Vor 33 Jahren startete Livia Lardi beruflich bei der Stadt Zürich in einem Arbeitsintegrationsprogramm des Jugendamts. Im Einsatz für die Arbeitgeberin Stadt Zürich in all den kommenden Jahren, kamen ganz unterschiedliche Funktionen dazu. Heute ist Livia Lardi Bereichsleiter*in Gesundheits- und Case Management sowie Mitglied der Geschäftsleitung bei Human Resources Management Stadt Zürich. Fachlich mit vielfältigen Themen betraut, bildet die Führung von Menschen den roten Faden einer vielseitigen Karriere.
Kurz vor der Pensionierung resümiert Livia: «Die Stadt Zürich als Arbeitgeberin bietet unglaublich viele Möglichkeiten, kreativ zu sein, Neues zu entwickeln und etwas für die Bevölkerung sowie für die Mitarbeitenden zu bewirken.» Mehr über Livia Lardis beruflichen Weg, Highlights und Herausforderungen bei der Stadt Zürich erfahren Sie in unserem Podcast.
Livia Lardi | Bereichsleiter*in Gesundheits- und Case Management | Human Resources Management | Finanzdepartement
Podcast: Arbeiten bei der Stadt Zürich
Moderation: Sven Bratschi
Gast: Livia Lardi
Sven Bratschi
Arbeiten für die Stadt Zürich. Hier erfahrt ihr Geschichten hinter den Berufen. Neue Folge, neuer Beruf bei der Stadt Zürich.
Ich bin Sven Bratschi und möchte herausfinden, was die gut 34 000 Mitarbeitenden der Stadt Zürich tagtäglich leisten. Heute spreche ich mit jemandem, der fast sein gesamtes Berufsleben bei der Stadt Zürich verbracht hat. 33 Jahre, sieben verschiedene Funktionen und alles bei der gleichen Arbeitgeberin.
Ende Jahr geht sie in Pension. Höchste Zeit also, all diese Erfahrungen in einem Podcast festzuhalten. Herzlich willkommen, Livia Lardi.
Livia Lardi
Hallo zusammen, ich freue mich, hier zu sein.
Sven Bratschi
Bevor wir richtig loslegen, eine kurze Ja- oder Nein-Frage: Bist du bereit für die Pension?
Livia Lardi
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten.
Einerseits ja. Andererseits ist es ein Übergang, der Zeit braucht. Bis Ende Jahr bleibt mir noch genügend Zeit, mich darauf einzustellen.
Sven Bratschi
Gut, dann greifen wir diese Frage am Ende des Podcasts nochmals auf.
Gehen wir chronologisch vor. Die Frage, die wir allen stellen: Was war dein Kindheitstraumberuf?
Livia Lardi
Eigentlich hatte ich zwei Traumberufe. Der erste war Kapitänin auf einem Schiff. Ich wollte die Welt entdecken, Neues kennenlernen und unterwegs sein.
Der zweite Beruf war etwas Soziales oder Empathisches. Ich glaube, wie viele Kinder wollte ich damals Tierärztin werden.
Sven Bratschi
Das klingt nach sehr unterschiedlichen Berufswünschen. Schliesslich bist du aber bei der Stadt Zürich in der Bürokratie gelandet.
Livia Lardi
Als Bürokratie würde ich das nicht bezeichnen. Es kommt immer darauf an, wie man seine Arbeit gestaltet. Die Stadt Zürich als Arbeitgeberin bietet unglaublich viele Möglichkeiten, kreativ zu sein, Neues zu entwickeln und etwas für die Bevölkerung sowie für die Mitarbeitenden zu bewirken.
Sven Bratschi
Dann gehen wir zurück an den Anfang. Du bist vor 33 Jahren beim Arbeitsintegrationsprogramm «Förderband» eingestiegen. Erinnerst du dich noch an den Moment, als du dich entschieden hast, zur Stadt Zürich zu gehen?
Livia Lardi
Ja, daran erinnere ich mich gut. Ehrlich gesagt, war es eher ein Zufall.
Ich hatte mein Studium abgeschlossen und Germanistik studiert. Nebenbei gab ich in Teilzeit Deutsch als Fremdsprache und dachte mir, vielleicht suche ich mir noch eine weitere Herausforderung. Dann sah ich das Stelleninserat des Jugendamts für ein Arbeitsintegrationsprojekt. Ich fand, das könnte zu mir passen, obwohl ich überhaupt nicht wusste, was mich erwartet.
Aber das spielte keine Rolle. Ich liess mich darauf ein und begann diese Reise. Das ist inzwischen 33 Jahre her.
Sven Bratschi
Hättest du damals gedacht, dass du so lange bei der Stadt Zürich bleiben würdest?
Livia Lardi
Nein, überhaupt nicht. Das hätte ich mir nie vorgestellt. Und wenn du nach meiner Karriereplanung fragst: Die gab es eigentlich nicht. Ich liess mich auf die Möglichkeiten ein und schaute, wohin mich der Weg führte.
Ich machte mir keine Gedanken darüber, wie lange diese Reise dauern würde oder welche Stationen sie mit sich bringen würde. Ich war einfach offen für das, was sich ergab.
Sven Bratschi
Wir hätten gar nicht genügend Zeit, um über all deine Stationen zu sprechen. Ich lese einfach einmal einige davon vor, damit man einen Eindruck bekommt: Bereichsleitung Betriebliches Eingliederungsmanagement, Mitglied der Geschäftsleitung, Bereichsleitung Gehalt, Abteilungsleitung HR-Beratung, Leitung Abteilung Stellenmarkt und viele weitere Funktionen.
Wenn du diese Stationen hörst: Welche davon lässt dein Herz heute noch höherschlagen?
Livia Lardi
Du hast auffallend oft das Wort «Leitung» erwähnt. Führung hat mir immer grosse Freude bereitet.
Führen bedeutet für mich, Menschen zu fördern und gleichzeitig zu fordern. Es geht darum, gemeinsam herauszufinden, wie jemand sein Potenzial bestmöglich entfalten kann. Den Dialog zu suchen und gemeinsam etwas zu gestalten, das hat sich wie ein roter Faden durch meine gesamte berufliche Laufbahn gezogen.
Sven Bratschi
Um deinen heutigen Job greifbarer zu machen, möchte ich über ein aktuelles Projekt sprechen. Du hast mir vorhin von deinem Projekt rund um Menstruationsbeschwerden am Arbeitsplatz erzählt. Dabei habe ich sofort verstanden, worum es in deiner Arbeit geht. Kannst du mehr darüber erzählen?
Livia Lardi
Das Projekt zur Einführung eines Menstruationsdispenses hat von Anfang an viele Diskussionen ausgelöst. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich.
Einige sagten, das brauche es überhaupt nicht und sei sogar ein Rückschritt. Andere meinten, Frauen hätten bereits genügend Sonderregelungen und bräuchten nicht noch eine zusätzliche Dispensation.
Auf der anderen Seite gab es jene, die das Thema ganz sachlich betrachteten. Sie sagten: Es gibt unterschiedliche Lebensrealitäten. Manche Frauen leiden unter starken Menstruationsbeschwerden. Das ist eine Tatsache.
Genau dort begann unsere Arbeit.
Das Spannende an diesem Auftrag war, dass zunächst völlig offen war, wie eine Lösung aussehen könnte. Der Auftrag lautete lediglich: Führt einen Menstruationsdispens ein. Doch wie soll das in einer Organisation mit gut 34 000 Mitarbeitenden funktionieren? Die Anforderungen einer Polizistin unterscheiden sich erheblich von denen einer Mitarbeiterin im Steueramt.
Also setzten wir uns zusammen und stellten uns zuerst die wichtigste Frage: Was wissen wir eigentlich über dieses Thema?
Die ehrliche Antwort war: noch zu wenig. Deshalb entschieden wir uns, eine umfassende Mitarbeitendenbefragung durchzuführen. An der stadtweiten Befragung haben rund 20 000 Mitarbeitende teilgenommen. Das war ein aussergewöhnlich gutes Ergebnis. Die Umfrage zeigte, wie viele Frauen tatsächlich unter Menstruationsbeschwerden leiden, welche Bedürfnisse sie haben und welche Massnahmen im Arbeitsalltag wirklich hilfreich wären.
Genau das macht mir Freude. Ich habe das Gefühl, man kann mir und meinem Team fast jede Fragestellung auf den Tisch legen. Wenn wir die Freiheit erhalten, den Lösungsweg selbst zu entwickeln, entstehen gute Ergebnisse.
Sven Bratschi
Und funktioniert das Projekt heute? Du hast das Projekt von Anfang an übernommen. Wie sieht es inzwischen aus?
Livia Lardi
Es funktioniert sehr gut. Das Projekt hat weit über die Stadt Zürich hinaus Beachtung gefunden, bis über die Kantonsgrenzen hinaus und sogar auf Bundesebene.
Der Erfolg liegt darin, dass wir keine fertige Lösung vorgegeben haben. Stattdessen haben wir uns gefragt: Was braucht es wirklich?
Das lässt sich nicht vom Schreibtisch aus entscheiden. Deshalb haben wir Mitarbeitende aus unterschiedlichen Berufs- und Altersgruppen zusammengebracht und eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gebildet. Gemeinsam haben wir erarbeitet, welche Massnahmen tatsächlich sinnvoll sind. Dazu gehören beispielsweise Hygieneartikel, ein angemessener Zugang zu Toiletten oder auch rechtliche Rahmenbedingungen.
Ich glaube, genau dieser praxisnahe Ansatz ist das Erfolgsrezept der Stadt Zürich.
Sven Bratschi
Das ist beeindruckend. Darauf kannst du wirklich stolz sein. Es ist ein schöner Abschluss deiner beruflichen Laufbahn.
Durch deine Funktion hast du Einblick in die unterschiedlichsten Berufe der Stadt Zürich. Das sind unglaublich viele und sehr verschiedene Tätigkeiten. Gab es nie einen Beruf, bei dem du dachtest: Den hätte ich auch gerne einmal ausgeübt?
Livia Lardi
Wie ich bereits gesagt habe, zieht sich das Thema Führung wie ein roter Faden durch meine gesamte Laufbahn.
Aber lustigerweise hätte mich auch der Beruf als Köchin gereizt. Ich esse gerne und bin ein echter Genussmensch. Gleichzeitig weiss ich, dass die Arbeitszeiten sehr anspruchsvoll sind. Deshalb ist das wohl eher etwas, das ich als Hobby ausleben würde.
Auch die Polizei bietet unglaublich spannende Berufsbilder. Aber ein Leben reicht schlicht nicht aus, um all diese Berufe kennenzulernen.
Rückblickend bin ich deshalb sehr glücklich mit dem Weg, den ich gegangen bin.
Sven Bratschi
33 Jahre bei der gleichen Arbeitgeberin. Das ist heute eher selten. Was hat dich all die Jahre bei der Stadt Zürich gehalten?
Livia Lardi
Die Vielfalt.
Die Stadt Zürich bildet die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite ab. Es gibt unzählige Berufsgruppen und ebenso viele unterschiedliche Fragestellungen. Man arbeitet sehr nah an den gesellschaftlichen Entwicklungen und ebenso nah an der Politik.
Natürlich entstehen dabei Spannungsfelder. Aber genau darin liegt auch der Sinn der Arbeit. Wenn es gelingt, die unterschiedlichen Bedürfnisse zusammenzubringen und tragfähige Lösungen zu entwickeln, ist das unglaublich sinnstiftend.
Sven Bratschi
Das bedeutet aber auch, dass die Arbeit oft sehr komplex ist. Wenn so viele unterschiedliche Welten aufeinandertreffen, gibt es wahrscheinlich gar keinen Kompromiss, mit dem alle zufrieden sind.
Livia Lardi
Nein, den gibt es eigentlich nie. Ein Drittel ist zufrieden, ein Drittel weniger und ein Drittel gar nicht.
Damit muss man leben. Entscheidend ist, auf sich selbst und auf sein Herz zu hören und sich immer wieder zu fragen: Kann ich diese Lösung vertreten? Habe ich allen Perspektiven genügend Raum gegeben? Ist es gelungen, die unterschiedlichen Bedürfnisse wirklich zu verstehen?
Dann entwickelt man eine Lösung im Wissen, dass sie nicht endgültig ist. Man bleibt offen, nimmt Anpassungen vor und findet mit der Zeit vielleicht noch bessere Lösungen.
So sind wir Menschen. Wir verändern uns, wir sollen wachsen und wir dürfen Fehler machen. Das gilt auch für mich.
Sven Bratschi
Das finde ich bemerkenswert. Nach 33 Jahren bei der gleichen Arbeitgeberin bist du immer noch so offen für Neues. Woher kommt das?
Livia Lardi
Das ist einfach ein Teil von mir. Offenheit, Neugier und das Gefühl, unterwegs zu sein und sich ständig weiterzuentwickeln, gehören zu meiner Persönlichkeit. Genau diese Eigenschaften haben mich während meiner gesamten Laufbahn begleitet und mir unzählige bereichernde Begegnungen ermöglicht.
Sven Bratschi
In diesen 33 Jahren gab es bestimmt viele Momente, die du nie vergessen wirst. Gibt es einen, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Livia Lardi
Ja, gleich zu Beginn meiner Zeit beim Jugendamt.
Ich arbeitete damals mit Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Platz gefunden hatten, auf der Strasse lebten oder eine Suchterkrankung hatten. Gemeinsam mit ihnen recycelten wir Bauschutt. Dabei ging es manchmal um existenzielle Fragen, um klare Regeln und darum, schwierige Situationen auszuhalten.
Besonders eindrücklich war für mich die Zeit vor Weihnachten. Da wurde mir bewusst, dass die Sehnsucht nach Geborgenheit und Familie bei allen Menschen gleich ist, unabhängig davon, ob jemand auf der Strasse lebt oder nicht.
Gleichzeitig unterrichtete ich Deutsch als Fremdsprache für Führungskräfte mit sehr hohen Einkommen. Dadurch erlebte ich zwei völlig unterschiedliche Welten.
Und trotzdem wurde mir klar: Im Innersten sind wir uns sehr ähnlich. Alle sehnen sich nach Nähe, Geborgenheit und Zugehörigkeit.
Diese Erkenntnis hat mich tief geprägt. Ich glaube, ich habe damals fast alle Berührungsängste verloren und gelernt, mich unvoreingenommen auf Menschen einzulassen. Das ist bis heute geblieben.
Das ist wahrscheinlich einer der grössten Schätze, die ich aus meinem Berufsleben mitnehme.
Sven Bratschi
War das der wichtigste Moment deiner beruflichen Laufbahn?
Livia Lardi
Es war sicher einer der wichtigsten menschlichen und emotionalen Momente.
Daneben gab es natürlich auch viele erfolgreiche Projekte. Zum Beispiel den Stellenmarkt der Stadt Zürich, den wir vor rund 20 Jahren gemeinsam mit einem grossartigen Team aufgebaut haben.
Den Stellenmarkt gibt es heute noch. Das freut mich sehr. Innerhalb eines halben Jahres haben wir ihn aufgebaut. Dazu kamen die Digitalisierung des gesamten Lohnsystems, eine neue Budgetverteilung und viele weitere Projekte.
Ich darf mit Überzeugung sagen, dass wir gemeinsam mit meinen Mitarbeitenden viele erfolgreiche Projekte umsetzen konnten. Darauf bin ich stolz. Und jetzt kommt noch das Projekt rund um den Menstruationsdispens dazu. Ich bin überzeugt, dass meine Nachfolgerin dieses ebenfalls erfolgreich abschliessen wird.
Sven Bratschi:
Hast du das Gefühl, dass in zehn Jahren noch etwas von deiner Arbeit sichtbar sein wird?
Livia Lardi
Das hoffe ich natürlich. Aber ehrlich gesagt, ist mir das Fachliche gar nicht das Wichtigste.
Viel wichtiger ist mir, dass etwas Menschliches bleibt. Dass die Zusammenarbeit, die Begegnungen und die Art, wie wir miteinander umgegangen sind, den Mitarbeitenden, den Führungskräften sowie den Kolleg*innen in Erinnerung bleiben. Das bedeutet mir am meisten.
Sven Bratschi
Im Vorgespräch hast du mir eine lustige Geschichte vom Zukunftstag erzählt. Magst du sie nochmals erzählen?
Livia Lardi
Sehr gerne. Ich liebe den Zukunftstag, weil man dabei mit Kindern ins Gespräch kommt. Damals waren etwa acht Kinder bei uns, und sie durften ein Mitglied der Geschäftsleitung interviewen.
Man weiss nie, welche Fragen kommen. Vorletztes Jahr war das besonders amüsant. Da wurde ich gefragt: «Wie viel verdienen Sie? Verdienen Sie mehr als mein Papa? Haben Sie ein eigenes Haus? Haben Sie ein Auto?»
Da muss man erst einmal überlegen, wie man darauf antwortet. Ich habe versucht, möglichst authentisch zu bleiben.
Eine der lustigsten Fragen war allerdings: «Wer war Ihr erster Schwarm?»
Da sitzen einem Kinder mit leuchtenden Augen gegenüber und erwarten eine ehrliche Antwort. Das ist unglaublich erfrischend.
Eigentlich interessierte sie meine Funktion als Geschäftsleitungsmitglied überhaupt nicht. Wahrscheinlich wussten sie gar nicht genau, was das bedeutet. Sie wollten einfach wissen, wer ich als Mensch bin.
Das fand ich wunderschön. Solche Begegnungen zeigen einem auch, wie wichtig Authentizität ist.
Sven Bratschi
Gibt es auch Dinge, die du überhaupt nicht vermissen wirst?
Livia Lardi
Ja, definitiv.
Was ich sicher nicht vermissen werde, sind Factsheets und ähnliche administrative Aufgaben. Natürlich weiss ich, dass sie notwendig sind. Aber ich werde ihnen bestimmt keine Träne nachweinen.
Sven Bratschi
Was möchtest du jungen Menschen mit auf ihren Berufsweg geben? Du hast so viel Erfahrung gesammelt. Welchen Rat würdest du ihnen geben?
Livia Lardi
Vor allem: Auf sich selbst hören. Mutig sein. Neugierig bleiben und bereit sein zu lernen.
Wer eine Führungslaufbahn anstrebt, sollte ausserdem den Mut haben, sichtbar zu werden. Verantwortung zu übernehmen, vor Menschen hinzustehen und sich zu zeigen, auch wenn man nicht auf jede Frage sofort eine Antwort hat.
Niemand ist perfekt. Wichtig ist, zu seinen Unsicherheiten zu stehen und trotzdem den nächsten Schritt zu wagen.
Letztlich sind Neugier und echtes Interesse das Entscheidende. Und man merkt schnell, wenn diese verloren gehen.
Sven Bratschi
Ende Jahr gehst du in Pension. Was wirst du an deinem ersten freien Morgen als Erstes tun?
Livia Lardi
Ausschlafen, sofern mir das gelingt.
Ich glaube, man unterschätzt, wie sehr einen Verantwortung, Struktur und der Berufsalltag prägen. Ich hoffe, dass es mir gelingt, all das loszulassen.
Dann möchte ich mich auf eine innere Reise einlassen. Einfach schauen, was entsteht, was sich zeigt und wofür plötzlich Zeit da ist.
Ohne konkretes Ziel. Einfach in Ruhe einen Kaffee trinken und den inneren Reichtum wahrnehmen.
Sven Bratschi
Du hast mir vor unserem Gespräch erzählt, dass du grossen Respekt vor diesem neuen Lebensabschnitt hast. Wovor genau?
Livia Lardi
Man merkt wahrscheinlich, wie stark ich mich mit meiner Arbeit identifiziere. Ich finde die Stadt Zürich als Arbeitgeberin einfach grossartig. Die Möglichkeiten sind enorm vielfältig und es gibt Strukturen, die über viele Jahre Teil meines Lebens waren.
Vor allem aber hatte ich unzählige bereichernde Begegnungen. Mit Stadträtinnen und Stadträten, Personalverbänden und den unterschiedlichsten Menschen. Das alles hat mich geprägt und mir sehr viel gegeben.
Der Austausch mit all diesen Menschen war unglaublich bereichernd. Von einem Tag auf den anderen fällt das alles weg. Und ja, davor habe ich Respekt.
Ich frage mich, ob es mir gelingen wird, neue Kontakte zu knüpfen. Künftig muss ich meine Strukturen selbst schaffen und aktiv auf Menschen zugehen. Genau davor habe ich Respekt.
Ich arbeite seit sehr vielen Jahren zu 100 Prozent. Plötzlich diesen Schalter umzulegen, ist schwieriger, als ich gedacht habe. Gleichzeitig freue ich mich aber auch darauf. Es ist eine Mischung aus Vorfreude und Respekt.
Sven Bratschi
So wie man dich kennt, hast du bestimmt schon einige Pläne für die Zeit nach der Pensionierung, oder?
Livia Lardi
Ja, durchaus. Wie jeder Mensch habe ich verschiedene Seiten. Auch wenn man es vielleicht nicht sofort vermuten würde, bin ich in vielen Bereichen eher introvertiert.
Eine grosse Leidenschaft von mir ist das Schreiben. Seit ich denken kann und schreiben gelernt habe, schreibe ich.
Mein Wunsch ist es, ein Buch mit Alltagslyrik zu veröffentlichen. Ich sehe das Buch bereits vor mir, sogar das Cover. Wenn ich es Ende 2027 in den Händen halte, wäre das etwas ganz Besonderes.
Dabei geht es um einen völligen Wechsel der Sprache. Im Berufsalltag muss ich sehr präzise und funktional kommunizieren. Beim Schreiben darf die Sprache poetisch sein, frei und voller Bilder. Das fasziniert mich.
Und wenn das Buch bis Ende 2027 nicht fertig ist, dann ist das auch in Ordnung. Dann habe ich es zumindest versucht. Ich setze mich damit nicht unter Druck.
Sven Bratschi
Worum geht es in deinem Buch?
Livia Lardi:
Es ist ein autobiografisch-philosophisches Buch. Mit meiner beruflichen Tätigkeit hat es kaum etwas zu tun.
Es geht vielmehr um die Fragen, die man sich mit 63 Jahren stellt. Um den dritten Lebensabschnitt und um das Bewusstsein, dass das Leben endlich ist. Gleichzeitig geht es um die eigene Kindheit und Jugend, also um die Frage, was einen als Mensch geprägt hat.
Das Buch wird sehr persönlich und autobiografisch.
Mich interessieren vor allem Gegensätze. Das Spannungsfeld zwischen verschiedenen Sichtweisen und die Frage, wie beides gleichzeitig wahr sein kann. Dabei begleiten mich philosophische Themen wie Sinn, Freude, Fülle, Wahrnehmung und die Frage, wie wir unser Leben gestalten.
Diese Fragen haben sich schon viele Menschen vor mir gestellt, und viele werden sie auch nach mir stellen.
Sven Bratschi
Also setzt du dich noch einmal ganz bewusst mit dem Leben auseinander.
Livia Lardi
Genau.
Sven Bratschi
Sehr schön. Livia Lardi, herzlichen Dank für deine Offenheit. Es war schön, dass du heute bei uns warst. Für deinen neuen Lebensabschnitt wünschen wir dir von Herzen alles Gute und eine erfüllte Pension.
Livia Lardi
Vielen Dank.
Sven Bratschi
Wenn ihr mehr über die vielfältigen Berufe der Stadt Zürich erfahren möchtet, dann schaltet auch beim nächsten Mal wieder ein.
Vielen Dank fürs Zuhören und bis bald.