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Ein zeitgemässes Denkmal

Carsten Höller: Zur Erinnerung an Regierungsrat Hans Künzi (1924–2004)

Vor Kurzem wurde ein Kunstwerk für den langjährigen Zürcher Regierungsrat Hans Künzi eingeweiht, der als Erfinder der Zürcher S-Bahn gilt. Mit Carsten Höller zeichnet ein international bekannter Künstler verantwortlich für die Schaffung eines zeitgemässen Denkmals, das eine schweizerische Persönlichkeit ehrt.

Die ungewöhnliche Anfrage kam von der Hans-Künzi-S-Bahn-Stiftung und wurde der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum (AG KiöR) bereits 2010 unterbreitet. Man solle die «Verdienste von Dr. Hans Künzi anerkennen und ehren, indem man ihm ein Denkmal errichtet». Mit dem Thema Denkmal haben die Schweiz wie auch das reformierte Zürich wenig Erfahrung: Die allermeisten Erinnerungsskulpturen stammen aus dem späten 19. Jahrhundert, also aus einer Epoche, als es identitätsstiftende Symbolfiguren für den jungen Nationalstaat brauchte. Darum organisierte die AG KiöR 2011 einen Workshop und entschied erst dann, auf die Anfrage einzutreten – allerdings nicht mit einem Personenstandbild vor Augen, sondern mit einem Denkmal in zeitgemässer Form, entwickelt mit einem zeitgenössischen Verständnis des Denkmals.

Die leuchtenden Kreise am Dachhimmel setzen diskrete Zeichen der Erinnerung bei Tag. Foto: Pro Litteris
Die leuchtenden Kreise am Dachhimmel setzen diskrete Zeichen der Erinnerung bei Nacht. Foto: Pro Litteris
Die leuchtenden Kreise am Dachhimmel setzen diskrete Zeichen der Erinnerung bei Tag und bei Nacht. Foto: Pro Litteris

Interdisziplinäres Denken

Nach einem Wettbewerb im Einladungsverfahren wurde der in Stockholm lebende deutsche Konzeptkünstler Carsten Höller (*1961) mit der Schaffung des Denkmals für Hans Künzi beauftragt. Höller ist bekannt geworden durch seine interaktiven Interventionen, die die Kunstbetrachterinnen und Kunstbetrachter zum Mitmachen auffordern. Durch diese Teilnahme am Kunstwerk werden bei den Menschen auf ganz direkte Weise ästhetische, körperliche und emotionelle Erlebnisse hervorgerufen. Mit der Verbindung von Wissenschaft, Technik und Kunst hat der promovierte Biologe Höller eine sehr eigenständige Arbeitsweise entwickelt, die weit über die eigentliche Kunstszene hinaus Beachtung findet. Höller setzt das Experiment als Verfahren in seinen künstlerischen Arbeiten ein.

Mit diesem Hintergrund war Carsten Höller dafür prädestiniert, ein Kunstwerk zu entwickeln, das sich mit dem Lebenswerk des Mathematikers und Politikers Hans Künzi (1924–2004) auseinandersetzen sollte. Künzi wirkte ab den späten 1950er-Jahren nämlich gleichzeitig an der Universität wie auch an der ETH Zürich als Professor für Ökonometrie und betriebswirtschaftliche Verfahrensforschung mit Schwerpunkt Operations Research und elektronische Datenverarbeitung. Von 1970 bis 1991 war Hans Künzi Zürcher Regierungsrat, und von 1971 bis 1987 vertrat er den Kanton als Nationalrat in Bern. Unter Künzis Ägide entstanden das Zürcher S-Bahn-System und der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV). Er gilt als Vater der volkswirtschaftlich und kulturpolitisch ausserordentlich bedeutenden S-Bahn.

High-Tech mit Atmosphäre

Carsten Höllers künstlerische Reflexion würdigt Persönlichkeit und Verdienste von Künzi mit einer abstrakten, aber atmosphärischen Auseinandersetzung mit dessen Tätigkeitsfeldern Mathematik, Datenverarbeitung, Verkehr. Höller thematisiert die enormen Personenströme, die im Zürcher Hauptbahnhof durch die täglich fast 3000 Zugsbewegungen entstehen. Das Ineinandergreifen von Individuum und Kollektiv, von Technik und Mensch manifestiert sich in einem grossen Licht-Kunstwerk, das seit Mitte September am neuen Aufgang zum Europaplatz installiert ist.

Rund 400 Neonkreise mit 60 Zentimetern Durchmesser sind am Dach des Bauwerks in einem L-förmigen Raster angebracht. Gesteuert von einem Programm, das der Künstler speziell entwickelt hat, gleiten die Kreise in unterschiedlichen Tempi und Richtungen poetisch über den Dachhimmel und symbolisieren die im Hauptbahnhof tagtäglich zu beobachtenden, chaotisch-geordneten Transportflüsse von Waren und Menschen – eine mathematisch und ästhetisch präzise Fassung von Bewegungssystemen, wie sie einst Hans Künzi mit der S-Bahn geschaffen hatte.

Text: Christoph Doswald
Foto: SBB / Pro Litteris

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