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Denkmalsturm im Schweizerland

Der Sturm, der im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung auf Denkmäler einsetzte, die mit Kolonialismus, Rassismus und Sklavenwirtschaft in Verbindung gebracht werden, erreichte im Juni 2020 auch Europa und damit auch die Schweiz. In Zürich geriet – wieder einmal – das Alfred-Escher-Denkmal in den Fokus der Kritik, worauf das Präsidialdepartement bei der Universität eine historische Studie zur Beteiligung der Stadt sowie der Zürcherinnen und Zürcher an Sklaverei und Sklavenhandel vom 17. bis ins 19. Jahrhundert in Auftrag gab. [1]

Das 1855 für David de Pury in Neuenburg errichtete Denkmal wird am 13. Juli 2020 nach einem Farbattentat gereinigt. Der Ruf des Mäzens aber bleibt beschädigt.
Das 1855 für David de Pury in Neuenburg errichtete Denkmal wird am 13. Juli 2020 nach einem Farbattentat gereinigt. Der Ruf des Mäzens aber bleibt beschädigt.

Neuenburg: Vermittlung von Geschichte

Wie zu erwarten war, richtete sich in Neuenburg die Kritik gegen das für den Unternehmer und Bankier David de Pury errichtete Denkmal. Es war 1855 als Zeichen der Dankbarkeit für das der Stadt hinterlassene Vermögen geschaffen worden, dies ungeachtet der damals noch nicht als problematisch empfundenen Tatsache, dass ein Teil des Reichtums aus Sklavenwirtschaft zusammengekommen war. Dem Farbattentat in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 2020 ging eine Online-Petition voraus, welche die Entfernung der Statue oder deren Versetzung ins Museum forderte. Bereits 2019 war dem de-Pury-Denkmal anlässlich des grossen Frauenstreiks ein Lila-Auftritt verpasst worden. Im August 2021 gab der Neuenburger Stadtrat bekannt, dass die Statue nicht entfernt, aber eine erklärende Tafel (in mehreren Sprachen) angebracht werden solle. Ein QR-Code solle zusätzliche Informationen über die koloniale Geschichte Neuenburgs vermitteln und der Platz solle um weitere Installationen ergänzt werden. Inzwischen haben sich die Verhältnisse beruhigt.

Die Haltung, das Denkmal zu belassen und mit weiterführenden Angaben zu versehen, dürfte für die in der Schweiz vorherrschende Einstellung im Umgang mit Denkmalkontroversen repräsentativ sein. Sie entspricht natürlich auch der Auffassung von Historikerinnen und Historikern, die diesbezüglich keine «Cancel Culture» befürworten, sondern sich für eine historisierende Auseinandersetzung auch mit unangenehmer Vergangenheit einsetzen.

Genf: Anstösse zur Reflexion

Die Stadt Genf sah sich 2020 ebenfalls veranlasst, sich näher für die Frage zu interessieren, welche öffentlichen Erinnerungszeichen auf rassistische und kolonialistische Vergangenheit verweisen. Im März 2022 ist der dazu in Auftrag gegebene universitäre Bericht erschienen. [2] Die Kernpassage dieses Berichts präsentiert ohne enge Handlungsempfehlungen eine Auslegeordnung zu den Möglichkeiten, wie man sich heute gegenüber mehrheitlich nicht mehr akzeptierten Denkmälern verhalten könnte. Zwischen Nichtstun und Zerstören werden mehrere Möglichkeiten aufgezählt. Neben den im Fall von Neuenburg bereits genannten etwa die Neuplatzierung, die Verhüllung oder die Ergänzung um ein alternatives Monument.

Zürich: Umgang mit Erinnerung und Leitbild für künftige Entwicklung

Gustav Siber, Brunnenfigur «Die tapferen Zürcherinnen von 1292», 1912, beim Lindenhof 4, Zürich.
Gustav Siber, Brunnenfigur «Die tapferen Zürcherinnen von 1292», 1912, beim Lindenhof 4, Zürich.

Die allgemeine Funktion von Denkmälern besteht darin, ehrende Aufmerksamkeit und auf Dauer angelegte Anerkennung sicherzustellen. Das funktioniert meistens bloss für die Zeit der Denkmalstiftung. Gemäss einem immer wieder zitierten Diktum Robert Musils soll es nichts Unsichtbareres als Denkmäler geben. Dem wirkte in Zürich die Aktion «Transit» entgegen, mit der 1999 vier bekanntere Monumente von ihren Podesten geholt und für ein paar Wochen in Zürich-West platziert wurden. Die 2020 erwachte Kritik gegenüber bestimmten Denkmälern hat mittlerweile zu einer generelleren Auseinandersetzung mit den in der Öffentlichkeit platzierten Erinnerungszeichen geführt und auch die alte Klage wieder aufleben lassen, dass bisher sozusagen ausschliesslich Männer in den Genuss öffentlicher Ehrung gekommen seien. Geringer ist das Interesse für die Frage geblieben, unter welchen Umständen und mit welchen Absichten solche Denkmäler überhaupt geschaffen wurden. Die von der KiöR (Kunst im öffentlichen Raum, Stadt Zürich) [3] im vergangenen Jahr in Auftrag gegebene Bestandesaufnahme der Denkmäler der Stadt Zürich hat die Entstehungsgeschichten der Monumente untersucht. Die KiöR hat das verstärkt aufgekommene Interesse an den Denkmälern im öffentlichen Raum zum Anlass für eine systematische und grundsätzliche Aufarbeitung genommen. Diese Studie steht nun der Öffentlichkeit zur Verfügung. [4]

Text: Georg Kreis

Foto: David de Pury, Neuenburg: Keystone / Laurent Gillieron // Die tapferen Zürcherinnen: Martin Stollenwerk / KiöR Stadt Zürich

[1] Marcel Brengard, Frank Schubert, Lukas Zürcher (Lehrstuhl von Prof. Gesine Krüger), Die Beteiligung der Stadt sowie der Zürcherinnen und Zürcher an Sklaverei und Sklavenhandel vom 17. bis ins 19. Jahrhundert. Bericht zu Handen des Präsidialdepartements der Stadt Zürich, 2. September 2020. Link

[2] Mohamed Mahmoud Mohamedou et Davide Rodogno Temps, espaces et histoires Monuments et héritage raciste et colonial dans l’espace public genevois: état des lieux historique. Link  Insbesondere  S. 139ff.

[3] Denkmäler im Fokus – Einblick in die Diskussion. Link

[4] Georg Kreis, Die öffentlichen Denkmäler der Stadt Zürich. Ein Bericht im Auftrag der Arbeitsgruppe KiöR, 30. Juni 2021. Gesamtbetrachtung zu 38 in separaten Texten dokumentierten Denkmälern, veröffentlicht April 2022. Link 

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