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Fantasien von Häfen und vom Anschluss ans Meer

Ein Kanal durch Altstetten, bombensichere Schleusen mitten in der Altstadt oder gar ein Tunnel für Schiffe durch den Zürichberg: Der Historiker Andreas Teuscher hat sich in seiner Masterarbeit an der Universität Zürich mit irrwitzigen alten Visionen für den Anschluss der Schweiz an die Hochseeschifffahrt und die Verbindung der Schweiz zum globalen Warenaustausch zu Wasser auseinandergesetzt. Im Zusammenhang mit dem Kunstprojekt «zürich – transit – maritim» erhält die wissenschaftliche Recherche aktuellste Relevanz. «Visionen einer maritimen Schweiz. Transhelvetische Grossschifffahrtsträume, 1903-2012», so der Titel des Werks, das beim Limmat-Verlag bald in Buchform erscheinen wird, beleuchtet ein bislang vernachlässigtes Kapitel Schweizer Verkehrsgeschichte. Ein «überraschendes Thema», schreibt Professor Philipp Sarasin in seinem Gutachten, dessen Bedeutung «während des ganzen 20. Jahrhunderts, ja in gewisser Hinsicht sogar bis heute» gegeben sei. Wie kam es zu den gigantomanischen Plänen? Der Forscher Andreas Teuscher weiss Antwort.

Herr Teuscher, wie sähe Zürich heute aus, wenn die Hafenpläne der 1930er Jahre realisiert worden wären?

ANDREAS TEUSCHER: Damals wurde die Befürchtung geäussert, dass Zürich mit einem Meeranschluss zu gross und zu mächtig für die beschauliche Schweiz werden könnte. Vielleicht würden wir heute in einem riesigen Industriehafen-Moloch leben. Wahrscheinlich aber eher nicht.

Welche Motive steckten hinter den gigantomanischen Plänen?

Am Anfang stand die Idee, dass die Güterschiffe Industrie und Wirtschaft beflügeln würden. Im Laufe der Zeit wurde das aber immer aussichtsloser, so dass die Argumente immer romantischer wurden. Die Rede war zum Beispiel von ästhetischen Reizen einer Flussschifffahrt von der Nordsee in den Alpenraum. Am Ende wurde die Schifffahrt zur Glaubenssache erklärt.

Kaum zu glauben: Schleuse bei der Rathausbrücke, aus «Die Tat» vom 20. Mai 1938.

Kaum zu glauben: Schleuse bei der Rathausbrücke, aus «Die Tat» vom 20. Mai 1938.

Wie reagierte die Bevölkerung damals auf die Pläne?

Die Zürcher Bevölkerung? Das ist schwer zu sagen, weil es kaum Quellen dazu gibt. Aus der regen Berichterstattung in den Zeitungen lässt sich aber schliessen, dass das Thema auf Interesse stiess. Wer damals dabei war, kann sich gerne bei mir melden!

Von der West- und Ostschweiz heisst es, dass es regelrechte Volksbewegungen gegeben haben soll, die nach Schiffen riefen. «Schifffahrt Basel-Bodensee – lebenswichtig für die Ostschweiz» sollen die St. Galler skandiert haben, während die Welschen den maritimen «Gotthard Vaudois» einforderten.

Altstetten1918: Detailblatt aus einem Entwurf für den Wettbewerb «Gross Zürich» mit Kanal und Anschluss

Altstetten1918: Detailblatt aus einem Entwurf für den Wettbewerb «Gross Zürich» mit Kanal und Anschluss an die Schifffahrt in Altstetten. Bild: Stadtarchiv Zürich.

Und woran ist der Zauber letztlich gescheitert?

Ist er das?

Sie wissen mehr als ich … ist für den Hafenkran andernorts eine Fortsetzung geplant?

Es gibt Kreise, die noch immer von Grossschifffahrtsstrassen durch die Schweiz träumen. Womit der Zauber weiterlebt, auch wenn die Projekte gescheitert sind. Und wer weiss schon, was die Zukunft bringt?



Interview: Christoph Doswald



Das Buch zum Hafenkran:

Andreas Teuscher hat in den letzten Jahren die Archive durchwühlt und Hunderte von alten und neuen Beschiffungsplänen geborgen. Im Frühling 2014 wird im Limmat Verlag sein Buch über den «Zentral-Hafen» Schweiz erscheinen.



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