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Die Pionierin des Kunststoffs

In den 1960er-Jahren wurde die Kunst mit dem Gebrauch von innovativen Materialien revolutioniert. Die Zürcherin Annemie Fontana zählte mit ihren Polyester-Skulpturen zu den Trendsettern dieser Bewegung. Weil die Kunststoff-Oberflächen der Skulpturen verwittern, müssen die wegweisenden Werke dieser Epoche heute restauriert werden.

In der Kunst und der Architektur der 1960er und 1970er-Jahre manifestiert sich die Verbindung von technischer und formaler Innovation in einem besonderen Masse. Dank der Erfindung neuer Materialien und Technologien konnten damals vollkommen neuartige Formen gebaut und künstlerische Experimente gewagt werden. Vor allem die aufkommenden Kunst- und Schaumstoffe ermöglichten neue Verbindungen und Formen. So entstanden beispielsweise «soft sculptures» aus Schaumgummi und «brutalistische» Architekturen aus Giessbeton – starke Symbole für die gesellschaftliche Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit, die sich in überraschenden und ungewohnten Interventionen auch im Stadtbild zeigen.

Sichtbare Schäden an Annemie Fontanas «Sitzmuschel» im Strandbad Mythenquai und an der Skulptur «Sunrise» in der Grünanlage Hardhof.
Sichtbare Schäden an Annemie Fontanas «Sitzmuschel» im Strandbad Mythenquai und an der Skulptur «Sunrise» in der Grünanlage Hardhof.

Die teils sehr experimentelle Verwendung von Kunststoffen fordert nun, fast ein halbes Jahrhundert später, ihren Tribut. Zahlreiche Bauten und Kunstwerke aus dieser Epoche müssen saniert werden: weil Oberfächen erodieren, weil sich Materialverbindungen als nicht nachhaltig genug erweisen, weil sich die für die Elastizität der Kunststoffe wichtigen  Weichmacher mit den Jahren verflüchtigen oder weil die synthetischen Farben unter starkem Lichteinfluss verblassen.

Die Zürcher Künstlerin Annemie Fontana (1925–2002) zählt zu den bedeutendsten Schweizer Plastikerinnen der Nachkriegszeit – einer Periode, in der in der Schweiz viele öffentlichen Bauten errichtet wurden. Darum ist es nicht verwunderlich, dass sie mit ihren Werken in der Stadt Zürich relativ prominent vertreten ist. Der «Sirius-Brunnen», der ursprünglich am Escher-Wyss-Platz stand, ist ihr bekanntestes Werk. Die Polyester-Skulptur wurde bereits von 2009 bis 2012, im Rahmen der baulichen Sanierung des Escher-Wyss-Platzes, umfassend restauriert und an einem neuen Standort vor dem Hallenstadion in Oerlikon platziert.

Spezialist wird beigezogen

Bereits bei dieser Restaurierung war offenkundig, dass die Einwirkungen von Wasser auf das Material Polyester zu teils grossen Schäden geführt hatten. Darum wurden auch die weiteren Zürcher Fontana-Skulpturen begutachtet und untersucht. Sowohl die «Sitzmuschel» (1972), eine quietschgelbe Spielskulptur im Strandbad Mythenquai, als auch das blaue Monumental-Werk «Sunrise» (1974), das in der Grünanlage Hardhof beheimatet ist, wiesen derart gravierende Schäden auf, dass sie sich nicht vor Ort beheben liessen, sondern abtransportiert und in die Hände des spezialisierten Berner Kunststoff-Restaurators Marc Egger übergeben werden mussten.

Sitzmuschel
Die Skulpturen werden an den Standorten geborgen und in die Obhut des Restaurators gebracht.
Die Skulpturen werden an den Standorten geborgen und in die Obhut des Restaurators gebracht.

Egger beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Erhalt und der Restaurierung zeitgenössischer Kunst. Seine Tätigkeit ist Sisyphusarbeit, war doch den Künstlern bei der Produktion ihrer Kunst selten bewusst, wie sich die verwendeten Videobänder, die Polaroidfotos oder die Plastikfolien entwickeln würden. «Die modernen Werkstoffe», sagt Egger, «beginnen bereits ab dem ersten Tag zu altern.» Nach mehr als 40 Jahren in der Sonne, im Regen und im Schnee, waren die Oberflächen von «Sitzmuschel» und «Sunrise» denn auch stark angegriffen, teils sogar löchrig und das darunter liegende Fieberglasnetz durchtränkt mit Wasser, die Tragestruktur aus Metall stark korrodiert.

Schadstoffe werden beseitigt

Darum wurden die beiden Skulpturen erst einmal in einer alten Fabrikhalle gelagert und komplett ausgetrocknet, bevor Egger mit der konservatorischen Untersuchung beginnen konnte. Zum einen geht es bei dieser Analyse darum, den Aufbau und die Struktur des Kunstwerks zu evaluieren, um die passenden Restaurierungstechniken zu definieren. Zum andern ist auch heute die Schadstoffanalyse ein obligatorischer Standard. Und das brachte bei den Fontana-Skulpturen minime Asbestspuren zum Vorschein. Darum wurden nicht nur die Schadstellen bearbeitet, sondern die gesamte Oberflächen der Skulpturen abgetragen und ersetzt. Gemäss Marc Egger sei dies ein absolutes Novum: «Eine Asbestsanierung wurde bei einem Kunstwerk meines Wissens noch nie durchgeführt.»

«Sitzmuschel»: Rundum erneuert an den angestammten Platz zurück.
«Sitzmuschel»: Rundum erneuert an den angestammten Platz zurück.

Aufgrund der minutiösen Arbeit von Egger und seinem Team, präsentieren sich «Sitzmuschel» und «Sunrise» nach der Restaurierung in besserem Zustand als bei ihrer Entstehung in den 1970er-Jahren. Und spätestens zum Start der Freiluftsaison werden die beiden monumentalen Skulpturen an ihren angestammten Platz zurückkehren.


Text: Christoph Doswald, Vorsitzender Arbeitsgruppe KiöR (Kunst im öffentlichen Raum)
Foto: © KiöR

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