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Die symbolische Kraft des Denkmals

Die in Berlin lebende polnische Künstlerin Renata Kamińska beschäftigt sich mit den Erinnerungsritualen unserer Gesellschaft und hat dazu massgebliche Interventionen im öffentlichen Raum geschaffen. Für die «Gasträume 2019» wird Kamińska ein «Phantom Monument» umsetzen. Das Projekt befasst sich mit Rosa Luxemburg und findet an den wichtigsten Lebensstationen der Klassenkämpferin statt. Im Vorfeld veröffentlicht der «Kunst-Newsletter» ein Gespräch mit der Künstlerin über Denkmalkultur in Polen und über die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst im öffentlichen Raum.

Renata Kamińska
Renata Kamińska

Christoph Doswald: Kunst hat viele Möglichkeitsformen ... welche Facette interessiert Sie besonders?

Renata Kamińska: Die Forderung (an mich) als Künstlerin heute ist: Kunst muss beweisen, dass sie Mut besitzt. Kunst muss mutig und angstfrei sein. Kunst nimmt Entwicklungen vorweg. Von Künstlern sollte man erwarten: Übernimm die Verantwortung und hab keine Angst!

Das klingt nach einem idealistischen und sehr breiten Anspruch. Muss Kunst denn wirklich in allen Lebensbereichen tätig sein?

Wir leben in einer Zeit, die Kunst normativ behandelt und sie einschränkt. Es wird immer häufiger verhandelt, was Kunst darf, was Kunst ist, welche Grenzen möglicherweise nicht überschritten werden sollten, was die Kunstinstitution und die Förderer mittragen können, ab wann es verletzend, deplatziert und zweifelhaft wird – sowohl politisch als auch künstlerisch.

Ansicht aus der Ausstellung «Zjawa / Phantom Monument» in Warschau, Galeria Studio, Kultur- und Wissenschaftspalast, 17. Januar – 10. Februar 2019.
Ansicht aus der Ausstellung «Zjawa / Phantom Monument» in Warschau, Galeria Studio, Kultur- und Wissenschaftspalast, 17. Januar – 10. Februar 2019.

Hat sich diese Einflussnahme akzentuiert?

Definitiv. Und es geht manchmal – zum Beispiel in Polen – noch viel weiter. Dort werden Tatsachen und historische Ereignisse mit politischen Mitteln erinnert oder verdrängt. Das ist nicht ermutigend, aber spannend. Mich interessiert als Künstlerin: Was wird erinnert, was wird vergessen und warum?

Kann Kunst die Wirklichkeit beeinflussen?

Definitiv, aber nicht, solange sie allein vorgeht. Gelingen kann's nur, wenn Kunst als eine von vielen Kräften auf eine Veränderung hinarbeitet.

Was hat das alles mit Rosa Luxemburg zu tun?

Diese Inhalte sind beinah identisch mit den Forderungen, die Rosa Luxemburg vor über 100 Jahren an sich selbst stellte. Ich habe zufälligerweise eine biografische Parallele mit Rosa Luxemburg, die mir erst kürzlich bewusst wurde. Und skurrilerweise bin ich durch Luxemburgs plötzliche Abwesenheit darauf gestossen.

Abwesenheit – was meinen Sie damit?

In drei verschiedenen Ländern habe ich an drei Rosa-Luxemburg-Strassen gewohnt. Heute, 20 Jahre später, ist davon nur eine mit diesem Namen noch übrig geblieben. In Polen, wo Luxemburg geboren wurde, ist diese wichtige historische Persönlichkeit sogar komplett aus dem öffentlichen Raum verbannt worden – und zwar per Gesetz. In Zamość, ihrem (und meinem) Geburtsort, wurde die Gedenktafel, die an Luxemburgs Geburtshaus angebracht war, über Nacht brutal entfernt und aus der Fassade herausgerissen.

Leerstelle der entfernten Gedenktafel am Geburtshaus von Rosa Luxemburg in Zamość.
Leerstelle der entfernten Gedenktafel am Geburtshaus von Rosa Luxemburg in Zamość.

Welche Aktualität sehen Sie in der Figur von Rosa Luxemburg?

Ihre Forderungen sind noch immer nicht umgesetzt bzw. in den Anfängen stecken geblieben – Verbot von Kinderarbeit, Gleichstellung, Lohngleichheit, Pazifismus, Natur-Ausbeutung, Kritik an Nationalismus usw.
Ja! Rosa Luxemburg hat uns mit ihren Träumereien, für die sie auch umgebracht wurde, auf den richtigen Weg geschickt. Daran will ich mit dem «Phantom Monument» erinnern.

Sind Denkmäler nicht ein etwas altmodisches Format?

Im Gegenteil. Wenn Demonstrationen in Paris auf der Place de la République unter dem Freiheitsdenkmal stattfinden oder wenn in Warschau die Menschen unter dem Denkmal für Unabhängigkeit und Freiheit zusammenkommen, dann wird klar, wie potent der symbolische Wert von Denkmälern auch heute noch ist.

Interview: Christoph Doswald
Fotos: Renata Kamińska

Vernissage «Gasträume 2019»: Freitag, 7. Juni, 18 Uhr, Basteiplatz. Informationen

Phantom Monument

Homepage Renata Kamińska

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