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Kunstförderung: Wege zum Erfolg

Gibt es ein Rezept für den Weg zum künstlerischen Erfolg? Diese Frage stellen sich nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern auch die Kunstförderung. Zumindest im historischen Rückblick lassen sich gewisse Erfolgsfaktoren erkennen.

Aldo Mozzini (*1956), Preisträger Swiss Art Awards 2019, arbeitet in Zürich: «Quasi Cane», 2019, Lappen aus dem Tiefdruck, schwarze Farbe, mein Plastik- und PET-Abfall seit Januar, diverse Plastikfolien, 550 x 50 x 280 cm.

Die alljährlichen Swiss Art Awards, die Kunstpreise des Bundes, sind nicht nur für die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler eine Messlatte. Sie bieten auch für andere Kunstförderer, wie die Kommission und das Ressort für Bildende Kunst der Stadt Zürich, eine Möglichkeit des Vergleichs.

Wie jedes Jahr waren wir von der Kunstförderung der Stadt Zürich denn auch 2019 neugierig, welche Zürcher Kunstschaffenden dieses Mal den Sprung in die nationale Liga gewagt und geschafft haben. Von den 55 Künstlerinnen und Künstlern, die für die 2. Runde und damit für die Ausstellung in Basel parallel zur Art Basel zugelassen waren, stammte immerhin ein Viertel aus Zürich. Unter den neun nationalen Preisträgerinnen waren es drei, also sogar ein Drittel. Auch beim gleichzeitig stattfindenden Kiefer Hablitzel | Göhner Kunstpreis, der sich an Kunstschaffende unter 30 richtet, gingen sechs Auszeichnungen an Zürcher Künstlerinnen und Künstler.

Mirkan Deniz (*1990), Preisträgerin Swiss Art Awards 2019, arbeitet in Zürich: «Dragon-1 Armor Tank, License, No. 73 A 0133, House 13, 715th Street, Sırnak, Turkey», 2019, Wall breakout, 230 x 260 cm.

Bemerkenswert ist, dass von den 14 Zürcher Kunstschaffenden in der engeren Selektion immerhin neun in der Vergangenheit bereits die eine oder andere Form einer Förderung auf Empfehlung der Kommission für Bildende Kunst der Stadt Zürich erhalten haben – namentlich Stipendien, Ankäufe, subventionierte Ateliers. Berücksichtigt man, dass einige der Kunstschaffenden, die dieses Jahr bei der eidgenössischen Kunstkommission in die engste Wahl gekommen sind, inzwischen nicht mehr in Zürich leben, liegt diese Zahl tendenziell noch höher.

Diese Mini-Statistik sollte aber nicht dazu dienen, sich auf die Schulter zu klopfen. Denn die Swiss Art Awards sind zwar ein wichtiger nationaler Massstab für die Qualität des Kunstschaffens. Bezogen auf den globalisierten Kunstbetrieb, in dem sich heute immer häufiger Erfolg und Misserfolg einer Künstlerin oder eines Künstlers entscheidet, relativiert sich seine Bedeutung.

Gabriele Garavaglia (*1981), Preisträger Swiss Art Awards 2019, arbeitet in Zürich: «Inner Resistance», 2019, Tailor made outfit, prosthetic make-up, DEMO contact lenses, variable duration.

Es gibt, soweit uns bekannt, keine umfassenden Erhebungen zu Erfolgskriterien der Schweizer Kunstschaffenden. Aber man weiss, dass gerade bei den Eidgenössischen Kunstpreisen immer wieder später erfolgreiche Kunstschaffende unberücksichtigt geblieben sind, manche sogar trotz mehrerer Anläufe. Umgekehrt ist ein Stipendium, ob vom Bund oder von der Stadt Zürich, für sich allein genommen noch kein Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg.

Umso interessanter ist daher die Frage, welche Faktoren für eine künstlerische Laufbahn letztlich bestimmend sind. Eine der jüngsten Untersuchungen zur Kunstförderung in der Schweiz seit 1980 stammt von Patrizia Keller und schliesst nahtlos an die Arbeit von Gioia Dal Molin an, die wir im letzten Kunst-Newsletter vorgestellt haben. Die von Keller geführten Interviews in ihrer noch unveröffentlichten Dissertation (Publikation geplant) mit schon älteren, namhaften Schweizer Künstlerinnen und Künstlern wie Miriam Cahn, Pipilotti Rist, Peter Fischli, Thomas Hirschhorn, Valentin Carron, Christian Philipp Müller oder Rolf Winnewisser sind diesbezüglich aufschlussreich.

Aus ihnen lassen sich einige Faktoren für eine erfolgreiche Künstlerlaufbahn destillieren:

1. Freundschaften und Netzwerke

Am wichtigsten scheinen tragfähige professionelle und persönliche Netzwerke zu sein. Alle genannten KünstlerInnen kommen früher oder später darauf zu sprechen. Künstlerfreundschaften, Kontakte zu Kuratorinnen und Kuratoren, Galerien und Sammelnden bieten Anerkennung und Feedback, helfen bei der Vermittlung von Anerkennung und Ausstellungsmöglichkeiten, manchmal auch bei der Finanzierung. Ihr Verlust oder ihre Veränderung wirkt oft besonders einschneidend.

2. Sichtbarkeit

Entscheidend ist, das eigene Werk an den passenden Orten, im geeigneten Kontext, unter möglichst guten Bedingungen präsentieren zu können. Fördermassnahmen für Ausstellungsprojekte im Ausland gelten hierbei als besonders hilfreich. Allerdings berichten fast alle Erwähnten übereinstimmend, dass eine Teilnahme an der Venedig-Biennale oder an der Documenta insgesamt weniger brachte, als Aussenstehende vielleicht annehmen.

3. Vermittlerinnen und Vermittler

Zentraler erscheinen Vermittlerinnen und Vermittler, die kontinuierlich Interesse an einem Künstler, an einer Künstlerin bezeugen und sich gut in wechselnden kuratorischen und diskursiven Kontexten bewegen können oder besser noch, den Diskurs aktiv prägen. Galerien können hierzu ebenso viel beitragen wie Kuratorinnen und Kuratoren. Am besten bewährt sich eine Mischung verschiedener Akteure.

4. Widrige Bedingungen

Auch widrige Bedingungen – beispielsweise Nicht-Beachtung oder Ausjurierung durch Kommissionen – können manchmal hilfreich sein. Allerdings nur dann, wenn die betreffenden Kunstschaffenden ein dickes Fell haben und sich mit den Gründen für das Scheitern nicht zuletzt auch selbstkritisch auseinandersetzen. Auch setzt dies andere Finanzquellen als die üblichen Fördertöpfe voraus.

5. Money money money

Geld spielt zwar eine wichtige Rolle, aber ebenso wichtig ist, dass es zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung steht – dann, wenn es um einen entscheidenden Schritt in der Laufbahn geht, wenn es beispielsweise Produktionsmittel braucht, oder um Durststrecken zu überbrücken. Nicht nur eine produkt- und projektorientierte Förderung ist demnach bedeutsam, sondern auch die Bereitstellung definierter Freiräume, analog zu den «sabbaticals» in der Forschung.

6. Der Überraschungsfaktor

Die Kunstwelt verändert sich analog zur Gesellschaft in rasendem Tempo. Entsprechend können bestimmte künstlerische Themen, Herangehensweisen, Produktionsverfahren, die heute topaktuell wirken, rasch als veraltet erscheinen. Bezogen auf eine Laufbahn kann das für negative wie auch positive Überraschungen («Wiederentdeckung») sorgen. Darauf spekulieren lässt sich allerdings schlecht.

Romah Khereddine (*1989), Preisträger Kiefer Hablitzel | Göhner Kunstpreis: «Death of Aesop (Animetaphor)», 2019, Acryl auf Leinwand, 100 × 100 cm, «I drew, I shot, I looked upon Nature (Preservation Paradox)», 2019, Acryl auf Leinwand, 80 × 80 cm, «Original Encounters», 2019, Beton, reflektierende Glasaugen, Dimensionen variabel.

Betrachtet man all diese Faktoren etwas genauer, stellt sich rasch heraus, dass sie nur sehr bedingt steuerbar sind. Sie beruhen oft auf einer Mischung von Glück, Verstand, Berechnung, bei dem natürlich auch der Charakter des jeweiligen Werks wie auch seiner Urheberin oder seines Urhebers eine Rolle spielen.

Und: Diese Faktoren oder Umstände galten bisher. Welche Bilanz wird die Generation der heute jungen Kunstschaffenden einst ziehen, wenn sie in dreissig, vierzig Jahren zu ihrem Werdegang befragt werden wird?

Aus Sicht der Förderung ergibt sich hieraus vor allem der Auftrag, die aktuellen Entwicklungen möglichst gut im Blick zu behalten. Ein Rezept für die optimale Förderung hingegen gibt es, leider, genauso wenig wie eines für die optimierte Künstlerlaufbahn: Risiko gehört einfach zum Berufsstand.

Text: Barbara Basting
Foto: Guadalupe Ruiz / Bundesamt für Kultur BAK / Swiss Art Awards 2019

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