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Linda Mantovani Vögeli

Linda Mantovani, Fachstellenleiterin 1990–1999
Foto: Dominique Meienberg

«Die nächste Generation junger Frauen sollte frei wählen können»

Linda Mantovani Vögeli  leitete von 1990 bis 1999 das Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann, sechs Jahre zusammen mit Zita Küng.
Ein wichtiges Ziel für die Sozialwissenschafterin war es, geschlechtertypische Rollenbilder aufzubrechen.

Interview: Rita Torcasso 

Was bedeutete für dich 1989 die Abstimmung über eine Amtsstelle für Gleichstellung von Frau und Mann in Zürich?
Ich wohnte damals in Aarau und arbeitete in der Bildungsforschung. Als Feministin habe ich die Abstimmung natürlich mitverfolgt. Der Ausgang war für mich ein Zeichen, dass Zürich eine offene Stadt ist, die Gleichstellung will.

Was hat dich motiviert für die Bewerbung als Leiterin?
Gereizt hat mich der Aufbau von etwas Neuem. Die Arbeit gab die Möglichkeit, in direkten Kontakt mit der Bevölkerung zu treten und politischen Einfluss auf die Umsetzung der Gleichstellung zu nehmen.

Warum hat das Büro dann als ein grosses Projekt eine Heftreihe für Jugendliche vor der Berufswahl herausgegeben?
Ich kam von der Bildung her und war mir deshalb bewusst, wie sehr geschlechtstypische Rollenbilder einschränken. An einem so wesentlichen Scheidepunkt wie der Berufswahl wurden Mädchen zurückgebunden auf wenige Möglichkeiten. Mein Ziel war, dass die nächste Generation junger Frauen wirklich frei wählen kann.

Wie entstanden die vier Hefte?
Als Stadtstelle hatten wir die Möglichkeit, Schulklassen direkt anzusprechen und die Hefte an alle jungen Menschen vor der Berufswahl zu verteilen. Zudem konnten wir die Berufsberatung in den Entwicklungsprozess einbeziehen. Wir machten das Konzept, die Texte schrieben Autorinnen.

Was war entscheidend für die Realisierung?
Das Neue war, dass sich die Hefte separat an Mädchen und Buben und an ihre Eltern wandten. Vier Hefte in dreifacher Ausführung an alle Schülerinnen und Schüler der zweiten Oberstufenklasse zu verschicken, bedeutete ein grosser Aufwand. Das konnten wir nur realisieren, weil uns das damalige Bundesamt für Berufsbildung und Technologie finanziell unterstützt hat.                                                       

Was habt ihr mit der Kampagne erreicht?
Wir gaben einen Anstoss, dass die geschlechterspezifische Berufswahl in den Schulen, zu Hause und in der Berufsberatung diskutiert wurde. Die Heftreihe war so erfolgreich, dass wir vom Bund nochmals Geld erhielten, damit wir sie auch in den fünf häufigsten Migrationssprachen und kulturell angepasst versenden konnten. Weiterverfolgt wurde das Thema dann vom Lehrstellenprojekt 16+ der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten, die unter anderem den nationalen Tochtertag eingeführt hat, an dem Mädchen ihre Väter bei der Arbeit besuchten. 

Wie ging es nach der Kampagne weiter?
Eine Weiterbearbeitung war, die Stärken der Frauen sichtbar zu machen. So entstand die Aktion, in der Stadt Strassen und Plätze nach bekannten Zürcherinnen zu benennen. Das brauchte einiges an Beharrlichkeit. Andere Rollenbilder förderte 1998 das Buch «Zapp Zappina, eine Zeitreise mit Zürichs Frauen durch 150 Jahre Geschichte». Für mich war dieses Werk, das den Zürcher Jugendbuchpreis erhielt, eine Herzensangelegenheit. 

Was für eine Stimmung herrschte denn damals in den Schulen?
Erst 1993 verabschiedeten die Kantone «Empfehlungen zur Gleichstellung von Frau und Mann im Bildungswesen». Vorangegangen war ein Bericht, der aufzeigte, dass in der Hälfte der Kantone, auch in Zürich, Fächerunterschiede für Mädchen und Buben bestanden. Auch die Lehrmittel vermittelten die herkömmlichen Rollenbilder von Frauen und Männern. 

Habt ihr auch Bildungsinitiativen für Erwachsene angestossen?
Wir lancierten ein Projekt mit Deutschkursen für Migrantinnen während der Schulzeit und mit Kinderhütedienst. Der Unterricht ging von der konkreten Lebensrealität fremdsprachiger Mütter aus. Ab 1996 übernahm dann die Stadt die Kurse, die immer noch durchgeführt werden. 

Die Veränderung der Rollenbilder zieht sich wie ein roter Faden durch deine Arbeit. Warum war dir dieses Thema so wichtig?
Es ging mir immer darum, dass sich das kulturelle Bild der Frau verändert, und Frauen im gesellschaftlichen Leben genau so sichtbar sind wie Männer. Im Büro setzten wir Zeichen für eine andere Wahrnehmung. Das letzte in meiner Amtszeit war die erste Tram-Kampagne «Umdenken öffnet Horizonte», welche die Frage stellte, was Berufe mit dem Geschlecht zu tun haben. 

Wie schätzt du heute die damaligen Fortschritte ein?
Wir machten erste wichtige Schritte, damit die «dienende» Rolle verschwand, die damals Frauen zugeschrieben wurde. Und wir haben den Grundstein gelegt, dass junge Frauen und Männer heute dieselben Wahlmöglichkeiten bei der Berufs- und Studienwahl haben. 

Was wurde nicht erreicht?
Obwohl Frauen in der Bildung aufgeholt haben, blieben sie beim Lohn und den Karrierechancen diskriminiert. Noch immer betrachten einige die Arbeit der Frauen als weniger wert, auch wenn sie das nicht laut sagen würden. 

Auf welches damalige Ereignis bist du stolz?
Dass wir auch mit unbequemen Aktionen an die Öffentlichkeit gegangen sind. So organisierten wir 1995 vor den Wahlen ein Strassentheater. Der Stadtrat verbot die Aufführung als politische Einmischung. Mit privater Finanzierung ging sie dann aber doch über die Bühne. Dass wir in der Leitung zu zweit waren, stärkte uns in solch «brenzligen» Situationen. 

Ab 1996 hast du das Büro alleine geleitet. Was gab den Ausschlag, dass du weiter gemacht hast?
Ich wollte Angefangenes beenden. Und bei einigen Projekten, die noch zu wenig weit entwickelt waren, bestand die Gefahr, dass sie Widerständen zum Opfer gefallen wären. 

Welche Wünsche hast du für die Zukunft der Fachstelle?
Wir arbeiteten in einer Zeit, in welcher Gleichstellung als politische Aufgabe wahrgenommen wurde. Heute sind die strukturellen Diskriminierungen nach wie vor vorhanden, doch «verschleierter». Deshalb braucht es wieder besondere «Augenöffner». Mein Wunsch wäre, dass die Fachstelle wieder aufmüpfiger wird beim Einfordern der politischen Verpflichtung.

Zur Person: Linda Mantovani Vögeli, 59, ist Erziehungswissenschafterin und Soziologin. Nach der Leitung des Büros für Gleichstellung von 1990 bis 1999 war sie 13 Jahre lang Direktorin der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich. Seit 2013 ist sie pensioniert.

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