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Zita Küng

«Wir wollten die Gewaltkultur in der Gesellschaft verändern»

Zita Küng war von 1990 bis 1996 Leiterin der Fachstelle, damals «Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann». Ein zentrales Thema für die Juristin war der Kampf gegen jede Form von Gewalt gegen Frauen.

Interview: Rita Torcasso 

Kannst du dich noch an die Abstimmung  von 1989 erinnern?
Natürlich. Ich war erstaunt, dass das Büro eine so grosse Stimmenmehrheit erhielt. Vielleicht lag es daran, dass damals Politik noch als Nutzen für die Allgemeinheit wahrgenommen wurde.  

Was gab den Ausschlag, dass du dich für die Leitung des Büros beworben hast?
Als Kantonsrätin kannte ich die gesellschaftliche Relevanz der Gleichstellung und auch die unterschiedlichen Perspektiven. Und ich brachte aus der Frauenbewegung «Kampferfahrung» mit.

Du hast dann die Stelle zusammen mit Linda Mantovani übernommen. War das so geplant?
Wir haben uns unabhängig voneinander beworben. Der damalige Stadtpräsident Josef Estermann fragte an, ob wir die Stelle gemeinsam übernehmen möchten. Unsere Qualifikationen ergänzten sich gut. Wir waren die erste «Doppelspitze» in der Verwaltung.

Die erste grosse Kampagne des Büros richtete sich gegen «Männergewalt». Warum habt ihr dieses Thema gewählt?
Das Sozialamt plante, eine Stelle für Opfer von Gewalt einzurichten. Wir argumentierten, dass diese bei uns sein sollte, weil Gewalt ein gesellschaftskulturelles und nicht ein «soziales» Problem ist. Uns ging es darum, die Gewaltkultur zu verändern. Wir sprachen mit der Polizei über ihre Einsatzdoktrin und stellten gemeinsam fest, dass eine neue Strategie nötig war. Es fehlte das Bewusstsein, Gewalt im Privatbereich als Tatort zu sehen und routinemässig Fakten für die Beweisführung aufzunehmen.

Was war dann das wichtigste Ereignis im Zusammenhang mit der Kampagne?
Dass der Stadtrat gemeinsam eine Kampagne lancierte mit dem Slogan «Männergewalt macht keine Männer». Das war neu. Und einmalig war, dass  alle neun Mitglieder der Regierung an die Medienkonferenz kamen. Jede Stadträtin und jeder Stadtrat formulierte eine eigene Argumentation zum Thema. Damit wurde es aus der Ecke der «persönlichen Probleme» geholt und auf die politische Agenda gesetzt.

Wie habt ihr die Ideen für die Kampagne entwickelt?
Wir stellten einem Werbebüro vor, in welche Richtung wir gehen möchten: möglichst nahe am normalen Alltag, um eine breite Wirkung zu erzielen. So entstanden Weltformatplakate mit dem Slogan «Männergewalt macht keine Männer», die in der ganzen Stadt und im Bahnhof hingen. Zur Kampagne gehörten auch die Bierdeckel mit dem «Intelligenztest für Männer». Und mit einem Filmtrailer, den wir in den Kinos zeigten, machten wir deutlich, dass Gewalt fast immer zuhause stattfindet – nicht im Wald, auf dem dunklen Heimweg oder im Parkhaus. So klar und unmissverständlich wurde Männergewalt vorher noch nie öffentlich gemacht. 

Was hat sich nach der Kampagne verändert?
Betroffene, Beteiligte, Beratende und Forschende – alle äusserten sich und brachten Lösungsansätze ein. Die Polizei begann mit internen Schulungen, und das Thema wurde gesamtschweizerisch aufgenommen. Zusammen mit dem Sozialamt haben wir dann das Zürcher Interventionsprojekt gegen Gewalt entwickelt. Eines der Anliegen war Prävention. Ab 1996 wurde es in allen Schulen durchgeführt. 

Wie beurteilst du heute die Wirkung?
Häusliche Gewalt wurde zu einem politischen Thema und die Sicht, dass Gewalt in der Partnerschaft nicht Privatangelegenheit sondern ein Strafdelikt ist, begann sich durchzusetzen. Wir haben Vorarbeit für das kantonale Gewaltschutzgesetz geleistet. Doch eine klare gesellschaftliche Ächtung von Gewalt ist bis heute nicht erreicht. Das Thema wird immer wieder ins Private abgedrängt.

Habt ihr damals noch weitere Projekte gegen Gewalt durchgeführt?
Als erste in der Schweiz griffen wir mit einer Veranstaltung die sexuelle und sexistische Belästigung am Arbeitsplatz auf. Das Echo war gross: Frauen aus dem Publikum erzählten von ihren Erfahrungen. Wir verankerten die Leitlinie «Das Mass bestimmt immer die Frau». Dann suchten wir international nach bestehenden Projekten, wie Arbeitgebende in die Pflicht genommen werden können. Die Fachstelle für Frauenfragen sorgte dann in der Verwaltung für die ersten Reglemente gegen sexuelle und sexistische Belästigung. 

Was war massgebend für das Gelingen eurer Projekte?
Eine grosse Rolle spielten Kooperationen. Wir hatten einen regen Austausch mit dem Finanz-, Sozial- und dem Polizeidepartement, die sich alle sehr für unsere Arbeit interessierten. Und während der Aufbauphase des Büros entstanden auch unerwartete Möglichkeiten von Zusammenarbeit: So konnten wir zusammen mit Architektinnen dafür sorgen, dass Angsträume wahrgenommen und beseitigt wurden. 

Anfang Neunzigerjahre begann eine Wirtschaftskrise. Habt ihr mit Projekten darauf reagiert?
Wir untersuchten, wie das Arbeitsamt mit erwerbslosen Frauen und Männern umgeht. Die Beobachtung einer Soziologin vor Ort zeigte, dass Zeitmanagement und Reaktionen in der Beratung bei Frauen und Männern unterschiedlich waren. So mussten zum Beispiel ausschliesslich Frauen, um vermittelbar zu sein, einen Kinderbetreuungsnachweis erbringen. 1994 wurde diese eidgenössische Regelung auf Druck des Arbeitsamtes Zürich abgeschafft. Ich bin empört, dass sie offensichtlich wieder gilt. Kürzlich zeigte mir eine erwerbslose Frau entsprechende RAV-Formulare. Es braucht also einen neuen Anlauf! 

Welches Ereignis prägte die Anfangszeit des Büros?
Ein halbes Jahr nach dem Start fand der schweizerische Frauenstreiktag statt. Wir als Verwaltungsstelle konnten nicht zum Streik aufrufen, doch vom Büro aus wünschten wir, dass Beteiligte uns ihre «Materialien» – Flyer, Plakate, Forderungskataloge usw. – schickten. Wir erhielten viele Zusendungen und haben dieses historische Material dem Sozialarchiv geschenkt.  

Was war aus heutiger Sicht das Schwierigste an deiner Arbeit?
Auswählen! Gleichstellung in der Stadt Zürich betrifft sämtliche Lebensbereiche. Wir waren beim Start des Büros ja nur zu dritt – mit insgesamt 200 Stellenprozenten – und auch die Mittel waren beschränkt. 

Was hast du aus der Zeit in der Fachstelle mitgenommen?
Die Möglichkeit, das Gleichstellungsthema als offiziellen Verwaltungsauftrag umzusetzen, war eine tolle Erfahrung, und spannend war auch, wie sich Kooperationen entwickelten. Ich habe dabei ganz unterschiedliche Führungspersonen erlebt und profitiere in meiner Arbeit als Beraterin natürlich davon, zu verstehen, wie sie «ticken». 

Hast Du einen Wunsch für die Zukunft der Fachstelle?
Dass viele Themen – auch das Gewaltthema –  intensiv bearbeitet werden können und wir so als gesamte Gesellschaft Fortschritte in der Gleichstellung machen. Und ich fände es grossartig, wenn man mit einer Substanz über das Trinkwasser erreichen könnte, dass Gleichstellung alle interessiert.

Zur Person: Zita Küng, 60, studierte Jura an der Universität Zürich und bildete sich in Organisationsentwicklung weiter. Sie leitete die Fachstelle von 1990 bis 1996. Heute ist sie mit «EQuality» Inhaberin eines Beratungsunternehmens im Bereich Gender Management.

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