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Aufenthaltsdauer und Schweizerdeutsch

7. November 2012 - Christian Greiner

Noch ist kein Meister vom Himmel gefallen. Dies gilt auch für das Erlernen einer Sprache. Je länger eine Person in der Schweiz lebt, desto eher spricht er oder sie auch Schweizerdeutsch. Die Publikationen Wie spricht Zürich?, Arbeitssprache. Working language. Langue de travail und Sprache zu Hause – Sprache bei der Arbeit berichteten über verschiedene Aspekte der Sprachenvielfalt in Zürich. Dieser Artikel beleuchtet nun die Bedeutung der Aufenthaltsdauer in der Schweiz für die gesprochene Sprache. Im Fokus steht dabei die ausländische Wohnbevölkerung der Stadt Zürich.

Die Hauptsprache bleibt die Hauptsprache

Als Hauptsprache gilt jene Sprache, in der man denkt und die man am besten beherrscht. Untersucht wird der Anteil ausländischer Personen, die Deutsch als ihre Hauptsprache angeben, aber nicht aus Deutschland oder Österreich stammen. Gemessen an ihrer Aufenthaltsdauer in der Schweiz, zeigt sich folgendes Bild: Je länger die Aufenthaltsdauer, desto häufiger wird Deutsch als Hauptsprache bezeichnet. Bei Personen, die schon länger als 10 Jahre in der Schweiz leben, betrachtet über ein Drittel Deutsch als ihre Hauptsprache.

Mit zunehmender Aufenthaltsdauer in der Schweiz wird häufiger Deutsch gesprochen. Der flache Anstieg des Anteils Deutsch sprechender Personen lässt jedoch folgende Vermutung zu: Die Sprache, in der man denkt, ändert sich auch nach längerem Aufenthalt in der Schweiz nur langsam.

Anteil ausländischer Personen aus nichtdeutschsprachigen Nationen mit der Hauptsprache Deutsch nach Aufenthaltsdauer in Jahren

Mehr Schweizerdeutsch bei der Arbeit

Deutlich stärker ist der Einfluss der Aufenthaltsdauer auf die Arbeitssprache. 15 von 100 ausländischen Personen, die weniger als ein Jahr in der Schweiz leben, sprechen bei der Arbeit unter anderem Schweizerdeutsch. Von den Personen mit einer Aufenthaltsdauer von sechs bis zehn Jahren sind es bereits 37 von 100. Noch grösser ist dieser Anteil bei Personen mit einer Aufenthaltsdauer von über 15 Jahren: rund 65 von 100 Personen unterhalten sich am Arbeitsplatz in Schweizerdeutsch.

Schweizerdeutsch als Arbeitssprache nach Aufenthaltsdauer in Jahren

Einfluss von Geschlecht und Bildung

Mit zunehmender Aufenthaltsdauer in der Schweiz kommunizieren ausländische Erwerbstätige am Arbeitsplatz häufiger in Schweizerdeutsch. Diese Entwicklung verläuft für beide Geschlechter weitgehend parallel. Bei den Männern ist der Anteil Personen, die bei der Arbeit unter anderem Schweizerdeutsch sprechen, meist etwas höher als bei den Frauen. Der grösste Unterschied zeigt sich bei Personen, die mehr als 15 Jahre in der Schweiz leben. Ausländische Männer, die bereits über 15 Jahre in der Schweiz leben, sprechen zu über einem Viertel häufiger Dialekt als Frauen mit der gleichen Aufenthaltsdauer.

 

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen erklärt sich teilweise durch die unterschiedlichen Berufe. Ausländische Frauen mit einem Aufenthalt von über 10 Jahren arbeiten häufiger als Hilfsarbeitskräfte und in Dienstleistungsberufen als Männer. Dagegen verdienen ausländische Männer mit gleicher Aufenthaltsdauer ihr Geld vermehrt als Handwerker und als Bediener von Anlagen und Maschinen. Die Analyse der Arbeitssprache nach Berufsgruppen zeigt, dass Schweizerdeutsch unabhängig vom Geschlecht in Handwerksberufen deutlich häufiger gesprochen wird, als bei Hilfsarbeitskräften.

Ähnlich verhält es sich beim Vergleich des höchsten Ausbildungsabschlusses. Unabhängig vom Bildungsniveau steigt der Anteil Schweizerdeutsch sprechender Personen mit zunehmender Aufenthaltsdauer. Der Unterschied zwischen Personen mit einer abgeschlossenen beruflichen Grundbildung oder einem Mittelschulabschluss
(Sekundarstufe 2) und Personen mit einem Hochschulabschluss (Tertiärstufe) erklärt sich zum Teil wiederum durch die allgemein vorherrschenden Arbeitssprachen bei den verschiedenen Berufsklassen. So unterhalten sich Führungskräfte und Akademiker bei der Arbeit weniger häufig in Schweizerdeutsch als Bürokräfte, Techniker und Handwerker.

 

Fazit

Die Dauer des Aufenthalts in der Schweiz hat einen deutlichen Einfluss auf den Anteil Personen, die bei der Arbeit Schweizerdeutsch sprechen. Je länger eine Person in der Schweiz lebt, desto häufiger verständigt sie sich in Dialekt. Einen ähnlichen Effekt lässt sich bei der Hauptsprache beobachten, wenn auch auf tieferem Niveau. Das Geschlecht und das Bildungsniveau beeinflussen diese Entwicklung nur geringfügig. Es lässt sich aber beobachten, dass Schweizerdeutsch bei der Arbeit häufiger von Männern und Personen mit einem Abschluss auf Sekundarstufe 2 gesprochen wird.

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