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Früherkennung rettet Leben

Warum braucht es jeden Oktober einen Brustkrebs-Monat? Was haben die betroffenen Frauen davon? Welche News gibt es in den Bereichen Diagnostik und Therapie? Diese und weitere interessante Fragen beantworten zwei namhafte Gynäkologinnen.

Der Oktober war der offizielle Brustkrebs-Monat. Warum ist er immer noch nötig?

Dr. med. Natalie Gabriel: Diesen «Awareness-Monat» braucht es auf jeden Fall. Es geht dabei darum, in der Bevölkerung Aufmerksamkeit für die Thematik Brustkrebs zu erzielen. Wir möchten die Frauen dafür sensibilisieren, dass eine Brustkrebs-Früherkennung heute in den meisten Fällen lebensrettend ist. Ziel ist es, die Frauen dazu zu motivieren, regelmässig zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen. Andererseits geht es darum, Geld zu sammeln für Angebote für die betroffenen Frauen, die nicht von der Krankenkasse bezahlt werden, aber auch für Kampagnen bezüglich Brustkrebs-Früherkennung und Screening.

Dr. med. Heike Passmann: Das Mammakarzinom ist die häufigste Krebs-Erkrankung der Frau. Nach wie vor scheuen sich einige Patientinnen, ihre selbstgetasteten Befunde frühzeitig einer Fachperson zu zeigen. Deshalb ist es sinnvoll, im Brustkrebs-Monat darauf hinzuweisen, dass man mit dieser Tumor-Erkrankung nicht alleine ist und dass viele Frauen darunter leiden.

Wie lässt sich Brustkrebs am besten verhindern?

Passmann: Verhindern lässt sich Brustkrebs nur in den seltensten Fällen. Wenige Lifestyle-Faktoren wie z.B. Übergewicht kann man frühzeitig beeinflussen. Mit Selbstabtasten der Brust sowie mit der Vorsorge-Untersuchung Mammographie lassen sich Tumor-Erkrankungen in einem frühen Stadium erkennen und somit einfacher und effizienter behandeln. Nur bei 5-10% aller Patientinnen liegt ein familiär vererbter Brustkrebs vor. Diese Frauen sollte man bezüglich einer engmaschigen Vorsorge und gegebenenfalls prophylaktischen Operation beraten.

Gabriel: Wenn eine Frau an Brustkrebs erkrankt, ist das nicht ihre Schuld. Es ist wichtig, dies den betroffenen Frauen klar zu machen. Gewisse Faktoren können die Brustkrebs-Entstehung aber fördern oder beschleunigen. Es gibt familiäre genetische Dispositionen, die aufgrund von genetischen Veränderungen zu einem deutlich erhöhten Risiko für Brust- und Eierstockkrebs führen. Wir kennen aber auch Lifestyle-Faktoren, welche die Entstehung von Brustkrebs begünstigen können, beispielsweise Übergewicht, verminderte körperliche Aktivität, Rauchen oder langjährige Hormonersatz-Therapie nach der Menopause.

Was empfehlen Sie bezüglich Diagnostik?

Passmann: Wir unterscheiden zwischen der reinen Vorsorgediagnostik und der Diagnostik bei einem Tastbefund. Grundsätzlich ist die Mammographie die sinnvollste Screening-Bildgebung, da sie Mikroverkalkungen nachweist, die ein Zeichen von Tumorvorstufen sein können. Nach wie vor sollte aber jede Frau ihre Brust selber abtasten. Dies ist das erste, sinnvolle, diagnostische Tool.

Gabriel: Falls die Frau selber oder ihre Ärztin einen Knoten oder eine Verhärtung in der Brust ertastet haben, braucht es eine Mammographie, einen Ultraschall der Brust und eine Biopsie des Knotens. In gewissen Fällen wird auch eine Magnetresonanz-Untersuchung durchgeführt. Falls es sich um eine Vorsorge-Untersuchung handelt, z.B. bei gewissen erhöhten Risikofaktoren, familiärem Brustkrebsrisiko, unter Hormontherapie in der Menopause oder bei schwierig tastbarer Brust, wird in der Regel eine Mammographie und allenfalls ein Brust-Ultraschall und in seltenen Fällen ein MRI durchgeführt.

Welche Therapien gibt es?

Passmann: Die Brustkrebs-Therapie basiert auf mehreren Säulen. Die wichtigste ist die Operation. Des Weiteren wird je nach Charakteristika des Tumors eine Antihormontherapie, Chemotherapie, Immuntherapie oder Bestrahlung empfohlen. Diese Behandlungen werden in einer interdisziplinären Besprechung von verschiedenen Fachleuten individuell auf die Patientin abgestimmt. Erfreulicherweise kann in den meisten Fällen brusterhaltend operiert werden.

Gabriel: Falls brusterhaltend operiert wird, ist danach meist eine Bestrahlung der Brust notwendig. Im Falle einer Brustentfernung kann in der gleichen Operation ein Wiederaufbau der Brust erfolgen. In der Regel müssen auch Lymphknoten in der Achselhöhle operativ entfernt werden. Falls in der Bildgebung kein Lymphknoten-Befall nachweisbar ist, muss nur der Hauptabfluss-Lymphknoten, der sogenannte Wächter-Lymphknoten, entfernt werden. Wenn bereits ein Lymphknoten betroffen ist, müssen wir alle Lymphknoten in der Achselhöhle mitentfernen.

Wann ist eine Chemotherapie notwendig?

Gabriel: Ob es eine Chemotherapie braucht, ist abhängig vom Tumor-Typ, von der Aggressivität des Tumors und ob bereits Lymphknoten in der Achselhöhle befallen sind. In gewissen Fällen gibt es die Möglichkeit, die Chemotherapie vor der Operation durchzuführen. Dies hat den Vorteil, dass der Tumor in der Brust kleiner wird. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man brusterhaltend operieren kann. Häufig erfolgt die Chemotherapie aber erst nach der Operation. In 70% der Fälle ist der Tumor sensibel auf Östrogene beziehungsweise auf weibliche Hormone. Nach der Operation erfolgt in diesen Fällen eine antihormonelle Therapie mit Tabletten.

Passmann: Chemotherapie und Bestrahlung zeigen verschiedene Ansätze. Während die Radiotherapie in der Regel eine lokale Therapie ist, wirkt die Chemotherapie systemisch, das heisst im ganzen Körper. Deshalb kann die eine Therapie nicht die andere ersetzen.

Viele Frauen sind nach den Behandlungen sehr müde. Was hilft gegen diese sogenannte Fatigue?

Passmann: Zum einen ist es wichtig, diese Müdigkeit als solche überhaupt zu benennen. Patientinnen mit diesen Symptomen sollten sich dafür nicht schämen, sondern sie dringend mit der nachbehandelnden Ärztin besprechen. Es gibt verschiedene Therapie-Ansätze: Ein wichtiges Standbein ist die körperliche Aktivierung, das heisst Sport treiben – teilweise gerne in Gruppen mit ebenfalls betroffenen Patientinnen. Eine begleitende psychoonkologische Beratung ist oft sinnvoll. Zudem sollten sich die Betroffenen eingestehen, nicht nach kürzester Zeit wieder in hohen Pensen ihre bisherigen Aufgaben anzugehen, sondern eine schrittweise Wiedereingliederung in den Alltag zu planen.

Gabriel: Die Fatigue ist eine sehr komplexe und schwierig behandelbare Langzeit-Nebenwirkung. Sie ist multifaktoriell bedingt: Die durchgeführten Therapien, insbesondere die Chemotherapie, aber auch die Antihormontherapie und Bestrahlung können müde machen. Zudem ist jede Brustkrebs-Erkrankung mit einer starken psychischen Belastung verbunden, mit den entsprechenden Ängsten und allenfalls Veränderungen im Körperbild. Es gibt diverse Therapie-Ansätze: medikamentöse, aber auch komplementärmedizinische wie z.B. Traditionelle Chinesische Medizin mit Akupunktur sowie Bewegungstherapien und Lifestyle-Änderungen. Häufig braucht es einfach viel Geduld und das Wissen, dass es nach einiger Zeit wieder besser wird.

Wie betreuen Sie die Betroffenen in den folgenden Jahren?

Gabriel: Wir führen regelmässige Tumornachsorgen bei den betroffenen Frauen durch. In den ersten drei Jahren alle drei Monate, danach halbjährlich. Dabei wollen wir kontrollieren, ob es Hinweise dafür gibt, dass der Tumor wieder auftritt. Zudem interessiert es uns, wie die stattgefundenen oder aktuellen Therapien vertragen werden und ob wir die Patientin bezüglich Nebenwirkungen unterstützen können. Es geht aber auch darum, der betroffenen Frau wieder Sicherheit und Vertrauen in den eigenen Körper zu vermitteln. Die Reintegration in den Alltag und ins Berufsleben ist ebenfalls ein wichtiger Punkt. Wir beraten auch bezüglich Vorsorge bei der anderen Brust und bei Schwestern oder Töchtern.

Passmann: Die Angehörige sollten zudem jederzeit während der Behandlung und der Nachsorge die Möglichkeit haben, die Patientin zu Besprechungen zu begleiten. Sie können aus ihrer Sicht schildern, welche Fragen im Alltag aufkommen. Den Angehörigen steht die Beratung durch die Psychoonkologinnen ebenfalls offen. Sie sollten sich nicht scheuen, auch ihre Ängste und Fragen zu formulieren. 

 

Im Interview

Dr. med. Natalie Gabriel
Chefärztin Frauenklinik Triemli
Leiterin gynäkologisches Krebszentrum

Dr. med. Heike Passmann
Leitende Ärztin Frauenklinik Triemli
Koordinatorin Brustzentrum

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