Global Navigation

«Ihre Wurzeln sind wichtig – sie sollen gepflegt werden. Das gibt Kraft, Neues auszuprobieren».

News

Emma Meier ist seit 2011 Freiwillige bei der Fachstelle Freiwilligenarbeit im Programm Einzelbegleitungen. In dieser Zeit hat sie drei junge Familienfrauen während längerer Zeit begleitet. Sie berichtet von ihrem langjährigen Einsatz bei M. aus Eritrea.

3. Februar 2021

Seit Mitte November 2019 besuche ich M. nach der Geburt ihres fünften Kindes wieder wöchentlich im Rahmen einer 1: 1 Begleitung. Das Ziel ist, dass sie ihre Kenntnisse in Lesen und Schreiben nicht vergisst, einfache Briefe schreiben kann und im 2021 entsprechend ihren Vorkenntnissen einen weiteren Deutschkurs besucht. Wenn ihre zweitjüngste Tochter nicht in der Tagesschule ist, spielen wir zusammen, wir machen kleine Aufgaben, die sie in der Schule weiterbringen oder wir gehen gemeinsam auf den Spielplatz oder auf einen Spaziergang. Wenn im Familienalltag Probleme auftauchen, bespricht sie M. oft mit mir und wir suchen gemeinsam nach einer Lösung – da ich die Familie bereits nach ihrer Ankunft aus Eritrea von 2011–2018 begleitet hatte, ist sehr viel gegenseitiges Vertrauen da.

Beim gemeinsamen Lesen scheint es mir wichtig, Geschichten vorzuschlagen, zu denen die inzwischen 38-jährige Mutter aufgrund von eigenen Lebenserfahrungen einen Bezug herstellen kann. Sie hat starke emotionale und soziale Fähigkeiten und beobachtet gut. Auf diesen Stärken bauen wir auf. In unseren Gesprächen thematisieren wir oft die Kultur in Eritrea und das Leben in der Schweiz, wir vergleichen und suchen nach Gemeinsamkeiten. Ihre Wurzeln sind wichtig – sie sollen gepflegt werden. Das gibt Kraft, Neues auszuprobieren. Das ist mir ein wichtiger Ansatz als Begleiterin.

M. sagte mir beim letzten Treffen beim gemeinsamen Spiel mit der jüngsten, vifen Tochter, dass sie als Eltern jetzt vieles anders machen als bei den älteren Kindern, und dass die Jüngste ihren Vater sehr gern hat. Sie begleitet ihn am Morgen zum Lift und freut sich, wenn er von der Arbeit kommt und sie mit ihm allein noch einmal nach draussen gehen darf. Manchmal steckt M. ihre jüngste Tochter - so wie in Eritrea - tagsüber für einen kurzen Schlaf in ihren Ziegenlederrucksack.

Mit der Begleitung ist mir vieles aus der eritreischen Kultur vertraut geworden. Ich durfte beispielsweise mehrmals am eritreisch-orthodoxen Osterfest in der Kirche und zusammen mit meinem Ehemann an ihrer Festtafel teilnehmen. Die Begleitung bereichert mein Leben als Pensionierte. Ich kann Wissen aus meinem Berufsleben als Lehrerin und Sozialarbeiterin nochmals nutzen. Es bereitet mit grosse Freude, wenn ich dazu beitragen kann, dass Menschen ihr Potenzial entfalten. Ich nehme mit Achtung wahr, wie gross die Anstrengungen von M. sind, um einen Platz in unserer Gesellschaft zu finden, nachdem sie in ihrer Kindheit nur während zwei Jahren eine einfache ländliche Schule besuchen konnte.

Es freut mich, die gute Integration der Familie in ihrem Wohnquartier mitzuerleben. Die älteste Tochter ist  im dritten und letzten Lehrjahr, der älteste Sohn in der 3. Oberstufe. Er erzählte beim letzten Besuch stolz, dass er nach der Schnupperwoche den Lehrvertrag für Sommer 2021 zugesichert bekommen hat.