Wenn die neuen Lernenden nach den Sommerferien im Berufsvorbereitungsjahr starten, sind viele von ihnen entmutigt. Sie haben sich schon zigmal beworben und Absage um Absage erhalten. «Viele fühlen sich als Loser, weil sie das 10. Schuljahr besuchen müssen», sagt Annette Kurth, Klassenlehrerin im Praktischen Berufsvorbereitungsjahr im Schulhaus Im Rohr. Seit sechs Jahren unterrichtet die ausgebildete Sekundarschullehrerin im BVJ und findet den Job «extrem spannend, extrem sinnstiftend, aber auch sehr anspruchsvoll». Soeben hat sie den berufsbegleitenden CAS Berufswahlcoaching abgeschlossen.
Viele Lehrstellen sind bereits öffentlich ausgeschrieben, wenn die Lernenden im August das Berufsvorbereitungsjahr beginnen. Kein Wunder wollen die Jugendlichen gleich loslegen. «Viele setzen sich zu hohe Ziele», erklärt Annette. Sie motiviert ihre Lernenden, das Spektrum der in Frage kommenden Berufe zu öffnen, nochmals ihre Interessen und Stärken zu klären und die favorisierten Berufe einem Realitätscheck zu unterziehen. «Ganz wichtig ist, dass ich sowohl meine Lernenden als auch ihre Eltern mit ins Boot hole», sagt Annette. Ist das erreicht, werden die Bewerbungsunterlagen der Lernenden perfektioniert, ihre Sozialkompetenzen und ihre Auftrittskompetenz gestärkt. Da in Annettes Klasse schwächere Lernende sind, welche eher eine EBA-Lehre machen, spielt der ganze Bewerbungsprozess vorerst eine zentralere Rolle als die Vertiefung der Allgemeinbildung, welche in anderen Profilen wichtiger ist.
Annette arbeitet eng mit dem Laufbahnzentrum der Stadt Zürich (LBZ) und dem Förderzentrum der Viventa zusammen. Einige ihrer Lernenden werden zusätzlich von Carole Tschannen, Berufswahlcoach am Förderzentrum, unterstützt und begleitet. «Viele Jugendliche des BVJ sind sehr motiviert, eine Lehrstelle zu finden, haben aber ungünstige Strategien beim Bewerben», sagt sie. «Dann frage ich sie: Wie gross ist ihre Motivation für die Lehrstelle und fürs Arbeiten? Diese liegt oft bei 8 von 10 Punkten. Und wie gross ist die Motivation fürs Bewerben? Diese Frage beantworten die Lernenden meist mit 4 bis 5 Punkten. Dieser Widerspruch ist den Lernenden oft gar nicht bewusst. Doch daran lässt sich im Coaching anknüpfen.» Mit dem sogenannten «Change-Talk» beleuchtet Carole mit vielen Fragen die aktuelle Situation und wie es idealerweise sein könnte: «Wie ist es jetzt? Wo will ich hin? Wie schaffe ich es, motiviert zu sein für den Bewerbungsprozess?» Die Jugendlichen erarbeiten einen Plan, mit dem sie ihrem Ziel Schritt für Schritt näherkommen können. «Ich sage den Jugendlichen, dass viele kleine Steine den grossen ins Rollen bringen. Für die Motivation ist es entscheidend, kleine, machbare Ziele anzustreben und umzusetzen», erklärt Carole.
«Wir finden es toll, wenn die Lernenden viele Schnupperlehr-Erfahrungen sammeln – das ist äusserst hilfreich», sagt Carole. Es komme häufig vor, dass in einem Beruf zweimal geschnuppert werde, und ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht würden. Das Förderzentrum baut aus diesem Grund sein Schnupperlehr- und Lehrstellen-Netzwerk aus. «Wir brauchen Kontakte zu Personen in Firmen, die auch offen sind für Jugendliche mit nicht geradlinigen Biografien. Viele Arbeitgebende möchten Lernende, die unbedingt wollen, auch wenn die Noten vielleicht nicht perfekt sind», sagt Carole. Auch Annette ist daran, ein Netzwerk mit Lehrbetrieben aufzubauen. Die Gesundheitszentren für das Alter stellen ihre Berufe beispielsweise jedes Jahr in ihrem Schulhaus vor.
«Im Idealfall können Eltern ihre Kinder bei der Berufswahl unterstützen. Das ist aber nicht immer möglich», sagt Carole. Eine gewisse Offenheit und Neugier seitens der Eltern sei immer sehr hilfreich, erklären beide Fachfrauen. Denn diese haben den grössten Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder. «Gerade auf Jugendlichen mit Migrationshintergrund lastet oft ein unglaublicher Druck, dass sie es weiterbringen müssen als ihre Eltern», erklärt Annette. «Manchmal fehlt es an der Kenntnis des Schweizer Bildungssystems und den Aufstiegschancen», ergänzt Carole. Zentral für die Jugendlichen ist der Einstieg in die Arbeitswelt. Danach gibt es glücklicherweise viele Möglichkeiten, um sich weiterzubilden und Karriere zu machen. Annette schätzt es, wenn Eltern zu wichtigen Gesprächen kommen, man im Austausch ist und sie am selben Strick ziehen. Die Begleitung und den Support der Jugendlichen beim Bewerben übernimmt die Schule. «Wir können den Lernenden hier im Berufsvorbereitungsjahr eine vielseitige Unterstützung bieten und die meisten Eltern sind sehr dankbar dafür», erklärt Annette.
Was ist am wichtigsten, damit die Lehrstellensuche erfolgreich ist? «Das Dranbleiben. Am Schluss findet sich für beinahe alle eine passende Lösung», sagt Carole. Bis in die letzte Woche vor den Sommerferien finden Jugendliche Lehrstellen. Dann kann es plötzlich ganz schnell gehen, nachdem es bis zu diesem Zeitpunkt harzig lief. Einige Betriebe schaffen sogar extra Lehrstellen, wenn Jugendliche sie beim Schnuppern überzeugt haben. Für die wenigen Lernenden, die nach dem BVJ keine Anschlusslösung gefunden haben, sind die Motivationssemester der RAV eine gute Alternative auf dem Weg in die Berufs- und Arbeitswelt.
Die Klassenlehrpersonen betreiben mit ihren Lernenden intensiv Berufswahl und unterstützen sie bei der Lehrstellensuche – dies in enger Zusammenarbeit mit dem Laufbahnzentrum der Stadt Zürich. Wird noch zusätzliche Unterstützung oder eine andere Perspektive benötigt, arbeiten die Coaches vom Förderzentrum der Viventa mit den Jugendlichen in einem Eins-zu-eins-Setting.