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Interview mit Dr. Wernher Brucks

Grosi on Board
Grosi on Board

Dr. Wernher Brucks, Sie sind Leiter Verkehrssicherheit und Verantwortlicher der Kampagne «Grosi on Board» bei der Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich. Sie haben eine Studie zum Verkehrsklima durchgeführt. Welche wichtigen Erkenntnisse hat man aus der Befragung zum Verkehrsklima gewonnen?

Wir haben jetzt eine Bestätigung für eine lang gehegte Vermutung: Die Stimmung im Strassenverkehr der Stadt Zürich – also das Verkehrsklima – ist eher schlecht. Zwei Drittel der über 2000 Befragten haben angegeben, dass sie oft oder immer eine schlechte Stimmung im Strassenverkehr wahrnehmen. Die Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, aber es ist ein erster Hinweis. Interessanterweise geben auch drei Viertel aller Befragten an, selbst oft, oder immer zu einer guten Stimmung beizutragen. Entweder ist das eine fehlerhafte Selbsteinschätzung, um ein positives Selbstbild zu wahren, oder es gibt tatsächlich eine Minderheit von «Spielverderbern», die einer Mehrheit der Leute die Stimmung verdirbt. Wenn sich eine schlecht gelaunte Person einmal durch die ganze Stadt bewegt und überall schlechte Stimmung verbreitet, kann sie dabei vielen anderen ebenfalls die Reise vermiesen.

Woran liegt es, dass die Zürcher Bevölkerung die Stimmung im Strassenverkehr schlecht findet? Ist es die Infrastruktur oder die Wahrnehmung jedes Einzelnen? 

Die Infrastruktur oder der Strassenraum beeinflussen unsere Wahrnehmung und unser Verhalten langfristig, da sich der Strassenraum meist wenig ändert. Im Wechselspiel zwischen dem Strassenraum und den Verkehrsteilnehmenden kann dadurch eine recht stabile Verkehrskultur entstehen. Dies könnte auch Unterschiede zwischen Städten erklären. Zum Beispiel sind die Abstände zwischen den Kreuzungen im historischen und kleinräumigen Strassenraum der Innenstadt von Zürich sehr klein, manchmal nur 50 Meter. Das wiederum bedingt kurze Grünphasen der Ampeln, damit die Stauräume nicht überquellen und alles blockiert wird. Ich habe schon oft gehört, dass Leute genervt sind, wenn nur drei bis vier Fahrzeuge durch eine Grünphase kommen. Wenn man sich darüber aufregt und deshalb drängelt oder gar hupt, trägt man zur schlechten Stimmung bei, anstatt einfach mehr Zeit einzuplanen und gelassen zu bleiben.

Wie wichtig ist beides für das Verkehrsklima?

Es ist vermutlich ein komplexes Wechselspiel zwischen Menschen und ihrer Umwelt. Der Strassenraum beeinflusst unser Verhalten und wir wiederum beeinflussen andere. Auf diese Art und Weise kann eine Eskalation der negativen Beeinflussung stattfinden, die am Ende zu einem schlechten Verkehrsklima führt. Verstärkt wird dieser Prozess durch ungünstige Begleiterscheinungen wie die zunehmende Unaufmerksamkeit oder Ablenkung durch Smartphones.

Was macht die Stadt Zürich, damit sich die Leute in der Stadt Zürich im Verkehr wohl fühlen?

Menschen fühlen sich unter anderem dann wohl, wenn sie sich sicher fühlen. Mit unserer Arbeit versuchen wir den Strassenraum so einzurichten, dass er zum einen sicher erscheint, zum anderen aber auch tatsächlich sicher ist. Für den Veloverkehr haben wir das bisher nicht erreicht. Dessen Infrastruktur ist unvollständig und noch nicht überall ausreichend sicher. Das merken die Velofahrenden natürlich und meiden deshalb gewisse Situationen oder weichen in illegale Verhaltensweisen aus. Die einen fahren zum Beispiel auf dem Trottoir, wenn es auf der Strasse zu eng wird, die anderen fahren erst gar nicht Velo, weil sie es für zu gefährlich halten. Hier liegt noch viel Arbeit vor uns. Das hat aber auch Grenzen. Bei potentiell gefährlichen Situationen wie einer ungeschützten Querung über ein Tramtrassee weisen wir mit Signalen und Markierungen auf die Gefahr hin. Manchmal werden auch eingebaute Umlaufsperren eingebaut, um die Zufussgehenden auf das durchfahrende Tram aufmerksam zu machen. Sie sollen sich dann nicht zu sicher fühlen.

Was will man mit der Kampagne «Grosi an Bord» erreichen?

«Grosi an Bord» ist eine Verkehrsklimakampagne, wie es sie schon früher gab, zum Beispiel «generell freundlich». Im Mittelpunkt der Kampagne steht «Grosi», eine sympathische und selbstbewusste Autoritätsfigur für alle Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft. Wenn man Grosi im Strassenverkehr mit dabei hat, sei es ganz konkret mit einem Sticker am Fahrzeug oder auch nur als Gedanke im Kopf, dann verhält man sich freundlicher und verbessert so das Verkehrsklima. Wir wollen mit dieser Kampagne nicht belehrend und umerziehend wirken, sondern einfach nur einen Hinweis geben, wie man zu einer guten Stimmung im Strassenverkehr beitragen kann. Grosi ist jetzt schon oft auf den Strassen von Zürich zu sehen, zum Beispiel auf vielen Leihvelos oder auf Dienstfahrzeugen. Wir werden diese Präsenz aufrechterhalten, ab und zu auch noch verstärken.

Welche Zielgruppe ist besonders sensibel?

Wir haben es noch nicht abschliessend ausgewertet, aber abgeleitet aus anderen Befunden liegt die Vermutung nahe, dass Männer eher als Frauen zu Verhaltensweisen neigen, die andere stören oder aufregen und damit zu einer schlechten Stimmung beitragen. In allen drastischen Fällen, wo kleine Unstimmigkeiten auf der Strasse zu verbalen Wortgefechten oder sogar Gewalttätigkeiten eskalieren, sind fast ausnahmslos Männer involviert. Dieser Zielgruppe könnte Grosi sich unter Umständen einmal spezifisch widmen.

Was macht man für Kinder und Senioren?

Das sind beides Gruppen mit besonderen Ansprüchen an die Sicherheit. Kinder durchlaufen eine Entwicklung, in der sie für die Sicherheit im Strassenverkehr relevante Fähigkeiten erst erwerben müssen, zum Beispiel das Einschätzen von Distanzen und Geschwindigkeiten am Fussgängerstreifen. Wir investieren deshalb viel in die Sicherung von Schulwegen und kindertauglichen Strassenquerungen, und das mit Erfolg. Es kommt sehr selten vor, dass in der Stadt Zürich ein Kind auf dem Schulweg zu Schaden kommt, obwohl die meisten Kinder diesen selbständig zurücklegen, um eigene Erfahrungen machen zu können. Das Seniorenalter dagegen ist schwer zu definieren, statistisch ist es ab 65, aber real doch sehr verschieden. Auf jeden Fall nimmt die Erfahrung im Strassenverkehr mit dem Alter zu, das kann aber körperliche Defizite nicht immer kompensieren, zum Beispiel verlangsamte Reaktionszeiten. Ältere Menschen fühlen sich erfahrungsgemäss auch schneller überfordert und daher unwohl, wenn zum Beispiel Velofahrende verbotenerweise auf dem Trottoir unterwegs sind. Das wird in der Stadt Zürich daher nicht geduldet und von der Polizei entsprechend kontrolliert und geahndet.

Was können Unternehmen, Siedlungen oder Gewerbe. in der Stadt Zürich zu einem sicheren Verkehrsklima beitragen?

Wir sind alle am Strassenverkehr beteiligt. Also kann jede und jeder einen Beitrag zu einem freundlichen Miteinander leisten. Unternehmen, Siedlungen oder das Gewerbe können sich stärker exponieren und eine Vorbildrolle übernehmen. Personen, die beruflich viel in der Stadt reisen, sind Experten – heute würde man gar wohl eher von «Influencern» sprechen – für das Verkehrsklima und können uns helfen, es zu verbessern. Die Grosi-Kampagne wird von zwölf Verbänden mitgetragen, darunter zum Beispiel der Gewerbeverband Zürich und der Industrieverband Zürich. Es würde uns sehr freuen, wenn Mitglieder dieser Verbände oder auch andere Firmen und Organisationen die Kampagne aktiv unterstützen und mitgestalten.

Was ist Ihre Vision für einen sicheren Verkehr in der Stadt Zürich?

Visionen sind bekanntlich meist unerreichbar. Trotzdem sind sie wichtig, um Ziele zu setzen und Ressourcen zu mobilisieren. Daher ist es meine Vision, dass niemand mehr zu ernsthaftem Schaden auf einer Reise in oder durch die Stadt Zürich kommt. Momentan kommen wir dieser Vision leider nicht näher, sondern entfernen uns eher wieder davon. Der Hauptgrund dafür sind grundlegende Veränderungen des Mobilitätsverhaltens, wie zum Beispiel der Umstieg aufs Velo oder die vermehrte Nutzung geteilter Mobilität. Die sich ankündigende Automatisierung wird auch Effekte haben, die wir noch gar nicht einschätzen können. Ich wünsche mir, dass wir diese Phase des grossen Umbruchs unserer Mobilität ohne Einbussen bei unserer Sicherheit bewältigen.

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