Seit 2022 wurden in der Stadt Zürich deutlich weniger Kinder geboren als zwischen 2014 und 2021. Auch auf nationaler Ebene war dieser Geburtenrückgang zu beobachten. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich Einstellungen und Haltungen gegenüber Kinderwunsch und Elternschaft verändert haben. Das Bundesamt für Statistik (BFS) führt seit 2013 im Abstand von fünf Jahren die Erhebung zu Familien und Generationen durch. Dort werden unter anderem Fragen zum Kinderwunsch und zu den erwarteten Auswirkungen von Kindern gestellt. Die Befragungen fanden in den Jahren 2013, 2018 und 2023 statt. Zwischen 2018 und 2023 wurde die Erhebungsmethode von Telefon auf Mixed-Mode (Online/Telefon) umgestellt.
In diesem Online Artikel werden die folgenden Fragen untersucht:
- Aktuelles: Welche Einstellungen und Haltungen bestehen aktuell im Hinblick auf den Kinderwunsch und die erwarteten Auswirkungen von Kindern?
- Veränderung: Haben sich diese Einschätzungen seit 2013 verändert?
- Stadt Zürich und gesamte Schweiz: Sind diese Haltungen in der Stadt Zürich ähnlich wie in der gesamten Schweiz? Oder gibt es fundamentale Unterschiede?
Welche Kinderzahl wird in der Schweiz von jungen Menschen angestrebt? Von den 20- bis 29-Jährigen möchte mehr als die Hälfte am liebsten eine Familie mit zwei Kindern (Grafik 1). Knapp ein Viertel möchte drei oder mehr Kinder. Diese Werte haben sich in den letzten zehn Jahren nur geringfügig verändert. Beim Wunsch nach zwei Kindern war ein leichter Rückgang zu verzeichnen.
Grosse Veränderungen scheint es bezüglich Kinderlosigkeit zu geben: Scheinbar gibt es heute markant mehr 20- bis 29-Jährige, die keine Kinder wollen. Dieser Anteil ist von 2018 auf 2023 von 7 auf 17 Prozent angestiegen, was allerdings auch mit dem veränderten Befragungsmodus zusammenhängen kann: Bei den telefonischen Befragungen (2013 und 2018) konnte man angeben, dass man noch nicht weiss, wie viele Kinder man möchte. Die Kategorie «weiss nicht» war eine Antwortmöglichkeit. Bei der Online-Befragung 2023 war das anders: Man musste sich grundsätzlich auf eine gewünschte Kinderzahl festlegen (null, eins, zwei usw.). Beim Online-Fragebogen erschien erst dann ein zusätzliches Feld mit «Weiss nicht, keine Antwort», wenn man ohne angegebene Kinderzahl weiterklicken wollte. Daher erstaunt es nicht, dass der Anteil «Weiss nicht, keine Antwort» von 12 auf 2 Prozent abgenommen hat. Aufgrund der geänderten Befragung ist bei dieser Frage ein Zeitvergleich nur eingeschränkt möglich.
Für die Stadt Zürich sind die Ergebnisse ähnlich wie in der gesamten Schweiz: Die meisten wünschen sich auch hier zwei Kinder, gefolgt von einer Familie mit drei oder mehr Kindern. Es gelten ebenfalls die erwähnten Einschränkungen bezüglich zeitlicher Vergleichbarkeit. Zudem sind die Stichprobenunsicherheiten für die Stadt Zürich beträchtlich.
Kinder können zur Veränderung der Lebenssituation führen. Welche Erwartungen haben die 20- bis 39-Jährigen diesbezüglich? In der Schweiz gehen 42 Prozent davon aus, dass ein (weiteres) Kind zu mehr Zufriedenheit in ihrem Leben führt (Grafik 2). Ähnlich sieht es bei den erwarteten Auswirkungen von Kindern auf die Partnerschaft aus. Anders fällt die Einschätzung bei den Berufsaussichten aus: Hier glaubt eine Mehrheit, dass sich Kinder negativ auf die berufliche Entwicklung auswirken.
In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Einschätzungen zur Wirkung von Kindern auf Zufriedenheit und Partnerschaft verschoben. Heute gibt es mehr kritische Stimmen als früher. Die erwarteten Auswirkungen von Kindern auf die Berufsaussichten sind praktisch unverändert.
Bei den Themen Zufriedenheit und Partnerschaft unterscheiden sich die Erwartungen in der Stadt Zürich kaum von jenen in der gesamten Schweiz. In Zürich fallen jedoch die Einschätzungen zu Berufsaussichten kritischer aus als in der gesamten Schweiz. Von den jungen Menschen in der Stadt Zürich erwarten fast zwei Drittel, dass sich Kinder negativ auf die Berufsaussichten auswirken.
Schweizweit beurteilen Frauen die Auswirkungen von Kindern auf die Berufsaussichten deutlich kritischer als Männer. So erwarten 62 Prozent der Frauen negative Effekte, bei den Männern sind es 46 Prozent (Grafik 3). Das gleiche Muster zeigt sich in der Stadt Zürich: Auch hier überwiegen bei den Frauen die kritischen Stimmen. Während 72 Prozent von ihnen negative Auswirkungen erwarten, sind es bei den Männern 58 Prozent. Diese Situation hat sich in den letzten zehn Jahren nur geringfügig verändert.
Welche Faktoren beeinflussen (sehr) stark, ob man (weitere) Kinder möchte? Vor zehn Jahren dominierten bei den 20- bis 39-Jährigen in der Schweiz zwei Faktoren: die Qualität der Beziehung und die finanzielle Situation (Grafik 4). Diese beiden Gründe sind auch heute noch am wichtigsten. Allerdings sind weitere Faktoren hinzugekommen, insbesondere die Arbeitsbedingungen und die Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder. Heute entscheidet offensichtlich eine Vielzahl von Faktoren darüber, ob man (weitere) Kinder möchte. Die Hürden sind anscheinend gestiegen. Dieses Muster lässt sich auch in der Stadt Zürich beobachten.
- Kinderwunsch: Die Mehrheit der jungen Menschen wünscht sich zwei Kinder, auch wenn dieser Anteil heute leicht geringer ist als vor zehn Jahren. Die scheinbar starke Zunahme jener, die keine Kinder möchten, ist wegen der Anpassungen der Befragungsmethode mit Vorsicht zu betrachten.
- Erwartete Auswirkungen von Kindern: Viele gehen davon aus, dass sich Kinder positiv auf Zufriedenheit und Partnerschaft auswirken. Allerdings ist die Zustimmung in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. Kritisch beurteilt werden weiterhin die Berufsaussichten – insbesondere von Frauen.
- Entscheidung, ob (weitere) Kinder: Vor zehn Jahren spielten vor allem Partnerschaft und Finanzen eine zentrale Rolle. Heute kommen weitere Faktoren wie die Arbeitsbedingungen und die Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder hinzu. Es müssen insgesamt mehr Voraussetzungen erfüllt sein, damit man sich für Kinder entscheidet.
Erhebung zu Familien und Generationen (EFG)
Das Bundesamt für Statistik (BFS) führt diese Erhebung seit 2013 alle fünf Jahre durch. Schweizweit wurden 2023 etwa 18 000 Personen befragt; davon wohnten mehr als 2000 in der Stadt Zürich. Bis 2018 wurde telefonisch befragt. Seit 2023 setzt man auf einen Mixed-Mode-Ansatz (Online/Telefon).