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Wo die Jüngsten wohnen

26. März 2015 - Cornelia Schwierz

Im Jahr 2014 kamen in der Stadt Zürich 5145 Kinder zur Welt, so viele wie zuletzt 1966. Seit 1993 wurden insgesamt 87 279 Kinder in der Stadt Zürich geboren, durchschnittlich knapp 4000 jedes Jahr. Wo wohnen Zürichs Jüngste? Ist der positive Geburtentrend in allen Regionen Zürichs ähnlich ausgeprägt? Was beeinflusst die räumliche Verteilung der Geburten auf die Stadtquartiere? 

Sihlfeld, Wiedikon und Wipkingen überdurchschnittlich geburtenstark

Je mehr Einwohnerinnen und Einwohner ein Quartier hat, desto mehr Geburten lassen sich dort erwarten. Es gibt aber geburtenstärkere und –schwächere Quartiere (Grafik 1a). In Sihlfeld, Alt-Wiedikon, Wipkingen, Enge und Werd werden mehr Neugeborene verzeichnet, als es ihre Bevölkerungszahl zunächst erwarten liesse; in den Quartieren Friesenberg, Witikon, Leimbach oder Weinegg gibt es im Vergleich zu ihrer Bevölkerungszahl wenig Geburten.

Die Geburtenziffer berücksichtigt die Bevölkerungszahl (Grafik 1b). Die gesamtstädtische Geburtenziffer lag 2014 bei 12,7 Neugeborenen pro 1000 Zürcherinnen und Zürcher. Die Werte der Quartiere variierten stark (Hochschulen 3,2; Seefeld 18,3). Das Seefeld erfreute sich gegenüber dem Vorjahr 2013 der grössten prozentualen Steigerung der Geburtenziffer (+6,8 %).

Markante Geburtensteigerung gegenüber 1993 in fast allen Quartieren

Für praktisch alle Quartiere wuchs die Geburtenhäufigkeit seit 1993 deutlich an (Grafik 1b, Zeitverlauf). Im Jahr 2014 kamen in der Stadt Zürich 3,3 Kinder pro 1000 Personen mehr zur Welt als noch 1993. Ab 2005 waren in den meisten Quartieren durchwegs mehr als 10 Neugeborene pro 1000 Personen pro Jahr zu verzeichnen. Am deutlichsten war der Trend zu mehr Kindern in Wiedikon, Sihlfeld, Enge und Werd sowie in den Kreisen 11 und 12.

Die Differenz zu den geburtenschwächeren Quartieren hat sich im Laufe der Zeit sogar verstärkt: In den Quartieren Friesenberg und Witikon blieb die Geburtenziffer seit 1993 stets unter 10 Kindern pro 1000 Personen. Dies obwohl das Quartier Friesenberg als ausgesprochenes Familienquartier gilt und der Anteil der Kinder und Jugendlichen der höchste der Stadt ist (2014: 27 %). Im Friesenberg bestehen viele Familiensiedlungen, für die Belegungsvorschriften gelten. Dies lässt vermuten, dass dort weniger Geburten zu beobachten sind, weil Familien mit bereits mindestens einem Kind zuziehen.

Bei den kleinen Quartieren des Kreis 1 waren die Trends am wenigsten erkennbar, weil dort die jährlichen Schwankungen relativ gross sind. 

Grafik 1: a) Anzahl Geburten, nach Quartier und Jahr, 1993-2014 b) Geburtenziffer (Promille) c) Abweichung der Geburtenziffer vom städtischen Durchschnitt. Die Linien beschreiben jeweils die Zeitentwicklung pro Quartier.

Einflüsse auf die Geburtenzahl

Beeinflusst wird die Geburtenziffer durch die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter. Sie wird in der Stadt Zürich vor allem durch die Wanderung bestimmt.

Ausserdem ist der gesellschaftliche Kontext relevant für die Geburtenhäufigkeit: Lebensentwürfe und Familienneigung sind gesellschaftlichem Wandel unterworfen. Die Fertilität kann von der Herkunft abhängen, aber natürlich spielt auch das sozio-ökonomische Umfeld eine Rolle, ebenso wie die Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsplätzen.

Die quartierspezifische Veränderung der Geburtenrate hängt folglich ebenso mit Wanderungen verschiedener Bevölkerungsgruppen wie auch mit deren persönlichen Zielen zusammen.

Bautätigkeit und demografische Entwicklung

Zuwanderung und Bautätigkeit sind eng verknüpft. Ein kausaler Zusammenhang ist nicht exakt quantifizierbar. Dennoch lässt sich für die Quartiere der Stadt Zürich beobachten, dass das Bevölkerungswachstum gut mit dem Neubauvolumen korreliert (siehe auch Bevölkerungsszenarien).

Die Zuwandernden sind in der Mehrheit zwischen 20 und 40 Jahren alt. Zuzüge junger Personen erhöhen potenziell die Geburtenziffer eines Quartiers. Dennoch ist erstaunlich, wie gleichläufig in vielen Quartieren die Geburtenziffer und der Zuwachs an Wohnungen sind (Grafik 2).

Beispiele aus den Quartieren

In vielen Quartieren korrespondieren die Indikatoren der Geburtenziffer und des Wohnungsbaus sehr gut. Insbesondere trifft dies für einige der bevölkerungsreichsten Quartiere zu.

Beispielsweise die Erweiterung Neu-Oerlikon, die bereits 1999 begann. Dort wurden zwischen 2000 und 2006 zwischen 200 und 300 Wohnungen pro Jahr fertiggestellt, mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil von 80 Prozent 3- und mehr Zimmerwohnungen.

Im Entwicklungsgebiet Affoltern wurden innerhalb von 5 Jahren im Gebiet Ruggächer 2500 Neubauwohnungen gebaut und von 5000 Menschen bezogen. Der Anstieg der Geburtenziffer verläuft quasi zeitgleich. Ein Grund hierfür könnte der hohe Anteil gemeinnütziger Wohnbauträger sein. Für diese Siedlungen steigt die Kinderzahl nach dem Bezug häufig schneller an als in privaten Siedlungen. Auch in anderen Quartieren ist die Korrespondenz von Geburtenanstieg und Wohnbautätigkeit hoch (z.B. Altstetten, Sihlfeld, Werd).

Grafik 2: Indexwerte der Geburtenziffer und der Wohnungszunahme, nach Quartier und Jahr, 1993-2014. Referenzjahr 1993, Werte normiert.
Grafik 2: Indexwerte der Geburtenziffer und der Wohnungszunahme, nach Quartier und Jahr, 1993-2014. Referenzjahr 1993, Werte normiert.

In manchen Quartieren sind die Zusammenhänge weniger offensichtlich. Beispielsweise im Quartier Hard. Dort stieg die Wohnungszahl von 2010 rasch an, nicht aber die Geburtenziffer. Seit 2010 nahm die Anzahl 1- und 2-Zimmerwohnungen stärker zu als die 3-und mehr Zimmerwohnungen (+6,8 %; respektive +1,6 %). Die kleineren Wohnungen eignen sich weniger für Familien.

Im Seefeld kontrastiert das deutliche Wachstum der Geburtenziffer ab 2005 mit dem Rückgang der Wohnungszahl. Dieser Abbau betrifft aber vor allem kleinere Wohnungen (-4,5 %). Die Anzahl Wohnungen mit 3 und mehr Zimmern stieg im gleichen Zeitraum an (+1,2 %); es scheint, dass Wohnungen zusammengelegt und damit familientauglich gemacht wurden.

Wird aus Zürich eine Familienstadt?

Drei Studien zu Neubausiedlungen in der Stadt Zürich, die seit 2006 verfasst wurden, kamen übereinstimmend zum Schluss, dass überdurchschnittlich viele Familienwohnungen mit mindestens vier Zimmern erstellt wurden. Dies vor allem in vergleichsweise preiswerten gemeinnützigen Siedlungen. Es zeigte sich, dass in Neubauten gemeinnütziger Bauträger die Anteile der 0- bis 4-Jährigen teils bis zu 300 Prozent über dem städtischen Schnitt liegen. Die Geburtenzahlen steigen meist unmittelbar nach dem Einzug in die neuen Wohnungen. Aber auch in privaten Neubauten klettern die Geburten- und Kleinkinderraten innerhalb von etwa fünf Jahren nach Fertigstellung deutlich. Die Erstellung grosser Neubauvolumen hat also während einiger Jahre einen merklichen Einfluss auf die Geburtenrate; danach nimmt die Zahl der Neugeborenen und Kinder in den Siedlungen wieder ab.

Durch die Neubautätigkeit wurde auch eine Grundlage dafür geschaffen, dass Familien vermehrt in der Stadt verbleiben können. Dadurch erhöht sich das Potenzial für die Geburt weiterer Kinder in der Stadt Zürich, was die Geburtenziffer steigen lässt. Die Kleinkinderzahl ist seit 1993 für alle Altersjahre von 0- bis 6 deutlich angewachsen. Dies ist vor allem auf die Geburten zurückzuführen. Die Wegzüge von Kindern unter 7 Jahren überwiegen zwar seit Jahren deren Zuzüge. Die Geburtenzahlen sind jedoch etwa 3- bis 4-mal so hoch wie der Wanderungssaldo der unter 7-Jährigen; und sie stiegen in den letzten zehn Jahren auch stärker an. Die Geburten konnten den negativen Wanderungssaldo also mehr als ausgleichen.

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