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Das Jugendstilgebäude Mythenthal

Das freistehende Gebäude «Mythenthal» an der Genferstrasse 24 wurde 1905 für den Beutelfabrikanten Herrmann Reiff-Frank erbaut. Es zählt heute zu den wichtigsten Vertretern des Zürcher Jugendstils. Erfahren Sie in der zweiteiligen Online-Führung und in verschiedenen Filmbeiträgen, wie das «Mythenthal» nach jahrzehntelanger Nutzung als Bürogebäude wieder seiner ursprünglichen Bestimmung als Wohnhaus zugeführt wurde.

Führung: Im Äussern erkennen

Erfahren Sie mehr über das Gebäude der Genferstrasse 24, über seine Geschichte, seine künstlerische Ausschmückung, und seine Umbau- und Sanierungsmassnahmen, die im Sommer 2021 abgeschlossen wurden. Frau Mireille Blatter und Herr Roland Frischknecht von der städtischen Denkmalpflege nehmen Sie mit und erzählen Ihnen mehr über die Jugendstilvilla. Frau Rita Schiess wird dabei über den Umbau und deren Herausforderungen berichten.

0:11 Wir nehmen Sie mit an die Genferstrasse 24.
0:14 Dieses Objekt eignet sich in idealster Form.
0:17 Eine Ikone des Jugendstils, den das Handwerk aussen und innen vielfältig widerspiegelt.
0:24 Wir beobachteten auch die Handwerker während der Bauzeit und drehten Kurzfilme.
0:28 Wir hoffen, Sie sehen sich diese ebenfalls an.
0:32 Dort entdecken Sie vieles, das jetzt nicht mehr sichtbar ist,
0:36 nämlich die einzelnen Arbeitsprozesse und Arbeitsschritte der Handwerker.
0:41 Als Erstes zeige ich Ihnen einen Plan, damit Sie sehen, wo wir sind,
0:45 und das verorten und den Kontext verstehen können.
0:48 Zwei Pläne: Wir beginnen mit dem von 1880.
0:51 Der Plan zeigt, wie das Quartier Enge damals noch kaum besiedelt war.
0:59 Es gibt keinen erkennbaren Dorfkern.
1:01 Es gibt zwei Ausfallachsen, die eine ist die Brandschenkestrasse,
1:04 die heute in die Waffenplatzstrasse übergeht, die zweite die Seestrasse.
1:08 Man sieht die Seegüter der Stadtzürcher ausserhalb der Befestigungen.
1:14 Muraltengut, Belvoirpark und Rieterpark kennen Sie ja.
1:18 Man erkennt auch die Eisenbahnlinie am linken Ufer.
1:21 Die war bereits erstellt, mit dem Durchstich durch den Parkring,
1:26 also durch den Hügel, auf dem später das Villenquartier entsteht.
1:30 Wir stehen hier am Punkt Gotthardstrasse/Genferstrasse,
1:35 als das Seeufer noch bis hierhin gereicht hat.
1:38 Das Quartier erlebte eine enorme Prosperität Ende des 19. Jh.,
1:44 mit der Industrialisierung, dem Bau der Eisenbahnlinie.
1:48 Die Aufschüttung des Seeufers kam kurze Zeit später.
1:52 Wir wechseln zum nächsten Plan von 1908.
1:55 Hier sieht man, dass die Quaianlage von Arnold Bürkli bereits erstellt war.
2:01 Die Eingemeindung 1893 hatte stattgefunden,
2:05 und das rechtwinklige Strassenmuster im Stile Haussmanns ist erstellt.
2:10 Auch die ersten Wohnbauten für grossbürgerliches Wohnen sind erstellt.
2:18 Wir kennen das Weisse und das Rote Schloss am Seeufer.
2:22 Ganz nach dem Motto "My Home Is My Castle" wurde dieses herrschaftliche Quartier gebaut,
2:29 mit Stilelementen des Historismus und des Heimatstils,
2:34 der Neogotik und Renaissance.
2:36 An bester Lage entstanden auch die Firmenhauptsitze im Palazzostil.
2:40 Als erster sichtbar: derjenige der Schweizer Rückversicherung.
2:44 Auch die Tonhalle ist erkennbar.
2:47 Das Haus an der Genferstrasse entstand im Geiste dieser Belle Epoque.
2:52 Die sechs Geschosse haben eine hohe Nutzungsdichte.
2:57 Im Souterrain war ursprünglich eine Produktionsstätte.
3:03 Im Hochparterre waren Büroräume, Packraum und Lagerraum
3:08 der Firma des Bauherrn Hermann Reiff.
3:11 Darüber lagen zwei repräsentative Wohngeschosse,
3:15 das repräsentativere im 2. Obergeschoss. Diese konnte man unabhängig nutzen.
3:20 Im Dach dann Zimmer für die Angestellten
3:23 und aber auch Reiffs illustre Gäste. Davon später mehr.
3:26 Im Kehlboden dann ein Atelierraum,
3:29 besondere Räume von einer grösseren Dimension,
3:32 und ein Sport- und Fechtraum.
3:35 Die Nutzungsdurchmischung ist aktueller denn je, auch in der Stadt.
3:39 Diese hohe Dichte, die das Haus in sich birgt.
3:44 Ganz entscheidend war, dass die Fenster des Gebäudes aus der Entstehungszeit stammen.
3:51 Es sind mehrheitlich die originalen Fenster, die wir vorgefunden haben.
3:55 Diese konnte man ertüchtigen, wieder instand stellen,
4:00 in Ölfarbe streichen und wieder einbauen.
4:03 Das Gebäude repräsentiert in idealer Weise
4:07 die Idee vom Gesamtkunstwerk.
4:11 Es ist ein Zusammenwirken aller Kunstgattungen
4:17 mit Architektur.
4:19 Der Architekt selbst kontrollierte in beispielhafter Weise
4:25 alle Prozesse vom Rohbau bis zur Innenausstattung.
4:31 Die Idee vom Gesamtkunstwerk, das alle Kunstgattungen in sich vereint,
4:37 geht auf das 19. Jh. zurück.
4:41 Sie hat mit der Vorstellung zu tun,
4:44 das Kunsthandwerk, industrielle Fertigung
4:48 und halbfertige Industriefabrikate zu vereinen.
4:52 So gelangt man zu einem neuen Charakter des Gebäudes.
4:59 Dieses Haus bildet sich als Gesamtkunstwerk ab.
5:04 Wenn man hier an der Genferstrasse davor steht,
5:08 sieht man, wie es mit äusserster Plastizität und skulptural gestaltet ist.
5:14 Es ist aus Stein und hat ein Naturschieferdach, das sich asymmetrisch über das Haus zieht.
5:21 Sandstein und Granit im Sockel und diese Asymmetrie und Expressivität
5:27 erinnern auch an den Kubismus der damaligen Zeit.
5:30 Wenn man an Bilder von Fernand Léger und ähnlichen denkt,
5:34 sieht man das fast überlagert in dieser Fassade.
5:38 Der Architekt dieses Gebäudes ist Julius Kunkler.
5:42 Er wurde in St. Gallen geboren
5:43 und machte seine Ausbildung bei Gottfried Semper an der ETH Zürich.
5:49 Julius Kunkler arbeitete mit dem Bildhauer Adolf Meyer zusammen.
5:53 Dieser war in Basel aufgewachsen und hatte dort die Kunstgewerbeschule besucht.
6:00 Mit 21 ging Adolf Meyer nach Berlin.
6:03 Auch diese Zeit war für ihn prägend.
6:06 Sein wichtigstes Werk in Zürich ist der Marmorfries,
6:10 der einen antiken Bacchantenzug zeigt.
6:13 Ursprünglich war er am Palais Henneberg angebracht.
6:17 Jetzt steht das Werk an der Seepromenade bei der Villa Egli.
6:24 Zu der neuartigen Architektur oder Architekturauffassung
6:29 gehört einerseits der freie Umgang mit plastischen Formen,
6:34 aber eigentlich auch die völlige Neuinterpretation des Ornaments.
6:40 Das Ornament, das Adolf Loos um die Jahrhundertwende
6:43 als Verbrechen kritisierte,
6:46 wird hier ganz eng an die Architektur gebunden.
6:53 Das Ornament ist nicht mehr auf die Fassade appliziert,
6:56 sondern es ist Teil der Fassade, respektive auch Teil der plastischen Formen.
7:04 Das sieht man sehr gut bei diesem mächtigen Erkerbau.
7:08 An diesem sind die Konsolen rundherum
7:12 von pflanzlichen Formen geprägt und überlagert.
7:19 Ebenfalls sehr prägend ist:
7:22 Adolf Meyer setzte an der Fassade
7:25 gezielt einzelne Elemente als Flachreliefs ein
7:30 und vergoldete sie teilweise.
7:34 Am Anfang wurde gesagt,
7:38 dass im Erdgeschoss eine gewerbliche Nutzung untergebracht war.
7:43 Man sieht das einerseits an den wunderbaren Bogenformen der Fenster,
7:48 die sehr breit sind.
7:51 Man erkennt es aber auch an den Flachreliefs in den Fenstergewänden.
7:58 Das sind alles Formen aus der Tierwelt.
8:01 Tiere sind traditionellerweise, vor allem auch in den Fabeln aus dem 19. und 20. Jh.,
8:08 Träger bestimmter Charakterzüge.
8:12 Zum Beispiel der Fuchs, der die Schlauheit repräsentiert,
8:18 der die List verkörpert.
8:20 Und ein Hase, der hier auch die Fruchtbarkeit darstellt,
8:25 hier insbesondere die Fruchtbarkeit der Arbeit.
8:32 Alle diese Figuren stehen im Zusammenhang mit der gewerblichen Nutzung.
8:39 Über die symbolischen Darstellungen verweisen sie auf die gewerbliche Nutzung,
8:47 indem Charaktereigenschaften in Verbindung gestellt werden
8:51 mit ökonomischen Erfolg.
8:57 Was man auch sehr schön sieht:
8:59 Diese Art der Reformarchitektur, wie man sie auch nennt,
9:04 diese Architektur in der Schweiz um die Jahrhundertwende,
9:07 betrifft ebenfalls die Schrift.
9:09 Ein ganz einfaches geometrisches Relief, übereck gezogen.
9:15 Die Genferstrasse hiess damals noch Mythenstrasse.
9:20 Die Hausnummer ist dieselbe geblieben.
9:23 Dieses übereck gezogene Relief bezeichnet mit Gotthardstrasse.
9:29 Damit sind die beiden Hauptstrassenzüge bezeichnet.
9:32 Die Übereckstellung der Strassennamen
9:35 korrespondiert mit der Übereckstellung dieses mächtigen Erkerbaus.
9:41 Auch hier sind die Konsolen und die Kartuschen in den Brüstungen
9:48 geprägt von pflanzlichen Motiven.
9:52 Und teilweise zeigen sich bildliche Darstellungen unter dem Dachrand.
9:59 Das Haus ist unglaublich vielschichtig.
10:02 So, wie im Innern die Nutzung vielschichtig ist, bildet sich das an der Fassade aussen ab.
10:07 Es ist sogar so, dass jede Fassade für sich, plus das Dach, einen eigenen Ausdruck findet.
10:14 Das sieht man gut beim Einblick auf die Hofseite.
10:18 Hier sieht man, wie sich das Gewerbe auf den Hof erstreckt hat
10:22 und hier die Fassade in der Ornamentik denn auch viel profaner ist.
10:29 Gleichzeitig sieht man diese schöne Laube.
10:34 Die erinnert an Arts-and-Crafts-Architektur, aber auch an bäuerliche, ländliche Architektur.
10:40 Sie stellt die Rückseite und das Gewerbe dar.
10:46 An prominentester Stelle des Gebäudes, unterhalb des Daches,
10:50 sieht man sehr schön das grosse Flachrelief,
10:54 das ein Medaillon zeigt
10:56 und eine ästhetisch weltanschauliche Utopie schildert.
11:02 Es ist eine allegorische Darstellung eines Familienideals,
11:06 das es so in diesem Haus gar nicht gegeben hat.
11:09 Die Familie Reiff ist kinderlos geblieben.
11:13 Abgebildet hier ist ein Ideal des menschlichen Zusammenlebens
11:18 und der bürgerlichen Kleinfamilie.
11:24 Es ist Zeit, dass wir ins Gebäude hineingehen.
11:28 Wir müssen natürlich auf den spektakulären Haupteingang hinweisen.
11:33 Die Messingbronzeverkleidung der Eichenholztüre
11:38 mit der bildlich dekorativen Belebung der Oberflächen,
11:44 die man bereits bei den Reliefs antrifft, nur hier auf Schmiedeeisenkunst übertragen.
11:50 Die handgeschmiedeten Nägel, die ein Ornament bilden,
11:54 und natürlich die Tierformen.
11:59 Bevor wir hineingehen, stellt sich auch hier die spannende Frage:
12:04 Wie geht man mit dem Bestand um?
12:06 Belässt man die Patina, zeigt man die Spuren des Lebens?
12:09 Das ist, was ein Haus letztlich authentisch macht.
12:13 Um diese Fragen weiter zu erörtern, gehen wir hinein.
12:16 Wir treffen dort Rita Schiess, die Architektin.
12:19 Sie hat zu diesem Thema sicher viel zu erzählen.

Führung: Im Innern erleben

Erfahren Sie mehr über das Gebäude der Genferstrasse 24, über seine Geschichte, seine künstlerische Ausschmückung, und seine Umbau- und Sanierungsmassnahmen, die im Sommer 2021 abgeschlossen wurden. Frau Mireille Blatter und Herr Roland Frischknecht von der städtischen Denkmalpflege nehmen Sie mit und erzählen Ihnen mehr über die Jugendstilvilla. Frau Rita Schiess wird dabei über den Umbau und deren Herausforderungen berichten.

0:07 Guten Tag, Frau Schiess.
0:09 Es ist unglaublich, dass wir in dieser schönen Eingangshalle stehen
0:14 und die Entdeckungsreise fortsetzen.
0:17 Wie haben Sie das Haus denn vorgefunden?
0:19 Es begann vor vier Jahren.
0:23 Die Eigentümerin fragte uns,
0:26 ob wir uns dieses Haus mal ansehen und es beurteilen könnten.
0:31 Unsere Aufgabe bestand darin abzuklären,
0:36 ob man in dem Haus Wohnungen einbauen kann, und wenn ja, wie viele.
0:41 Wir haben hier viel historische Substanz.
0:44 Ein grosses Thema waren natürlich die Fenster.
0:48 Wir sahen beim ersten Rundgang durch alle Geschosse,
0:53 dass es von aussen fast weniger spektakulär ist als im Innern.
0:59 Im Innern sahen wir dann das tolle Handwerk, diese Qualität.
1:04 Das hat uns geholfen,
1:07 langsam in die Transformation hineinzuwachsen.
1:10 Zuerst gefühlsmässig, bevor wir dann gezeichnet haben.
1:15 Das ist sehr komplex.
1:17 Wir sahen aber auch das Potenzial,
1:21 das wir im Erdgeschoss haben, wo der Gewerbebetrieb war,
1:24 von Herrn Reiff, unserem ursprünglichen Bauherrn.
1:28 Hier gab es früher ein Dach, und alles war ein bisschen verlottert.
1:34 Hier sahen wir eine Chance, Wohnqualität zu generieren,
1:39 indem wir diese Terrassen bauen, sofern die Denkmalpflege uns das genehmigt.
1:45 Denn wir brauchten dort einen neuen Ausgang.
1:49 Es ist toll, dass man das Raumgefühl des Gewerberaums noch spürt
1:53 und dass so etwas möglich wird, wenn man im Gesamtkonzept abwägt,
1:58 wo Eingriffe vertretbar sind.
2:01 Diese neuen Eingriffe, die dem Haus ein neues Leben geben.
2:05 So bringt man vieles wieder in Einklang mit den bestehenden Öffnungen.
2:12 Wir betreten einen der repräsentativsten Räume.
2:17 Wenn wir vom Wohnkonzept sprechen: Wie gross war der Interpretationsspielraum?
2:23 An diesem Raum kann man unser Konzept erklären,
2:29 warum wir dem Bauherrn diesen Wohnungstypus vorgeschlagen haben.
2:37 Wir haben grosse Räume.
2:39 Dieser hier misst fast 40 qm.
2:41 Den wollten wir natürlich nicht zerstören.
2:45 Darum mussten wir einen anderen Approach erfinden.
2:52 Die Räume werden wie eine Loft behandelt, was die Nutzung angeht.
2:57 Dass die Wohnungen unkonventionell werden, war vielleicht der wichtigste Sprung,
3:04 der in den Köpfen gemacht werden musste.
3:06 Dass das hier nicht ein Speisezimmer ist
3:10 oder ein Speisesaal, wie es in Herrn Reiffs Plänen heisst,
3:13 sondern dass wir daraus eine derart ordinäre Küche machen.
3:17 Hinter mir ist diese Einbauküche.
3:21 Wir haben Essen und Wohnen in einem Raum.
3:25 Dieser Raum ist authentisch.
3:28 Diese Küche ist eine Software, die wir eingebaut haben, die ist reversibel.
3:35 Der Boden, also das Originalparkett, geht unter der Küche durch.
3:40 Man kann jederzeit ... Die nächste Generation hat andere Wohnvorstellungen
3:45 und kann das entfernen, aber der historische Raum bleibt.
3:53 Hier ist das Wohnzimmer von Herrn Reiff.
3:56 Wir sind von seinem Speisesaal in sein Wohnzimmer gekommen.
4:01 Das zeigt auch diese wunderbare Verbindung.
4:04 Die ging zu seiner Zeit weiter,
4:07 ins Musikzimmer, danach ins Herrenzimmer.
4:11 Das haben wir aufgegeben.
4:15 Hier ist die Hälfte. Das ist reversibel.
4:19 - Das kann man wieder rückführen? - Es ist nicht verloren.
4:22 Hier hat er die ruhigen Abende genossen.
4:25 Damals mit einem unglaublichen Blick auf den See und den Bahnhof Enge.
4:30 Auf den Bahnhof Enge. Damals sah man noch weiter.
4:35 Da war noch nicht so viel zugebaut.
4:38 Aber die Integration in die Stadt ist hier natürlich dramatisch. Wunderbar.
4:51 Eine grosse Besonderheit in diesem Raum, im ehemaligen Musiksaal,
4:57 ist die besondere Form der Decke,
4:59 mit den tiefer gesetzten Randbereichen und der Wölbung.
5:04 Sie verweist vielleicht bereits auf das Hauptwerk von Julius Kunkler,
5:09 die Tonhalle St. Gallen, die kurze Zeit später erbaut wurde.
5:14 Julius Kunkler hat sich bestimmt auch mit akustischen Phänomenen auseinandergesetzt,
5:20 als erster Geiger des Stadtorchesters.
5:24 Von der Funktion her ist das auch eine angepasste Deckenfunktion.
5:29 Von der Akustik können wir gut zur Energetik dieses Hauses übergehen.
5:36 Das Haus erlebt auch in dieser Hinsicht einen Neubeginn.
5:40 Es ist an das Seewasser-Fernwärmenetz angehängt.
5:45 Der Energieträger ist die Wärme des Sees.
5:48 Das Haus selber haben wir in den verschiedenen Bauteilen angepasst.
5:52 Wir haben gedämmt, selbstverständlich das Dach, die Fenster auch.
5:56 Wir haben diese tollen Kastenfenster. Da haben wir das äussere Fenster ertüchtigt.
6:02 Das innere Fenster haben wir restauriert.
6:05 So haben wir sehr hochwertige Bauteile.
6:08 Wir haben auch die Pufferzone dazwischen, die ebenfalls dämmt.
6:12 Dann ein Thema, das besonders wichtig ist:
6:16 Die Aussenwände mussten wir dämmen, nur schon damit es behaglich ist.
6:22 Aussen war das nicht möglich, wegen des Sandsteins.
6:26 Aber wir haben hier 5 cm Aerogel aufgetragen.
6:30 Diese Material wurde für die Raumfahrt erfunden.
6:36 Es hat einen sehr hohen Dämmwert und einen sehr kleinen Querschnitt.
6:42 Die Anschlüsse passen nach wie vor auf die Laibungen Boden/Decke.
6:54 Nun kommen wir ans Ende des Haupttreppenhauses.
6:57 Hier haben wir einen guten Blick auf wichtige Bauteile.
7:03 Zuerst die Originalleuchten,
7:05 wie auch im Erdgeschoss, in der Eingangshalle.
7:08 Hier sehen wir auch die wunderbaren Gläser
7:12 und die Ornamente. Die Keramik ist hier anders eingesetzt als weiter unten.
7:19 Dies ist das Gesamtkunstwerk, das wir angesprochen haben,
7:23 das sich innen und aussen verschränkt.
7:26 Das sieht man auch in der Ornamentik.
7:30 Auch hier wird das Grafische mit dem eher Floralen kombiniert,
7:35 diesen Palmenblättern oder was immer das ist.
7:38 Die haben wir in den Konsolen in der Fassade ganz ausgeprägt wiedergefunden.
7:45 In diesem Haus verkehrten viele SchriftstellerInnen und MusikerInnen.
7:50 Eins der Zimmer, in dem einzelne Gäste aufgenommen wurden,
7:55 war dieses Gästezimmer ganz oben unter dem Dach.
7:58 1928 schrieb Thomas Mann ins Gästebuch, das es damals noch gab.
8:05 Er prägte den Begriff "Genie-Hospiz" für das ganze Haus.
8:09 Der Charakter dieses Gästezimmers
8:13 widerspiegelt diesen Hospiz-Gedanken sehr gut.
8:24 Zum Abschluss wird es nicht weniger interessant, eher fulminant.
8:30 Oben in diesem Kehlboden gibt es zwei ganz besondere Räume .
8:33 Wir sind im Atelierraum.
8:35 Da gibt es dieses tolle Fenster, ebenfalls original aus der Zeit, in Stahl.
8:40 In diesem Raum arbeitete ein Künstler,
8:43 der vor dem Ersten Weltkrieg aus München kam und wohl mit der Bauherrschaft befreundet war.
8:49 Rudolf Mülli malte 30 Jahre lang täglich hier drin bis in die Vierzigerjahre.
8:55 Also eine Art "Artist in Residence", wie man das heute nennen würde.
8:59 Und in diesem sehr heutigen Geist hatte der Bauherr schon damals
9:06 im selben Geschoss seinen Fitness- oder Trainingsraum,
9:11 nämlich einen Fechtsaal.
9:13 Auch der Fechtsaal ist spektakulär.
9:16 Weil hier das Treppenhaus wechselt, musste man eine neue Raumkonzeption finden,
9:21 um auch hier noch Wohnungen unterzubringen.
9:24 Wie haben Sie das hier oben bewerkstelligt?
9:28 Auf dem heutigen Wohnungsmarkt muss man solche Wohnungen mit Lift erschliessen.
9:34 Auch der hindernisfreie Zugang
9:36 ist über diese letzte historische Treppe nicht gewährleistet.
9:40 Also haben wir eine Lösung gesucht, die das ermöglicht.
9:44 Dank der Technologie ist es zum Glück möglich,
9:47 direkt vom Lift in eine Wohnung zu gelangen.
9:51 Hinter dieser Tür kann ich, wenn ich nicht die Treppe nehme,
9:56 direkt über den Lift in die Wohnung gelangen.
9:59 Die Platzierung des Lifts, wie ich schon unten erwähnt habe,
10:04 ist in dieser Infrastruktur matchentscheidend.
10:08 Wir hatten eine lange Zitterpartie, bis wir wussten ...
10:12 Gegenseitig.
10:13 ... mit der Denkmalpflege.
10:15 Im Baugesuch hatten wir nämlich
10:18 eine Dachdurchdringung von etwa 50 cm eingegeben.
10:22 Ich habe dem Denkmalpfleger immer gesagt:
10:25 "Wir wollen das nicht bauen, aber ihr müsst es uns bewilligen.
10:29 Denn wir sind nicht sicher, ob wir es da reinkriegen."
10:33 Gemeinsam mit dem Liftbauer und allen Beteiligten
10:38 brachten wir die Konstruktion so zustande,
10:41 dass wir unter der Dachfläche bleiben.
10:44 Das sind Augenblicke,
10:46 in denen eine gute Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege sehr wichtig ist.
10:53 Und man muss Firmen finden, die das umsetzen können
10:57 und einen solchen speziellen Lift bauen.
11:00 Aber das ist gutgegangen.
11:05 Heute mag es überraschen, dass es hier unter dem Dach einen Fechtsaal gegeben hat.
11:10 Fechten ist aber eine der ältesten Sportarten, die wir kennen.
11:16 Für die aus heutiger Sicht elitären, gutbürgerlichen Kreise,
11:22 die eine Hochschulbildung hatten,
11:25 gehörte so ein Fechtsaal durchaus dazu.
11:29 Ein Stück weit ist er auch, nebst der Kultur, die in diesem Haus stattfand,
11:36 ein Hinweis auf die Ideen der Lebensreformbewegung um 1900.
11:46 Wir kommen zum Abschluss des tollen Rundgangs an der Genferstrasse 24.
11:52 Wir stehen nochmals auf der Terrasse des ursprünglichen Gewerberaumes.
11:56 Es ist ein wenig Little Manhattan, wenn man sich so umschaut.
12:01 Man hat hier die Zeitzeugen vom Beginn des 20. Jh. um 1900.
12:06 Bis hin zum Citydruck, in die 60er-Jahre,
12:10 mit dem Hochhaus zur Palme, 80er-Jahre.
12:13 Bis heute wird hier gebaut.
12:15 Es entsteht eine extreme Verdichtung,
12:18 die sich auch in diesem Haus fortgesetzt hat
12:21 und die sich in diesem Handwerk auch abbildet.
12:24 Dieses Handwerk ist die Voraussetzung,
12:27 dass man die In-Wert-Setzung umsetzen kann,
12:30 die schliesslich im Sinne der Nachhaltigkeit all diese Ziele in sich vereint.
12:37 Ein solches Projekt, das gilt auch für uns von der Denkmalpflege,
12:42 kann nur gelingen, wenn kompetente Menschen am Werk sind.
12:46 Menschen, die bei diesem Prozess immer im Dialog stehen,
12:50 mit der Denkmalpflege, aber auch die Bauherrschaft einbeziehen.
12:53 Menschen, denen man zutraut, dass sie so etwas umsetzen können.
12:57 Das Haus konnte wieder die grosse Wertigkeit zeigen, die es in sich hatte,
13:03 dass man gewaltige Kräfte mobilisieren müsste,
13:06 gewaltige Kräfte, wenn man dieses Haus zerstören möchte.
13:09 Das macht mich zufrieden.
13:12 Vielen Dank für das Savoir-faire bei diesem Projekt.

Holz & Holzimitate

Die Ausführung von Holzimitationsmalereien – umgangssprachlich auch Maserieren genannt – ist eine Technik mit der sich die verschiedensten Holzarten täuschend echt nachahmen lassen. Räume können damit als Gesamtes gestaltet sowie deren Bau- und Ausstattungselemente zu einer Einheit zusammengeführt werden. Erfahren mehr über die Arbeit des Maserieren und die täuschend echten Resultate.

0:07 Mein Name ist Lorenz Stöckli. Ich bin hier,
0:11 um Holzimitationen auszuführen. Das nennt man Maserieren.
0:15 Oft muss man etwas an bestehende Hölzer anpassen.
0:20 Zuerst bereitet man den Türrahmen so vor, wie ein Maler das gewöhnlich tut:
0:27 grundieren, spachteln.
0:30 Wir tragen eine besondere Grundierung auf,
0:33 einen ganz hellen Holzton.
0:37 Den hellsten Ton, den ich finde, um etwas anzugleichen.
0:41 Dann maserieren wir auf dieser Grundierung,
0:44 mit Bierlasuren oder Öllasuren.
0:47 Da gibt es viele Varianten.
0:50 Das Ziel ist, sich dem Bestehenden möglichst gut anzupassen.
1:36 Es ist schön, wenn am Ende jemand kommt und fragt:
1:39 Was ist maseriert, und was ist Original?
1:46 Wir verwenden viele verschiedene Werkzeuge.
1:49 Etwa den Kamm für feines Maserieren,
1:53 oder den Dachshaarvertreiber, mit dem man die Wimmerungen einfügt.
1:58 Oder den Schläger, mit dem man eine Grund-Maserierung macht.
2:03 Man schlägt damit auf die Lasur.
2:05 Das ergibt so kleine V, die wie Holz aussehen.
2:08 Alles ist erlaubt,
2:11 damit es dem Holz möglichst ähnlich wird.
2:15 Speziell sind hier die hellen Füllungen, die wir gemacht haben, Ahornfüllungen.
2:21 Die Ahornlasur wird vorlackiert.
2:24 Das ergibt einen ganz hellen Grund.
2:27 Dann malt man die erste Holzmaserierung mit Lasuren auf.
2:34 Dann zieht man mit einem Bleistift oder Buntstift die Jahrringe.
2:39 Am Schluss zeichnet man mit dem Finger die Augen.
2:45 Als allerletzte Lasur bringt man noch Quermaserierungen an.
2:51 Die zieht man mit einem Trockenpigment mit einem Pinsel hinein.
3:00 Hier ist ein altes Befundstück.
3:04 Dieses staubige Teil am Boden.
3:08 Anhand dieses Teils habe ich Muster gemacht,
3:12 vor allem um farbliche Anpassungen zu machen,
3:15 Farbtöne einzustimmen, diese Linsenschablonen auszuschneiden.
3:21 So haben wir das rekonstruiert, und wie man hier sieht,
3:26 ist der Unterzug komplett neu rekonstruiert.

Gips & Guss

Die Stuckverzierung von Gebäuden hat eine sehr lange Tradition. Die Sanierung oder ein Neuaufbau historischer Stuckdecken bietet dem Stuckateurhandwerk vielfältige, anspruchsvolle Aufgaben. Erhalten Sie Einblicke über die aufwändigen Arbeitsschritte des Gipsermeisters am Gebäude Mythenthal.

0:07 Das Gebäude Genferstrasse 24
0:10 ist im Innern an bauzeitlicher Jugendstil-Ausstattung kaum zu übertreffen.
0:16 Dabei gehören die umgesetzten Gipsarbeiten zu den aufwendigsten Handwerksleistungen.
0:22 Man kann mit Fug sagen: Das ist ein Grossprojekt.
0:25 Eine frühere Untersuchung der Statik zeigte jedoch,
0:29 dass die Holztragwerke und die Hourdisdecken des Hauses grosse statische Probleme aufwiesen.
0:35 Sie genügten der Nutzlast und heutigen technischen Anforderungen in keiner Weise.
0:41 Darum mussten wir die Decken teils ertüchtigen, teils aber auch komplett ersetzen.
0:49 Um überhaupt an die tragenden Decken zu gelangen,
0:53 musste man zuerst sämtliche mehrheitlich noch originalen Gipsdecken
0:58 mit ihren reichhaltigen, teils gewölbten Stuckornamenten entfernen.
1:02 Nach der Ertüchtigung der Betondecken musste man sie rekonstruieren.
1:07 Das war eine schwere, aber unumgängliche Entscheidung.
1:19 Hier im Eingangsbereich sehen wir, wie der Gipsermeister,
1:22 nach der Ertüchtigung der Decken,
1:24 dem Originalzustand entsprechend ein Kreuzgratgewölbe wiederaufbaut.
1:32 Das Kreuzgratgewölbe wurde nach einem alten System gebaut.
1:35 Die gebogenen Rundeisen bestimmen die Form des Kreuzgewölbes,
1:41 was wiederum mit solchen Steckmetallen fixiert wird.
1:46 Danach wird auf dem Ganzen Gipsgrundputz aufgetragen,
1:50 ausgeglättet, gespachtelt und für den Anstrich vorbereitet.
2:01 Die Herausforderung bestand hier vor allem
2:04 in der Herstellung der einzelnen Silikonabdrücke und -schablonen,
2:09 weil wir an der Genferstrasse viele unterschiedliche Stuckaturen vorfanden.
2:14 Alle Abdrücke mussten wir vor Ort vor dem Rückbau abnehmen
2:18 und dann wiederherstellen.
2:20 Im Atelier konnten wir dank der Silikonabdrücke und -schablonen
2:24 die neuen Stuckaturen in ihren Gipseinzelteilen herstellen.
2:29 Diese fuhren wir mit grosser Sorgfalt zur Baustelle,
2:33 wo wir die Stuckelemente mit grösster Vorsicht auf der Unterkonstruktion montierten,
2:39 zusammenschoben und verspachtelten.
2:46 Nicht nur im Atelier, auch vor Ort wurden Gipsformen hergestellt.
2:51 Hier sehen wir eine Silikonform aus dem Treppenhaus.
2:54 Die wird hier mit Flüssiggips aufgefüllt.
2:59 Mit einem Netz wird der Gips stabilisiert und bündig abgezogen.
3:06 Nach 30 bis 40 Minuten ist der Gips durchgehärtet,
3:10 kann aus der Form genommen und weiterverwendet werden.
3:14 Dank dieses Riesenaufwands und des handwerklichen Könnens
3:18 kann man die Genferstrasse nun wieder so erleben, wie es auch damals gedacht war.

Erhalten & Ertüchtigen

Der denkmalgerechte Umgang mit Fenstern ist anspruchsvoll, denn die Anforderungen an dieses Bauteil haben sich stark gewandelt. Im Interview hören Sie, wie mit den Fenstern der Genferstrasse 24 umgegangen ist und welche Schwierigkeiten und Möglichkeiten sich daraus ergeben haben.

0:05 Willkommen an der Genferstrasse 24.
0:07 Wir befinden uns im 2. Stock, im wunderschönen Musikzimmer.
0:12 Wir haben hier einen seltenen Glücksfall:
0:14 An diesem Haus haben wir mehrheitlich über 100 Jahre alte Fenster vorgefunden.
0:19 Diese konnten wir mithilfe der Bauherrschaft und einer guten Firma ertüchtigen.
0:25 Man fragt ja stets: Was erfordert das? Ist das nicht eine Herkulesaufgabe?
0:29 Zu diesem Thema begrüsse ich die Herren Lindner und Steingruber.
0:35 Sie werden uns sagen, worin die Herausforderungen bestanden,
0:40 insbesondere bei diesen wunderbaren Fenstern.
0:43 Sie haben sie gestalterisch wieder so in Schuss gebracht,
0:48 dass man heute meint, das ist ein Kinderspiel.
0:52 Nein, das ist es bestimmt nicht.
0:55 Man hat die ganzen Fenster komplett demontiert und in die Werkstatt gebracht.
1:02 Die meisten Fenster wurden abgelaugt und danach wieder aufgerüstet.
1:06 Dann wurde der ganze Farbaufbau von Hand mit Ölfarbe wieder vorgenommen.
1:11 Beim Ablaugen und auch sonst findet man Stellen, die nicht mehr heil sind,
1:16 zum Beispiel lose Verbindungen.
1:18 Die muss man sorgfältig auseinandernehmen,
1:20 auch die festen Verbindungen, sonst kann man sie nicht zusammenleimen und instand stellen.
1:26 Bei defekten Stellen stellt sich die Frage: Wie weit geht man?
1:30 Will man das Alter vertuschen, indem man unnötige Flickarbeiten vornimmt?
1:35 Das ist eine Gratwanderung.
1:38 Ist denn die Art, wie die Fenster damals gefügt wurden,
1:42 auch heute noch die handwerklich beste Methode?
1:45 Richtig. Schlitz und Zapfen ist nach wie vor die beste Verbindung für Fenster.
1:51 Sie sagten, Sie mussten flicken. Wie gehen Sie vor,
1:54 wenn ein Fenster feingliedrig und speziell profiliert ist wie hier?
2:00 Diese Profilierung an diesem Fenster ist einmalig, auch die Sprossen:
2:05 Die Form, die Ausprofilierung der Sprossen ist einmalig.
2:10 Das haben wir sonst noch nie gesehen.
2:12 Diese Profilierung konnten wir nachbauen.
2:15 Wir konnten entsprechende Kehlmesser und Schlitz-und-Zapfen-Konterprofile nachbestellen.
2:22 Das ist Einfachverglasung.
2:24 Hier haben wir den Vorteil von Kastenfenstern.
2:27 Das ist auch heute noch in energetischer Hinsicht tipptopp.
2:33 Es gäbe noch Besseres, aber in der Gesamtbilanz reicht das prima für dieses Haus.
2:38 Interessanterweise wurde hier stets sehr situativ gearbeitet.
2:43 Räume, die nicht viel Lärm ausgesetzt sind,
2:45 konnte man mit Kastenfenstern mit zweimal Einfachverglasung belassen.
2:49 Man hat also verschiedene Generationen von Sanierungszuständen beibehalten.
2:57 Sagen Sie bitte etwas zur Verglasung dieser einfach verglasten Flügel.
3:03 Man sieht hier keine Glasleiste. Sie sind mit diesem Leinölkitt gemacht.
3:07 Mit Leinölkitt hat man früher Fenster einfach verglast.
3:11 Heute verwenden wir moderneren Kitt,
3:13 denn Leinölkitt wird gerne bröckelig, besonders auf der Wetterseite.
3:19 Da wird er spröd und runzlig und fängt auch an auszubrechen.
3:23 Dann dringt Wasser ins Holz ein.
3:28 Wenn man das nicht laufend restauriert, gehen die Fenster kaputt.
3:33 Der heutige Hybrid-Kitt ist ähnlich, ein Mix, der elastischer bleibt und besser klebt.
3:46 Ich möchte noch mehr über die Gläser erfahren, denn auch die Scheiben sind über 100-jährig.
3:52 An vielen Orten haben wir die Originalgläser mit diesem Moiré-Effekt.
3:57 Hier haben wir wunderschöne, alte Streckgläser,
4:01 hinter denen die Welt zu tanzen beginnt,
4:05 wenn man hinausschaut und sich dabei leicht bewegt.
4:08 Den Charme der alten Scheiben kann man nicht nachbauen.
4:12 Alle Scheiben wurden sorgfältig herausgelöst,
4:17 nummeriert und zur Seite gestellt.
4:20 Am Schluss, als alles bereit war,
4:24 wurden sie wieder in dieselben Fenster eingesetzt.
4:29 Dabei geht manchmal etwas kaputt, aber dafür haben wir ein Antik-Lager.
4:33 Das ist im Sinne der Nachhaltigkeit, sehr zeitgemäss.
4:39 Das trägt auch dem Thema Suffizienz Rechnung.
4:45 Die Fenster kann man nicht vor Ort instand stellen.
4:48 Was hat das für Sie bedeutet?
4:51 Eine grosse Herausforderung war die Logistik.
4:53 Es waren etwa 120 Rahmen mit 600 Flügeln.
4:56 Wie bringt man all die einzelnen Teile zu uns?
4:59 Wie ordnet man sie so, dass man noch weiss,
5:01 welches Glas in welches Fenster kommt? Das war eine Meisterleistung.
5:05 Ich bedanke mich ganz herzlich für das spannende Interview
5:10 hier an der Genferstrasse 24.
5:12 Wenn Sie Fenster haben, die sie erhalten wollen und können,
5:16 treten Sie in einen Dialog mit Fachleuten.
5:19 Nutzen Sie die vorhandene Kompetenz, denn die Verantwortung dafür,
5:23 dass diese Baukultur und dieses Handwerk tradiert werden, liegt bei uns allen.
5:29 Dieses Wissen muss man abholen und im Dialog bleiben, und so hoffe ich,
5:34 dass wir noch viele schöne Fenster instand stellen können.

Vergolden & Veredeln

Das Vergolden wird seit der Antike praktiziert, um Objekten den Anschein massiven Goldes zu geben. Dabei werden metallische oder nichtmetallischer Gegenstände mit Gold, Goldlegierungen und anderen dekorativen Metallschichten überzogen. Schauen Sie über die Schultern der erfahrenen Handwerker und sehen sie, wie diese jahrtausendalte Technik noch heute angewendet wird.

0:08 Mein Name ist Jenny Schwarz.
0:10 Von Beruf bin ich Vergolderin.
0:14 In dem Raum, in dem wir stehen, hat man uns beauftragt,
0:20 nach Befund die Strahlen an der Decke wieder zu vergolden.
0:25 Sämtliche Vorarbeiten waren eigentlich Sache des Stuckateurs und des Malers.
0:30 Meine eigene kurze Vorarbeit bestand darin,
0:33 die Strahlen mit Schellack sozusagen abzusperren,
0:38 damit das Bindemittel Öl nicht in die Farbe und den Stuck weggezogen wird.
0:46 Dadurch bleibt mir ein Moment Zeit, um das Gold anzubringen.
0:59 In diesem Raum haben wir eine Ölvergoldung vorgenommen.
1:04 Dafür brauche ich grundsätzlich das Gold.
1:07 Dieses Gold hat 23.75 Karat. Das kann man im Innenbereich verwenden.
1:13 Im Aussenbereich muss man 24-karätiges Gold verwenden,
1:17 damit nichts drin ist, was oxidieren könnte.
1:21 Dann brauche ich das Vergoldermesser.
1:23 Damit schneidet man das Gold auf dem Vergolderkissen.
1:32 Dann nehme ich den Anschiesser.
1:35 Den lade ich an der Wange oder sonst wo auf.
1:43 Diesen Vorgang nennt man Anschiessen,
1:46 weil man dem Gold im letzten Augenblick noch mit dem Handgelenk einen Stoss verpasst.
1:58 Dann nehme ich den Aufholzpinsel, um das Gold leicht am Objekt festzutupfen.
2:03 Danach pinsle ich die Überreste weg.
2:13 Die Absicht einer Vergoldung besteht ja darin, massives Gold zu imitieren,
2:20 und das versucht man mit diesen dünnen Schichten zu erreichen.
2:26 Es ist ein kleiner Effekt, der aber eine Riesenwirkung erzielt.
2:30 Dieser Achttausendstel-Millimeter kann enorm viel ausmachen.
2:38 Sei es an einem Möbel oder an einer Decke,
2:42 an einer Wand oder in einer Kirche am Altar:
2:46 Es lebt auch mit dem natürlichen Licht.

Schiefer & Deckung

Schiefer als natürlicher Baustoff für Dächer und Fassaden hat eine lange Tradition. Die leichte Bearbeitbarkeit und die aussergewöhnliche Langlebigkeit des Schiefers machten ihn zum idealen Schutz vor Wind und Wetter. Neben dem Barock zählen die Gründerzeit und der Jugendstil zu den Blütezeiten der Schieferdecker. Der Dachdeckermeister erzählt, wie es um diesen besonderen Beruf und dem Handwerk steht.

0:06 Mein Name ist Ernst Josef Rüdesheim.
0:08 Ich habe dieses Handwerk erlernt bei der Firma Punstein Bedachungen.
0:13 Alwin Punstein ist in Deutschland bekannt als der Schieferpapst.
0:18 Er hat uns in der Firma Punstein sein Wissen weitergegeben.
0:24 Man kann nicht mit 50- oder 60-Jährigen solche Arbeiten ausführen, wie man sieht.
0:29 Man muss gelenkig sein.
0:30 Leider Gottes sieht es so aus,
0:34 dass das Schieferdecker-Handwerk am Aussterben ist.
0:38 In unserer Firma haben wir Gott sei Dank
0:41 zwei Neunzehnjährige, die jetzt ihren Gesellenbrief machen,
0:45 und einen Zwanzigjährigen, der nächstes Jahr die Gesellenprüfung angeht.
0:51 Das sind drei Jungs, die sehr motiviert sind, was man sehr selten findet.
0:56 Sie sind auch für die Zukunft des Betriebes sehr wichtig.
1:00 Die Herausforderungen bei diesem Dach sind klar die Fledermausgauben.
1:05 Davon gibt es acht.
1:07 Jede Gaube muss man als Einzelnes betrachten,
1:11 wie die Schiefer anlaufen.
1:13 Da ist viel Gefühl und Knowhow gefragt.
1:16 Die Schiefer, die wir verarbeiten, werden alle geprüft,
1:19 auf Säurefestigkeit, Kalkgehalt und so weiter.
1:24 Die sind zertifiziert.
1:26 Man sagt, normalerweise sollte solches Material 100 Jahre halten.
1:33 Es kann natürlich sein, dass man mal einen Haarriss übersieht,
1:38 oder nach Jahren kommt vielleicht mal ein Stein runter.
1:41 Aber es ist kein Problem,
1:43 wenn das Dach in regelmässigem Turnus überprüft wird,
1:47 das in den Griff zu bekommen.
1:49 Man kann die Schieferplatten auch auswechseln.

Panoramabilder Mythenthal

Das Gebäude Mythenthal nach der Sanierung.

Informationen

Adresse: Genferstrasse 24Kreis: 2 Inventar: unter Schutz
Baujahr: 1905Bauherr: Hermann Reiff Architekt: Julis Klunker
Bauherrschaft: SwissRe Investments AGArchitektur: Pfister Schiess Tropeano & Partner Architekten AGAusführung: 2019- 2021

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