Care-Leaver*innen sind junge Menschen. Sie haben eine Zeit lang in einer Pflegefamilie oder in einem Heim (also ohne Eltern) gelebt. Care-Leaver*innen müssen mit 18 Jahren aus der Pflegefamilie oder dem Heim ausziehen. Sie beginnen ein eigenes Leben. Dieser Wechsel ist oft schwer und sie stehen vor vielen finanziellen Herausforderungen. Deshalb möchten wir Sie dabei unterstützen, die finanzielle Gesundheit und die Finanzkompetenz von Care-Leaver*innen zu stärken – vor und nach dem Austritt aus der Erziehungshilfe. So können Care-Leaver*innen sicherer ins Erwachsenenleben starten.
Dieser Text hilft Fachpersonen, Care-Leaver*innen beim Thema Geld zu unterstützen. Wir beziehen uns dabei auf einen Forschungsbericht der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Dort haben Care-Leaver*innen und Fachpersonen zusammen geforscht, Herausforderungen aufgeschrieben und Empfehlungen gemacht. Damit Sie sich gut orientieren können, geben wir zuerst einen Überblick:
- Empfehlungen nutzen: Im ersten Teil finden Sie die Empfehlungen aus dem Forschungsbericht der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Diese zeigen, wie Fachpersonen Care-Leaver*innen allgemein unterstützen können. Wir haben dazu konkrete Ideen hinzugefügt, wie man im Alltag den Umgang mit Geld üben kann.
- Angebote zeigen: Im zweiten Teil stellen wir unsere kostenlosen Angebote vor, die Care-Leaver*innen nutzen können. Dazu gehören Beratung, Online-Informationen, Kurse und praktische Hilfen.
- Herausforderungen verstehen: Im dritten Teil beschreiben wir die Probleme, die Care-Leaver*innen oft haben. Wenn Sie diese Herausforderungen kennen, verstehen Sie besser, warum Ihre Unterstützung so wichtig ist.
- Empfehlung: Begleiten Sie die jungen Menschen persönlich und nehmen Sie sich Zeit. Gehen Sie auf ihre Wünsche und Probleme ein.
- Umsetzungs-Idee: Interessieren Sie sich für die Konsum-Wünsche von Care-Leaver*innen. Denn hinter jedem Wunsch steckt ein Bedürfnis. Fragen Sie: «Warum wünschst du dir das?» Oder «Wie fühlst du dich nach dem Kauf?». Auf feel-ok finden Sie mehr Informationen zu Wünschen und Bedürfnissen.
- Empfehlung: Geben Sie praktisches Wissen, Infos und Kurse weiter.
- Umsetzungs-Idee: Reden Sie mit Care-Leaver*innen über Geld. Geben Sie Ihr Alltags-Wissen weiter: Zum Beispiel erzählen Sie von Steuern, Mietrecht und dem Umgang mit Briefen und Rechnungen. Bieten Sie auch praktische Hilfe an. Erstellen Sie zusammen einen Dauerauftrag oder ein Ordnungs-System. Wir empfehlen auch das Starter Paket vom Careleaver Netzwerk Region Zürich. Das ist eine Sammlung mit nützlichen Angeboten, Informationen und Anleitungen.
- Empfehlung: Man vertraut bekannten Gesichtern mehr an. Bauen sie eine Beziehung auf oder arbeiten sie gemeinsam mit erfahrenen Care-Leaver*innen.
- Umsetzungs-Idee: Menschen lernen durch Beobachtung, auch beim Umgang mit Geld. Als Fachperson sind Sie ein wichtiges Vorbild. Sprechen Sie offen darüber, wenn Sie gute oder schlechte Kauf-Entscheidungen gemacht haben. So lernen Care-Leaver*innen durch Ihr Beispiel.
- Empfehlung: Lassen Sie die jungen Menschen mitentscheiden. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein. Sie lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen.
- Umsetzungs-Idee: Füllen Sie zum Beispiel zusammen die Steuererklärung aus oder planen Sie gemeinsam den Wochen-Einkauf. Am besten lernen Kinder das schon im Heim oder bei der Pflegefamilie. Zum Beispiel mit Taschengeld und ab 12 Jahren mit Jugendlohn. Vertrauen Sie den Jugendlichen. Lernen braucht Zeit, und Fehler sind genauso wichtig wie gute Erfahrungen.
- Empfehlung: Machen Sie Angebote einfach zugänglich.
- Umsetzungs-Idee: Viele Care-Leaver*innen wissen nicht, was es alles für Angebote gibt und wie man diese findet. Motivieren Sie die jungen Erwachsenen, sich Unterstützung zu holen. Zeigen Sie ihnen, wo sie Informationen zum Thema Geld finden. Und wer ihnen Geld-Fragen beantworten kann. Sie können die Angebote auch gemeinsam mit den Care-Leaver*innen nutzen. Care-Leaver*innen können sich so in Zukunft auch selbst informieren. Das ermöglicht ihnen, selbständiger zu sein. So begleiten Sie die Care-Leaver*innen gut bei ihrem Lebensübergang.
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Über Geld sprechen ist oft schwer. Viele Menschen reden ungern darüber. Darum warten sie lange, bis sie Hilfe holen. Ermutigen Sie deshalb Care-Leaver*innen, Unterstützungs-Angebote zu nutzen. So trauen sie sich eher, Hilfe zu holen. Wir haben verschiedene Angebote für Care-Leaver*innen. Alle unsere Angebote sind kostenlos.
- Money Chat: Hier kann man einfach und anonym mit uns chatten. Auch gibt es einen Wissensbereich, wo man sich selbst zu Geld-Themen informieren kann. (Zum Moneychat)
- Moneythek: Hier beraten wir Personen mit Geldfragen vor Ort. Man muss den Namen nicht angeben. Zudem kann man eine Mappe machen, um mehr Ordnung in den Dokumenten zu haben. (Zur Moneythek)
- Feel-ok: Website mit Infos, Vorlagen und Spielen zum Thema Geld (Zur Webseite)
- Geld im Griff: «Wie mache ich das?»: Kurs mit praktischen Tipps für den Umgang mit Geld. Teilnehmende lernen, wie man den Überblick über Geld behält. (Zur Anmeldung)
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Viele Kinder lernen zuhause von den Eltern, wie man mit Geld umgeht. Zum Beispiel beobachten sie, wie die Eltern ihre Steuererklärung ausfüllen. Oder wie sie den Briefkasten öffnen und Rechnungen bezahlen. Care-Leaver*innen haben diese Möglichkeit im Heim oft nicht. Darum fehlt ihnen Wissen zu Geld-Themen.
Viele Care-Leaver*innen sind noch in der Ausbildung, wenn sie ausziehen. Sie bekommen dann nur wenig Geld, weil der Lehrlingslohn niedrig ist. Viele Care-Leaver*innen haben dann nicht genug Geld für Dinge, die sie täglich brauchen. Dieses Problem belastet und macht die Ausbildung schwierig. Es führt auch zu existenziellen Problemen. Diese Probleme machen oft zusätzlich Stress und belasten die Psyche. Manche ziehen deshalb wieder zu den Eltern. Das bietet Stabilität. Es macht aber emotional und finanziell abhängig. Wenn sie diese Möglichkeit nicht haben, greifen sie oft auf Kredite oder Sozialhilfe zurück. Dadurch kommen sie leichter in die Schulden.
Für Care-Leaver*innen ist es besonders schwierig, nach dem Austritt eine eigene Wohnung zu finden und zu finanzieren. Oft gibt es Vorurteile. Und es fehlt häufig auch das Geld: kein festes Einkommen, niedriger Lehrlingslohn oder Arbeitslosigkeit. Auch die Kaution und die Nebenkosten sind teuer. Es gibt zwar andere Angebote, um günstig zu wohnen. Zum Beispiel ein betreutes Wohnen oder andere Wohnprojekte. Diese sind aber oft an eine Ausbildung gebunden. Wer also keine Ausbildung hat, bekommt dort keinen Platz.
In der Schweiz gibt es kein einheitliches Bundesgesetz zur Kinder- und Jugendhilfe. Die Kantone sind für die Umsetzung der Hilfsangebote verantwortlich. Das heisst: Jeder Kanton hat andere Regeln. Manchmal endet die Hilfe schon mit 18 Jahren, manchmal erst mit 25 Jahren. Danach müssen sie selbst Geld für ihr Leben organisieren. Sie können verschiedene Sozialleistungen nutzen. Diese Hilfe ist aber oft schwer zu bekommen und auch sehr kompliziert. Man braucht viel Wissen und muss sich selbst darum kümmern. In einigen Kantonen müssen Menschen die Sozialhilfe später zurückzahlen. Das kann wiederum zu Schulden führen.
Viele Care-Leaver*innen brauchen finanzielle Unterstützung wie Sozialhilfe, Stipendien oder individuelle Prämienverbilligung (IPV). Dafür müssen sie Anträge ausfüllen. Für diese Anträge brauchen sie oft Unterlagen von ihren Eltern. Wenn die Eltern nicht helfen, dauert es lange oder der Antrag wird abgelehnt. Dann bekommen Care-Leaver*innen oft kein Geld und können Rechnungen nicht bezahlen. Das führt manchmal zu Schulden.
Danke, dass Sie sich für dieses wichtige Thema interessieren!
Careleaver-Initiative & FHNW (2021). Care Leaver – Forschungsbericht zur Lebenssituation von Care Leavern in der Schweiz. Fachhochschule Nordwestschweiz.
Wir danken für die wertvollen Einblicke und Zitate zur Lebenssituation von Careleaver*innen:
- Andrea Schmid-Fischer, Leiterin Fachstelle Volljährigenunterhalt, Frauenzentrale Luzern
- Jan Kroeni, Leitung Careleaver Netzwerk Region Zürich
- Pia Labruyère, Leitung ÜBER18