie können die Partnerin in so vielen anderen praktischen und emotionalen Aspekten unterstützen, gerade in den sensiblen ersten sechs Wochen. Und auch sie brauchen Zeit, um in die Vaterrolle zu kommen. Zeit, die ihnen unsere Gesellschaft geben muss, die ein elementarer Teil sein müsste der Stillkultur!

Wie hat sich die Stillkultur denn verändert?
Nun, jahrzehntelang gab es ja gar keine Stillkultur. Stillen war lange Zeit regelrecht verpönt, weil Pulvermilch das grosse Ding war. Es hiess dann auch immer, die Frauen hätten zu wenig Milch. Dabei wurde die Brust einfach nie ausreichend stimuliert, weil die Babys im Spital von den Müttern getrennt schlafen mussten und so auf erste Hungerzeichen gar nicht reagiert werden konnte.

Zu wenig Milch haben – gibt es das denn überhaupt?
Das ist so eine Urangst, die wohl die meisten Frauen haben. Natürlich gibt es anatomische Gegebenheiten oder Erkrankungen, die die Milchbildung hemmen können. Doch in der Praxis erlebe ich oft psychische Ursachen als hemmend. Dann gilt es, diesem Glaubenssatz des Zu-wenig-Habens auf den Grund zu gehen.

Jede Frau kann stillen – und wenn es nicht klappt, muss sie nur an sich arbeiten?
Wie gesagt: Mögliche Ursachen, die das Stillen verunmöglichen können, gilt es sowohl bei der Mutter wie auch beim Baby sauber abzuklären. Und wenn physiologisch nichts gegen das Stillen spricht, die Frau aber gerne stillen möchte, soll sie dabei unterstützt werden. Sie darf also an sich arbeiten. Dieses Müssen, das ist Gift fürs Stillen.

Frauen, die nicht stillen können oder wollen, schwappt viel Unverständnis entgegen.
Dabei hat jede Frau das Recht zu stillen, aber nicht die Pflicht zu stillen. Eine Frau, die nicht stillen kann oder will, ist keine schlechtere Mutter.

Ich habe selber erlebt, dass ich in schwierigen Stillmomenten dachte: Mist, das ist jetzt aber gar nicht gut für die Bindung zu meinem Kind.
Es ist immer wichtig zu sehen, dass das Stillen nur ein bindungsstiftender Faktor ist. Da gibt es noch ganz viele andere. Woran erkennt das Kind zum Beispiel, dass es willkommen ist? Das ist enorm wichtig in der ersten Zeit. Druck und Stress können sich in meinen Augen viel eher schädlich auswirken, als wenn es mit dem Stillen nicht klappen will.

Nicht gestresst sein zu dürfen, kann ja ein rechter Stress sein …
Ein wichtiger erster Schritt ist, sich einzugestehen, dass man gestresst ist. Und manchmal ist es gerade in so einer sensiblen Zeit wie der Stillzeit angezeigt zu fragen: Was habe ich selber erlebt, das mich gerade blockiert, das mir Angst macht? Da kann psychologische Unterstützung Sinn machen.

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