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Gynäkologisches Angebot für Frauen in prekären Lebenssituationen

Veröffentlicht am Montag, 17. Dezember 2018 um 10.38 Uhr
Von Stadtspital Triemli
Milena Stoffel
Milena Stoffel leitet das Team der Gynäkologischen Sprechstunde.

Seit 15 Jahren führen die Städtischen Gesundheitsdienste (SGD) eine Gynäkologische Sprechstunde für Frauen ohne oder mit erschwertem Zugang zur medizinischen Grundversorgung. Die Frauenklinik Triemli leistet dabei die fachärztliche Betreuung. 2003 ursprünglich als Frauenheilkunde-Angebot für Frauen mit Suchtproblematik eröffnet, werden heute rund 1000 Patientinnen pro Jahr behandelt. 2017 stammten sie aus 73 verschiedenen Ländern. – Ein Gespräch mit Milena Stoffel, seit fünf Jahren Teamleiterin der Gynäkologischen Sprechstunde.

Die diplomierte Pflegefachfrau, studierte Psychologin und Pädagogin begann 1994 ihre Arbeit bei der Stadt Zürich, im damaligen Suchtbereich. 

Ambulatorium Kanonengasse
Das Ambulatorium Kanonengasse ist ein Betrieb des Stadtärztlichen Dienstes.

Frau Stoffel, was bietet die Gynäkologische Sprechstunde im Ambulatorium Kanonengasse?
Das Ziel des Angebotes ist der Erhalt beziehungsweise das Wiedererlangen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Unsere Aufgaben sind die Prävention, Diagnose und Behandlung von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten im Rahmen des Nationalen HIV- & STI-Programms. Wir behandeln gynäkologische Beschwerden, tragen zur Empfängnisverhütung bei und bieten Beratungen, zum Beispiel zu Safer-Sex-Regeln. Prävention ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Mit anderen Worten, unsere Sprechstunde bekämpft die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten und hilft, hohe Folgekosten bei einer Nichtbehandlung zu vermeiden. Dadurch entsteht auch ein Nutzen für die Allgemeinbevölkerung.

Sie betreuen Sexarbeiterinnen und Frauen in sozial schwierigen Situationen. Welches sind deren gynäkologische Bedürfnisse?
Häufigster Grund für die Konsultation sind Beschwerden gynäkologischer Art, beispielsweise Schmerzen im Unterleib. Patientinnen haben oft das Bedürfnis nach Antikonzeption. Aber sie haben auch Angst davor, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken.

«Wir erreichen Menschen in schwierigen Lagen, Menschen mit risikoreichem Verhalten.»

Die meisten der Patientinnen arbeiten in der Strassenprostitution und in Kontaktbars. Wir behandeln Frauen rein auf Grund ihrer medizinischen Beschwerden. Ihre Herkunft und ihr Aufenthaltsstatus spielen für uns keine Rolle. 

Sie betreuen Sexarbeiterinnen und Frauen in sozial schwierigen Situationen. Welches sind deren häufigste gynäkologische Bedürfnisse?
Häufigster Grund für die Konsultation sind Beschwerden gynäkologischer Art, beispielsweise Schmerzen im Unterleib. Patientinnen haben oft das Bedürfnis nach Antikonzeption. Aber sie haben auch Angst davor, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken.
Team Gynäkologische Sprechstunde
Das Team der Gynäkologischen Sprechstunde im Ambulatorium Kanonengasse

Gynäkologinnen vom Triemli und Pflegefachfrauen des Stadtärztlichen Dienstes betreuen die Gynäkologische Sprechstunde Kanonengasse gemeinsam. Wie arbeiten Sie zusammen?
Unser Pflegeteam verfügt über breite medizinische, interkulturelle und klientel-spezifische Kenntnisse. Wir beherrschen acht Fremdsprachen. Seitens der Frauenklinik Triemli besteht ein Kernteam von fünf bis sieben Oberärztinnen, sogenannte Rotationsärztinnen, welche die Sprechstunde an der Kanonengasse leisten. Eine Oberärztin hat die Funktion der leitenden Ärztin.

Unsere Zusammenarbeit ist sehr gut, unkompliziert und wohlwollend. Sie basiert auf Respekt, eingespielten Arbeitsprozessen, klarer Kommunikation und gegenseitiger Ergänzung. Wir profitieren voneinander und unterstützen uns gegenseitig.

Wie hat sich das Angebot seit seiner Einführung vor 15 Jahren entwickelt?
Zu Beginn waren drogenkonsumierende Frauen das Zielpublikum. Es folgte eine bedarfsgerechte Erweiterung auf Frauen mit psychiatrischen Diagnosen, Asylgesuchsstellerinnen vom Bundeszentrum Juch und Sexarbeiterinnen – weiblich und Transgender.

Das Angebot hat sich aus einer Pionierphase in Richtung Professionalisierung entwickelt. Viele organisatorische Lösungen wurden vom Team und damaligen Vorgesetzten selber erarbeitet, da es keine Vorbilder gab. Unser Angebot war einzigartig in der deutschen Schweiz und ist heute immer noch einmalig in seiner Art.

«Unser Know-how ist aus sehr viel Enthusiasmus und Kreativität entstanden.»

Die Zahl der Patientinnen hat sich drastisch erhöht von 23 Personen im ersten Jahr auf heute 900 bis 1'000 Personen mit ca. 2'500 ärztlichen Konsultationen pro Jahr. Personelle Ressourcen wurden erweitert, um die Arbeit überhaupt zu ermöglichen. Das Modell der Zusammenarbeit mit Gynäkologischen Fachärztinnen vom Stadtspital Triemli wurde eingeführt und hat sich bestens bewährt. 

Wie hat sich das Angebot seit seiner Einführung vor 15 Jahren entwickelt?
Zu Beginn waren drogenkonsumierende Frauen das Zielpublikum. Es folgte eine bedarfsgerechte Erweiterung auf Frauen mit psychiatrischen Diagnosen, Asylgesuchstellerinnen vom Bundeszentrum Juch und Sexarbeiterinnen – weiblich und Transgender.
Walk-in-Praxis an der Kanonengasse
Die Gynäkologische Sprechstunde ist eine Walk-in-Praxis.

Wie hat sich Ihr Aufgabengebiet verändert?
Es wurde sehr bald erkannt, dass manche Frauen für die notwendige Behandlung aufgesucht werden müssen. Denn die bedürftigsten Frauen besuchen die Sprechstunde nicht, aus verschiedensten Gründen. So sind die Angebote «Gassenarbeit» und «Gesundheitsabend» entstanden. Damit erreichen unsere Pflegefach-Spezialistinnen Frauen vor Ort. Sie leisten aufsuchende Arbeit, wenn wichtige Behandlungen notwendig sind. Sie begleiten Patientinnen zu Weiterbehandlungen, zum Beispiel eine obdachlose, drogenkonsumierende, schwangere Frau, die ohne Begleitung ihren Termin im Stadtspital Triemli nicht wahrnehmen würde. 

Unsere Arbeit heute wäre nicht mehr vorstellbar ohne Vernetzung mit anderen städtischen und NGO-Organisationen, aber auch mit verschiedenen ärztlichen Praxen. Denn unsere Patientinnen bringen nicht nur medizinische Probleme mit sich. Oft haben soziale, psychologische oder rechtliche Probleme einen so starken Einfluss auf ihre Gesundheit, dass sie in die Behandlung einbezogen werden müssen. Damit befinden wir uns im Bereich von Sozialmedizin und Psychosomatik.

Viele Ihrer Patientinnen betreiben kommerzielle Sexarbeit und haben einen Migrationshintergrund. Aus welchen Ländern stammen diese Frauen?
Die meisten Frauen, die kommerzielle Sexarbeit anbieten, sind Migrantinnen. Aber es gibt auch Frauen aus der Schweiz. 2017 waren die Top-5-Länder Ungarn, Rumänien, Dominikanische Republik, Nigeria und Brasilien. 

Kommt es vor, dass Patientinnen Sie mehrmals aufsuchen?
Ja, obwohl wir eigentlich grundsätzlich keine Folgekonsultationen anbieten. Wir bieten unsere Patientinnen bei Bedarf telefonisch auf. Dies steigert die Effizienz der Sprechstunde und spart Kosten. Die meisten unserer Patientinnen haben keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung in der Schweiz. Aber sie haben Vertrauen zu uns. Sie kommen freiwillig in unsere Sprechstunde, da wir sie ohne Stigmatisierung empfangen und behandeln.

Die Gynäkologische Sprechstunde ist eine Walk-in-Praxis ohne Voranmeldung, sogenannt «niederschwellig». Es sind auch anonyme Beratungen und Behandlungen möglich. Was ist der Grund dafür?
Es gibt Frauen, die für sich grosse negative Folgen befürchten, wenn andere erfahren würden, dass sie kommerzielle Sexarbeit anbieten oder ihre Identität bekannt wäre. Solche Personen zögern mit einem Arztbesuch, bis der Leidensdruck zu gross wird. Oft haben sie die grössten Gesundheitsprobleme. Um ihnen Zugang zu ermöglichen, gibt es die Möglichkeit der Anonymität. 

Viele Ihrer Patientinnen betreiben kommerzielle Sexarbeit und haben einen Migrationshintergrund. Aus welchen Ländern stammen diese Frauen?
Die meisten Frauen, die kommerzielle Sexarbeit anbieten, sind Migrantinnen. Aber es gibt auch Frauen aus der Schweiz. 2017 waren die Top-5-Nationalitäten Ungarn, Rumänien, Dominikanische Republik, Nigeria und Brasilien.

  

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