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Unternehmensarchive im Stadtarchiv Zürich

von Anna Pia Maissen

Das Stadtarchiv Zürich sammelt bereit seit einiger Zeit Archive privater Herkunft, darunter auch zahlreiche Unternehmensarchive. Es gehört zu seinem gesetzlich festgeschriebenen Auftrag, neben den Akten der Stadtverwaltung auch weiteres Material zu sammeln, welches für die Geschichte der Stadt Zürich von Bedeutung ist. Dazu gehören selbstverständlich auch die Archive derjenigen Zürcher Firmen, welche zur Wirtschaftsgeschichte der Stadt beigetragen haben.

Firmenarchive machen ungefähr einen Viertel der Archive aus privater Herkunft aus, die das Stadtarchiv aufbewahrt. Zu den wichtigsten Unternehmensarchiven im Stadtarchiv Zürich gehören unter anderem das der Brauerei Hürlimann AG, welches die Firmengeschichte seit der Gründung 1836 bis zu ihrem Ende 1988 verfolgt; die Transportfirma Welti-Furrer, wo sich auch ein geharnischter Protestbrief Richard Wagners von 1858 befindet, der ihn als notorischen Zechpreller in Zürich entlarvt; die Eisenhandels-Firma Pestalozzi + Co AG, die seit 1788 in Zürich ansässig war und heute noch existiert, die Maschinenfabrik Oerlikon (MFO), eine der fortschrittlichsten Arbeitgeberinnen gegenüber italienischen GastarbeiterInnen; das 1807 gegründete und für das Musikleben Zürichs so wichtige Musikhaus Hug, die seit 1805 existierende Maschinenfirma Escher Wyss & Cie, die erste, welche ins unbesiedelte Hard-Quartier – heute Zürich West – zog und damit das Industriequartier Zürich begründete, und als letzte Akquisition das wunderschöne, farbige Archiv der Firma Grieder.

Warum bewahrt man Firmenarchive auf? Die gesetzlichen Aufbewahrungsfristen betragen nicht mehr als 10 Jahre – warum soll man die Geschäftsunterlagen länger behalten? Wie die Ereignisse rund um die Aufarbeitung der Rolle des Finanzplatzes Schweiz im 2. Weltkrieg zum Teil recht schmerzhaft gezeigt haben, gibt es gute Gründe für Unternehmen, Firmenarchive anzulegen und diese auch dann weiter zu pflegen, wenn die gesetzlichen Fristen längst abgelaufen sind. Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Grund, Unternehmensarchive aufzubewahren – nämlich die Einsicht, dass es sich bei diesen Archiven um schützenswerte Kulturgüter handelt, auf deren Erhaltung und Nutzung die Öffentlichkeit einen legitimen Anspruch hat.

Unter „Kulturgüter“ sind bis in der jüngsten Vergangenheit vor allem Formen der Kunst, Bauten, Denkmäler etc. verstanden worden. Heute fasst man diesen Begriff viel weiter – genauso, wie sich das Kulturverständnis im Lauf der Zeit wandelt. Früher galten Firmenarchive als Privatsache, und der Zugang zu ihnen war nicht oder nur sehr selektiv möglich. Während die Arbeit der öffentlichen Verwaltungen über ihre seit Jahrhunderten gepflegten Archive nachvollziehbar sind und der Öffentlichkeit zugänglich sind, bleiben die privaten Archive der Unternehmen praktisch unsichtbar. Damit kann auch ihr Beitrag zur Geschichte der Schweiz und ihrer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung nicht angemessen berücksichtigt werden. So wurde die Geschichte lange nur über die verfügbaren Quellen der öffentlichen Verwaltung geschrieben. Dies kann aber kein ausgewogenes Bild geben, und so ist zu hoffen, dass sich das Bewusstsein, dass Unternehmensarchive ein gesellschaftliches Kulturgut sind, auch bei den Firmenleitungen selbst durchsetzt.

Einerseits ist also die seriöse langfristige Führung eines Firmenarchives für ein Unternehmen aus rechtlichen und wirtschaftlichen wichtig, andererseits aber auch, um seinen eigenen Beitrag zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte festzuhalten und zu verstehen: „Master the past, and you will master the future“[1], oder, wie es Søren Kierkegaard schon vor über 170 Jahren formuliert hat: „Das Leben muss rückwärts gerichtet verstanden, aber vorwärts gelebt werden“.
 
In diesem Sinne bewahren wir im Stadtarchiv Zürich mit Freude und Stolz Unternehmensarchive wie das der traditionsreichen Zürcher Firma Grieder auf.
 
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[1] vgl. den grundlegenden Artikel von Margrit Müller: Unternehmensarchive als Kulturgüter, in: Unternehmensarchive – ein Kulturgut? Beiträge zur Arbeitstagung Unternehmensarchive und Unternehmensgeschichte. Baden 2006, S. 9-14.

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