Sarah Reichel ist seit 2019 bei den Gesundheitszentren für das Alter tätig und seit Dezember 2022 Leiterin medizinische Therapien im Gesundheitszentrum Witikon und Riesbach. Ziel des Projekts «Ambulante Physiotherapie» war zu erproben, ob ein ambulantes Therapieangebot des Physioteams in Witikon und Riesbach bei den Bewohner*innen in den Gesundheitszentren Klus Park, Rebwies und Wildbach, bei der Quartierbevölkerung und bei den Mitarbeitenden der Gesundheitszentren Witikon und Riesbach auf Interesse stösst und kostendeckend geführt werden kann. Im Interview erzählt Sarah Reichel, wie es zur Idee kam, wie die Pilotphase ablief und wo das Projekt heute steht.
Sarah, was war der Hintergrund der Idee, im Quartier eine ambulante Physiotherapie anzubieten?
Die Idee hatten wir schon länger. Die Gesundheitszentren mit Schwerpunkt «Spezialisierte Pflege» verfügen über eigene Physiotherapeut*innen, diejenigen mit Schwerpunkt «Wohnen im Alter» nicht. Warum also nicht diese interne Expertise für andere Betriebe im Quartier nutzen? Unsere Therapeut*innen sind Fachspezialist*innen im geriatrischen Bereich. Das ist ein grosser Nutzen für ein Quartier, welches etwas abseits gelegen ist und in dem viele ältere Menschen wohnen – unter anderem auch in der Rohn Salvisberg Stiftung mit Alterswohnungen, welche direkt gegenüber vom Standort Witikon liegt. Ausserdem wollen die Gesundheitszentren ihre Angebote stets bedarfsgerecht weiterentwickeln. Meine Stellvertreterin, Noëmi Hengartner, hat im Rahmen einer Weiterbildung einen entsprechenden Businessplan erstellt und mithilfe einer Bedarfsanalyse wurde evaluiert, welche Angebote im Quartier vorhanden sind, und was benötigt wird.
Wem macht ihr euer Angebot zugänglich?
Wir sind regelmässig in den Gesundheitszentren Klus Park, Wildbach und Rebwies tätig. Zusätzlich stehen die Türen für Bewohner*innen aus dem Quartier sowie für unsere eigenen Mitarbeitenden offen.
Welche Vorteile bringt die ambulante Physiotherapie?
Das Angebot wirkt auf mehreren Ebenen: Indem wir unser Haus für das Quartier öffnen, stärken wir unsere Rolle als Begegnungsort. Menschen, die noch zuhause leben, können von unseren Leistungen profitieren und uns frühzeitig kennenlernen. Für unsere Therapeut*innen bringt die Arbeit zusätzliche Abwechslung und eine breitere Klientel. Gleichzeitig setzen wir Ressourcen gezielt ein und nutzen die Vorteile unserer Grösse. Auch bietet dieses Angebot einen grossen Vorteil für unsere Mitarbeitenden: so können sie direkt bei der Arbeit zur Therapie kommen, beispielsweise nach Feierabend oder der Mittagspause.
Die Umsetzung habt ihr mit einer Pilotphase gestartet, im Rahmen derer ihr geprüft habt, ob das Konzept aufgeht. Wie seid ihr vorgegangen und was war das Ziel?
In der Pilotphase von Mai 2024 bis Juni 2025 wollten wir prüfen, ob der Bedarf tatsächlich besteht und ob Aufwand und Kosten im Verhältnis stehen. Da neue Angebote immer eine gewisse Anlaufzeit brauchen, haben wir die Zusammenarbeit mit den Gesundheitszentren Klus Park, Wildbach und Rebwies gestaffelt gestartet.
Wo siehst du den grössten Nutzen für die Gesundheitszentren Klus Park, Wildbach und Rebwies?
Alle Gesundheitszentren arbeiten mit demselben Dokumentationssystem. Dadurch haben wir Transparenz durch gemeinsame Dokumentation und eine nahtlose Kommunikation zwischen Pflege und Therapie. Rückmeldungen aus den Häusern zeigen, dass das Angebot geschätzt wird und die Betriebe es unbedingt beibehalten wollen. Auch stärkt es die Zusammenarbeit der verschiedenen Standorte, da Ressourcen gezielt genutzt werden können. So haben beispielweise unsere Therapeut*innen anderen Berufsgruppen die korrekte Handhabe der vorhandenen Fitnessgeräte instruiert oder verschiedene Hilfsmittel ausgeliehen. Einzig bei der Terminplanung gibt es noch Optimierungsbedarf, an dem wir arbeiten.
Was ist die Schwierigkeit bei der Terminplanung?
Die vorausschauende Terminkoordination an fünf Standorten (Gesundheitszentren Witikon, Riesbach, Klus Park, Wildbach und Rebwies) ist anspruchsvoll. So werden beispielsweise im Gesundheitszentrum Riesbach, wo Bewohnende mit einer Demenzerkrankung zu Hause sind, keine Termine vereinbart und im Gesundheitszentrum Witikon nur zum Teil. In den drei Betrieben mit Schwerpunkt «Wohnen im Alter» ist die Terminplanung aber natürlich zentral, da die Bewohnenden dort meist sehr fit sind und es gewohnt sind, Termine selbstständig zu vereinbaren und pünktlich wahrzunehmen. Wir schauen die Einsatzpläne regelmässig zusammen an und optimieren nach Bedarf und Möglichkeit. Derzeit sind je zwei Mitarbeitende für ein Haus zuständig. Das gesamte Team, das heisst alle acht Physiotherapeut*innen und die ein bis zwei Studierenden, die unterstützen, sind eingebunden.
Was sind Erfolgserlebnisse, die ihr mit dem Angebot hattet?
Besonders wertvoll ist die Kontinuität der Betreuung. Bei internen Übertritten können Therapien nahtlos weitergeführt werden – oft sogar mit derselben Therapeut*in. Eine Bewohnerin vom Klus Park freute sich etwa sehr, als sie nach einem Sturz ins Gesundheitszentrum Witikon als Temporäraufenthalt verlegt wurde und von ihrer vertrauten Therapeutin weiterbehandelt wurde. Auch kleinere Alltagsgeschichten zeigen den Nutzen: Eine Bewohnerin der Rohn-Salvisberg-Stiftung entdeckt bei uns zusätzliche Dienstleistungen wie Coiffeur oder Podologie. Ein Ehepaar legt seine Termine bewusst so, dass es danach gemeinsam in unserem Restaurant Viva Mittagessen kann.
Habt ihr Rückmeldungen von Patient*innen erhalten?
Ja, wir haben bei allen Patient*innen mittels eines Fragebogens nachgefragt: 90 % der Patient*innen sind sehr zufrieden mit unserem Angebot, 10 % sind zufrieden und 100 % würden uns weiterempfehlen. Dieses Ergebnis freut uns sehr. Besonders schön sind Rückmeldungen dazu, dass unsere Therapeut*innen sehr empathisch und wertschätzend seien und einen tollen Job machen würden. Die Niederschwelligkeit des Angebots wird ebenfalls sehr geschätzt.
Gab es Überraschungen?
Eine Überraschung war das nicht, aber eine interessante Bestätigung: Wir hatten im Businessplan im Vorfeld verschiedene Szenarien mit fiktiven Beispielen erarbeitet. Die Beispiele sind allesamt eingetroffen. Die Anmeldungen aus der Quartierbevölkerung waren anfangs noch zögerlich, aber das ist natürlich ein Prozess, und wir sind trotzdem zufrieden mit dem Ergebnis unserer Marketingmassnahmen. Witikon ist ein lebendiges Quartier, Informationen werden weitergegeben. So habe ich schon von Senior*innen im Quartier gehört, sie würden das neue Angebot kennen und seien interessiert, benötigen aber gerade keine Physiotherapie.
Wie geht es mit dem Projekt weiter?
Die ambulante Physiotherapie konnte im Rahmen der Pilotphase erfolgreich aufgebaut werden und wird nun fester Bestandteil unseres Angebots. Die Zufriedenheit bei den Patient*innen und den Mitarbeitenden ist sehr hoch. Künftig möchten wir den Austausch mit den beteiligten Gesundheitszentren noch weiter stärken, um bestmöglich auf ihre Bedürfnisse einzugehen. So wurde zum Beispiel gewünscht, dass wir mehr Dysphagieabklärungen anbieten, also Abklärungen bei Schluckbeschwerden. Diesem Wunsch kommen wir gerne nach. Ausserdem wird seitens der Geschäftsleitung im Rahmen unserer Angebotsstrategie geprüft, ob das Angebot auch auf weitere Standorte ausgeweitet werden kann. Dies ist zum jetzigen Zeitpunkt jedoch zu früh, um weitere Schritte zu planen.
Ich möchte diese Gelegenheit unbedingt nutzen, um mich bei meinem grossartigen Team zu bedanken. Ohne das Know-how, die Begeisterung für das Projekt und den Einsatz jedes einzelnen Teammitglieds wäre die erfolgreiche Umsetzung nicht möglich gewesen.
Das Gesundheitszentrum Witikon bietet Therapieeinheiten neben den Standorten Witikon und Riesbach neu auch in den Gesundheitszentren Klus Park (2 Nachmittage pro Woche), Wildbach (2 Nachmittage pro Woche) und Rebwies (2,5 Tage pro Woche) an. Das sind aktuell in den drei Betrieben rund 50 bis 60 Therapieeinheiten pro Woche, was in etwa einer Vollzeitstelle entspricht, die sich auf das gesamte Team verteilt. Die Therapieeinheiten der externen Bevölkerung und der Mitarbeitenden machen derzeit nur rund 4 % aus.
Das Team im Gesundheitszentrum Witikon ist auf den Fachbereich Geriatrie spezialisiert, weitere Fachkompetenzen sind Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie, Chirurgie und Innere Medizin. Auf ärztliche Anordnung bieten wir:
- Gleichgewichtstraining und Sturzprävention
- Gerätegestützte Therapie
- Manuelle Therapie
- Manuelle Lymphdrainage
- Elektrotherapie und Ultraschall