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«In der Pflege wird es immer sozialkompetente Berufsleute brauchen!»

Veröffentlicht am Donnerstag, 24. Januar 2019 um 14.42 Uhr
Von Stadtspital Triemli
Alexandra Heilbronner-Haas
Alexandra Heilbronner-Haas ist Leiterin Pflege, Soziales und Therapien im Stadtspital Waid und Triemli.

Alexandra Heilbronner-Haas, seit 1. Januar 2019 Leiterin Pflege, Soziales und Therapien im Stadtspital Waid und Triemli, trägt die Gesamtverantwortung für etwa 1'500 Mitarbeitende. Nach der Ausbildung zur Pflegefachfrau sammelte Alexandra Heilbronner-Haas mehrere Jahre Berufserfahrung in diversen Funktionen, bevor sie in die Führungsetagen verschiedener Spitäler wechselte. Im Interview nimmt sie unter anderem Stellung zum Fachkräftemangel, Kostendruck und zur Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Frau Heilbronner-Haas, wie beurteilen Sie den Fachkräftemangel im Pflegebereich?
Verschiedenste Studien belegen es, der Fachkräftemangel im Gesundheitsbereich ist Tatsache. Dies deckt sich mit unserer Erfahrung hier im Stadtspital Waid und Triemli. Davon sind auch pflegenahe Berufe wie Hebammen oder Fachpersonen für Operationspflege betroffen. Insgesamt ist aber bei allen Pflegefachdisziplinen ein grosser Mangel zu verzeichnen und die Rekrutierung nimmt viel Zeit in Anspruch. Der Fachkräftemangel ist natürlich nicht nur in der Pflege feststellbar. Auch bei den Ärzten, besonders den Hausärzten, ist der Bedarf sehr gross. Ich erwarte daher, dass sich die Berufsrollen und Kompetenzen im Gesundheitswesen verändern werden. Die klassische Rollenteilung zwischen Ärzteschaft und Pflege wird immer mehr aufgeweicht, sogenannte Clinical Nurses sind ein gutes Beispiel dafür. Gründe dafür lassen sich im Fachkräftemangel, in der Professionalisierung der nichtärztlichen Gesundheitsberufe wie aber auch in den beschleunigten Prozessen finden.

Nimmt der Trend zur Akademisierung auch in der Pflege weiter zu?
In der Schweiz ist die Akademisierung der Pflege formal umgesetzt und die Studiengänge konnten sich etablieren. Es gibt jedoch regionale Unterschiede. Während in der Deutschschweiz Weiterbildungen an Höheren Fachschulen sehr beliebt sind, sind es in der Romandie die Lehrgänge an Fachhochschulen. Die Voraussetzungen und die Ausbildungen sind dabei sehr unterschiedlich. Allerdings stellt sich die Frage, wie die verschiedenen Pflegeberufe in Zukunft voneinander abgegrenzt werden. Hier besteht Klärungsbedarf. In der Praxis sind die auf verschiedenem Niveau ausgebildeten Pflegefachpersonen oftmals für dieselben Aufgabengebiete zuständig.

Pflegefachfrauen

Welche internen Ansätze verfolgen Sie, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?
Wir bewegen uns in einem sehr kompetitiven Markt. Das bedeutet, die Arbeitnehmenden können in der Regel auswählen, wo sie arbeiten möchten. Wir als Arbeitgeber sind gefordert, gute Arbeitsbedingungen zu bieten. Dazu gehört beispielsweise eine attraktive Karriereplanung. Bei den jungen Berufsleuten spielt heute aber auch das Thema Work-Life-Balance eine grosse Rolle. Das heisst, es besteht ein grösserer Wunsch nach geregelten Arbeitszeiten. Spitäler werden jedoch immer 24-Stunden-Betriebe bleiben und daher brauchen sie stets Mitarbeitende, die gewillt sind, in Schichten zu arbeiten. Natürlich versuchen wir, individuelle Präferenzen zu berücksichtigen. Vor allem Berufsleute in der Familienphase sind uns im Waid und Triemli ein grosses Anliegen. Wir versuchen sie so gut wie möglich zu unterstützen, zum Beispiel mit angepassten Einsatzplänen oder Teilzeitstellen.

Ein grosses Potenzial sehen wir auch bei den Wiedereinsteigerinnen. Wir unterstützen sie gezielt und wo immer möglich, damit sie sorgfältig eingearbeitet werden können. Die Finanzierungsmöglichkeiten eines Spitals für anerkannte Weiterbildungen sind leider beschränkt. Unser Vorteil als grosses Spital ist aber unser breitgefächertes Angebot an internen Weiterbildungsmöglichkeiten.

Wie gehen Sie mit dem Kostendruck um?
Seit der Einführung des neuen Spitalfinanzierungsgesetzes im Jahre 2012 stehen die Spitäler in einem verstärkten Wettbewerb zueinander. Zudem müssen sie ihre Investitionen aus den Einnahmen der Fallpauschale selbst finanzieren. Der Kostendruck  ist seither stark gestiegen. Das bedeutet, dass wir noch wirtschaftlicher arbeiten müssen. Schlankere Prozesse, optimierte Arbeitsabläufe und Standardisierungen sind die Folge. Im gesundheitlichen Kontext, wo es immer um pflegebedürftige Menschen geht, kann dies zu einem Dilemma führen. Mit Hilfe der Digitalisierung ist man bestrebt, die Prozesse zu vereinfachen, um das Personal möglichst von pflegefremden Tätigkeiten zu entlasten und effektiver einsetzen zu können. Die Vorstellung, dass Pflegefachleute durch Pflegeroboter ersetzt werden, scheint mir jedoch noch utopisch. In der Pflege wird es immer sozial- wie fachkompetente Berufsleute brauchen. Bestimmt werden sie in Zukunft vermehrt durch assistierende Systeme unterstützt, zum Beispiel in der Logistik oder als Hilfsmittel, um Patienten in ihre Krankenbetten zu heben etc. Eine komplette Roboterisierung stelle ich aber in Frage. Trotzdem werden Berufsleute in der Pflege in Zukunft vermehrt auch über technische und IT-Fähigkeiten verfügen müssen.

Pflegesituation

Wie wichtig sind die kulturellen Aspekte in der Pflege?
Aufgrund der Mobilität und Migration der Bevölkerung nimmt die Diversität der Patientinnen und Patienten stark zu. Wir versuchen, mit Weiterbildungen die interkulturellen Kompetenzen unseres Pflegepersonals stetig zu verbessern. Unsere Mitarbeitenden sind aber auch selbst kulturell sehr diversifiziert, was ein Vorteil ist. Um Verständigungsprobleme zu umgehen, greifen wir immer wieder auf professionelle Dolmetscherdienste zurück. So können wir vermeiden, dass Patienten eine Diagnose nicht verstehen oder einer Behandlung nicht zustimmen, weil sie nicht wissen, worum es geht. Früher wurden oft Familienangehörige oder Kinder als Übersetzer eingesetzt. Darauf möchten wir verzichten, weil sie meist nicht über das fachspezifische Wissen bzw. Vokabular verfügen und oft emotional betroffen sind, insbesondere bei schlechten Nachrichten für die Patientin oder den Patienten.

Was macht die Branche für junge Berufsleute besonders attraktiv?
Die Gesundheitsbranche ist ein spannendes und sicheres Berufsfeld. Sie bietet eine der attraktivsten Berufseinstiegsmöglichkeiten, ob via die Grundbildung Fachperson Gesundheit FaGe – mit oder ohne Berufsmatura –, via Fachmittelschule oder über die gymnasiale Matura. Es gibt ein breites Spektrum an Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten. Zudem sind Gesundheitsberufe sehr anspruchs- und verantwortungsvoll – mit wenig Routinetätigkeit, dafür mit viel Sinnhaftigkeit.

Mehr zur Person 

Alexandra Heilbronner-Haas sammelte nach der Grundbildung als Pharma-Assistentin und dem Diplom als Pflegefachfrau mehrere Jahre Berufserfahrung in verschiedenen Gebieten im Spital. Später erwarb sie neben ihrer Tätigkeit als Leiterin Pflege der Interdisziplinären Notfallorganisation des Kantonsspitals Winterthur ein Diplom in «Health Care Management». Nicht zuletzt auch dank dem absolvierten Executive MBA der Hochschule St. Gallen war sie bestens auf ihre Aufgabe als Leiterin Pflege, Soziales und Therapien des Stadtspitals Waid und Triemli in Zürich vorbereitet.

  

Erschienen in «Gesundheit: Pflege und Betreuung» (Chancen-Heftreihe); Verlag SDBB, Bern

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