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Amtshaus Werdplatz: A propos Wandmalerei

Zu Beginn der Kunstförderung durch Kunst im Umfeld von Gebäuden wurden Bauten mit Malerei und Skulpturen ausgeschmückt. Ab den 1960er-Jahren dann traten zeitgenössische Medien wie Video, Audio- und Lichtinstallationen hinzu. Das Wandgemälde hat dabei bis heute überlebt und sich als sehr wandelbar erwiesen: Das zeigt ein Blick auf einige Wandgemälde, die in ganz verschiedenen Zusammenhängen entstanden sind und die beispielhaft die Möglichkeiten vor Augen führen, mit denen Wandgemälde die Wünsche und Ansprüche ihrer Zeit, der Architektur und auch der Künstler selbst spiegeln.

Die Wandmalerei ist ein klassisches Medium von Kunst am Bau. Sie schmückte Kirchen, gehörte zur prachtvollen Ausstattung der Häuser von Aristokratie, gehobenem Bürgertum und staatlichen Repräsentationsbauten. Als sich im Laufe des 20. Jahrhunderts Kunst am Bau als Massnahme staatlicher Künstler- und Kunstförderung etablierte, blieben Malerei und Skulptur die vorherrschenden Gattungen. Ab den 1960er-Jahren wurden diese sukzessive um zeitgenössische künstlerische Praktiken und Formate erweitert. Mit dem gleichzeitig einsetzenden Interesse am öffentlichen Raum, der Wende zum ortsspezifischen Arbeiten und der Kritik an institutionellen Ausstellungsräumen änderte sich auch die Wahrnehmung von Kunst am Bau. Kunst als «res publica» im Öffentlichen stattfinden zu lassen und damit auch dort zur Diskussion zu stellen, wurde als Potenzial von Kunst am Bau neu in den Blick genommen. Kunst AM Bau als oft bloss der Architektur hinzugefügte künstlerische Beschmückung entwickelte sich zum spannenden, dynamischen Begegnungsraum von Kunst-und-Bau.

Heute bietet sich für Kunst und Bau eine Vielzahl von Medien und Formaten an. Neue Medien wie Video oder Lichtinstallationen haben ebenso Einzug gehalten wie partizipative Herangehensweisen, die Nutzerinnen und Nutzer oder Bewohnende ins Kunstwerk einbeziehen. Aber auch für eine traditionellere Gattung wie die Wandmalerei bieten sich immer wieder interessante Aufgaben. Im neu instand gesetzten Verwaltungsgebäude an der Strassburgstrasse führte der Luzerner Künstler Davix (Stefan Davi, *1966) eine Wandmalerei über zwei Geschosse aus. Dieses neue, grossformatige Werk mit dem Titel «Von Wegen» bietet jetzt den Anlass, drei ganz verschiedene Wandmalereien der Stadt Zürich vorzustellen, die im Laufe des letzten Jahrhunderts in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen entstanden und auf unterschiedliche Weise mit städtischen Bauten verbunden sind.  

Augusto Giacometti: Fresken im Amtshaus I («Blüemlihalle»), 1922–1926. Foto: Stadtpolizei Zürich
Augusto Giacometti: Fresken im Amtshaus I («Blüemlihalle»), 1922–1926. Foto: Stadtpolizei Zürich

Mit den Fresken für die Eingangshalle des Amtshauses I, die weitherum bald als «Blüemlihalle» bekannt war, schuf der junge Augusto Giacometti (1877–1947) in den Jahren 1922 bis 1926 ein frühes Meisterwerk. Das Werk ging aus einem Wettbewerb hervor, mit dem einerseits die Künstlerschaft direkt unterstützt, andererseits der düsteren Situation im Eingang des Amtshauses begegnet werden sollte. In satten, warmen Gelb-, Ocker- und Rottönen entwarf Giacometti einen einzigen, ornamentalen Blumenteppich, der sich über das gesamte Säulengewölbe der Halle hinzieht. Auf den Wänden wird er durch einen Fries verschiedener symbolisch-allegorischer Darstellungen ergänzt. Man begegnet verschiedenen Berufs- und Menschenbildern, von Reb- und Ackerbauleuten über Handwerker bis zum Astronomen. Giacomettis Bilderhimmel spannt den weiten Bogen von der Repräsentation des einfachen irdischen Daseins bis hin zum vergeistigten Blick des Philosophen über die engere Lebenswelt hinaus.

Stadtpräsident Emil Landolt auf Besuch bei Varlin im Atelier am Neumarkt, das der Künstler 1959 mit dem Wandbild «Friedhof in Almuñécar» versah. Foto: Johannes Bruell
Stadtpräsident Emil Landolt auf Besuch bei Varlin im Atelier am Neumarkt, das der Künstler 1959 mit dem Wandbild «Friedhof in Almuñécar» versah. Foto: Johannes Bruell

Ein Wandbild im Atelier im eigenen Auftrag des Künstlers

Ein weiteres Meisterwerk, das sich in der Kunst-und-Bau-Sammlung der Stadt Zürich befindet, ist ebenfalls einer Unterstützungsmassnahme für Künstler zu verdanken, aber einem gänzlich anderen Entstehungszusammenhang geschuldet. 1958 wurde das Lagerhaus am Neumarkt 11a in ein städtisches Künstleratelier umgebaut, in das als erster Mieter der bekannte Schweizer Künstler Varlin (geb. als Willy Guggenheim, 1900–1977) einzog. 1959 malte er, gerade von einer halbjährigen Spanienreise zurückgekehrt, ein riesiges Bild an die fensterlose Wand seines Ateliers. Der «Friedhof in Almuñécar» ist wohl sein einziges Wandbild geblieben, hier hat Varlin zusammen mit einer ersten, fast ebenso grossen Version auf Leinwand, die schon in Spanien entstanden ist, erstmals zu grossformatiger Malerei angesetzt. Den «Friedhof in Almuñécar» im Rücken, liessen sich viele Persönlichkeiten von Varlin porträtieren – sein Atelier war ein Treffpunkt von Schriftstellern, Politikern, Freunden und Bekannten. Nachdem Varlin das Atelier 1972 aufgegeben hatte, verschwand das Wandbild hinter einer Verschalung und das Atelier wurde weitervermietet. Die fast vergessene Wandmalerei wurde 2013 freigelegt, restauratorisch gesichert, an einem Tag der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und, weil das Atelier weiterhin an Kunstschaffende vermietet wird, wieder zugedeckt.

Hans Hunold wusste freie Malerei und architekturbezogene Fassadengestaltung zu vereinen: die Schul- und Freizeitanlage Loogarten. Foto: Dominic Büttner
Freie Malerei und architekturbezogene Fassadengestaltung vereint: die Schul- und Freizeitanlage Loogarten. Foto: Dominic Büttner

Während Varlins Wandbild nach 40 Jahren im Verborgenen der Öffentlichkeit an einem Augusttag im Jahr 2013 für nur vier Stunden zugänglich war, ist die Wandgestaltung von Hans Hunold (1939–2009) seit 1973 an der Fassade der Schul- und Freizeitanlage Loogarten zu sehen. Der Maler nimmt den strengen Bau nicht allein als Träger für seine bewegte Malerei, sondern die Kunst und der Bau sind aufeinander bezogen und fügen sich zu einem eigentlichen Gesamtkunstwerk. Hier gelingt eine Verbindung von architekturbezogener Fassadengestaltung und freier Wandmalerei: Die Malerei strukturiert nackte, fensterlose Fassaden, nimmt die Rhythmen der Architektur auf, reagiert mit den Mitteln der Farbe auf architektonische Elemente, akzentuiert diese, oder bindet sie in die Komposition ein.

Davix, «Von Wegen», 2016: Das Netz verschlungener Linien wird im Obergeschoss weitergeführt. Foto: Roman Keller
Davix, «Von Wegen», 2016: Das Netz verschlungener Linien wird im Obergeschoss weitergeführt. Foto: Roman Keller

Im gerade fertiggestellten Kunst-und-Bau-Werk «Von Wegen» für das Foyer des Verwaltungsgebäudes an der Strassburgstrasse 9 hat Davix eine überzeugende, den Raum sowohl verdichtende als auch erweiternde Intervention realisiert. Der Künstler kombiniert auch hier, wie bei all seinen raumfüllenden Arbeiten, eine Recherche im eigenen Bilderfundus mit einer präzisen Analyse der Situation des Raumes am vorgefundenen Ort. Eine frühere Arbeit – grossformatig angelegte, in sich verschlungene Linien, dicht und doch durchlässig – führt zur Bildfindung. Die Energie, Bewegung und Unmittelbarkeit, die den Künstler an Graffitis fasziniert, bringt er an der Strassburgstrasse mit geschwungenen, kühnen Kurven an die Wände. Die sich an manchen Stellen überlagernden Linien verweben sich zu einem luftigen Netz, das Tiefenwirkung und Transparenz entfaltet und dessen Ausläufer im oberen Geschoss weitergeführt werden. Das im Verwaltungsgebäude untergebrachte Amt für Zusatzleistungen erhält ein künstlerisches Werk, das mit seiner Eleganz, Leichtigkeit und Raffinesse auf die Raumverhältnisse reagiert und die Nutzung des Ortes im Blick behält.

Text: Kristin Bauer und Hubert Bächler

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