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Münsterhof: Eine blühende und interaktive Kunst

Mit einer nächtlichen Generalstabsübung verwandelte der Berner Künstler Heinrich Gartentor auf Einladung der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum (AG KiöR) den Münsterhof in eine grüne Oase. Dank der «Insel in der Stadt» erhielt der innerstädtische Platz eine neue, poetische Dimension – und funktionierte für gut drei Wochen als gesellschaftlicher Treffpunkt.

Es war ein lauschiger Abend am 21. August 2019, als kurz vor 18 Uhr auf dem Münsterhof zwei mächtige Tieflader mit St. Galler Kennzeichen vorfuhren. Auf ihnen befand sich eine Ladung, die auf den ersten Blick nicht als Kunstwerk zu identifizieren war: zwei horizontal transportierte, 60-jährige Trauerweiden. Innert zwei Stunden wurden diese archaischen Bäume, die sonst im Baummuseum in Rapperswil zuhause sind, auf dem Münsterhof aufgestellt. Kaum war die Crew der Baumspezialisten abgezogen, legten Zimmerleute aus dem Berner Oberland los: Um die beiden Weiden herum entstanden elegante Sitzmöbel aus Holzlatten. Und über die Pflastersteine spannten sich hölzerne Gehwege wie Stege am See.

Heinrich Gartentor packte beim Aufbau selbst kräftig mit an.
Heinrich Gartentor packte beim Aufbau selbst kräftig mit an.

Spätestens kurz vor Mitternacht dämmerte den Passantinnen und Passanten, dass auf dem Münsterplatz eine neue Verkehrssituation im Entstehen war. Zu diesem Zeitpunkt standen drei LKWs auf dem Platz, aus denen 4000 Pflanzkisten entladen wurden. Ein Dutzend Helferinnen und Helfern fügten die Elemente bis zum Morgengrauen zu einer grossen Magerwiese zusammen. «Um 8 Uhr morgens konnte ich zum ersten Mal eine kurze Pause einlegen», erzählt Gartentor, der sich das Projekt ausgedacht hatte. «Der Überraschungseffekt war entscheidend», sagt der Künstler. «Wenn wir das vorher gross angekündigt hätten, wäre die Wirkung verpufft.»

Die Magerwiese wurde zu nächtlicher Stunde geliefert.
Die Magerwiese wurde zu nächtlicher Stunde geliefert.

Tatsächlich rieben sich viele früh Aufgestandene die Augen, als sie den grünen Münsterhof nur noch auf den Holzstegen überqueren konnten. Doch aus der einschränkenden Verkehrsregulierung entwickelte sich umgehend eine neue Vielfalt. Die vom Grün der Magerwiese umgebenen Wege und Plattformen wurden von der ersten Minute an zu einem Publikumsmagnet, der multifunktional genutzt wurde: SelbstdarstellerInnen vollführten Performances und stellten die dabei entstandenen Fotos und Videos auf Instagram oder Youtube. Findige Gourmets organisierten lauschige Picknicks für Freundinnen und Freunde. Brautpaare posierten fürs spektakuläre Erinnerungsbild unter den pittoresken Weiden. Hobby-Klimaforschende erörterten mögliche Einflüsse des temporären Grüns auf die Temperaturkurve des Platzes. Und eine Bollywood-Crew benutzte die «Insel in der Stadt» gar als Filmkulisse.

Wie seitens der AG KiöR intendiert, erwies sich Gartentors «Insel in der Stadt» nicht nur als ästhetisches oder klimatisches Statement, sondern vor allem auch als ein soziales Experiment. Denn dank den Sitzgelegenheiten im Schatten der Bäume entwickelte sich innert Kürze eine informelle «Szene». Der grüne Münsterhof wurde zum beliebten Treffpunkt und hatte sogar beruhigende Wirkung auf Nachtschwärmende. «Die Zahl der nächtlich durchziehenden Krawallgruppen nahm deutlich ab. Grün beruhigt die aufgewühlten Seelen», kommentierte Münsterhof-Anwohner Hans-Hinrich Dölle. Das Grün tut aber nicht nur der Seele gut, sondern möglicherweise auch dem Klima: Umwelt- und Gesundheitsschutz der Stadt Zürich (UGZ) nutzte die Aktion, um in einem Pilotprojekt die Temperaturen an unterschiedlichen Standorten auf dem Münsterhof zu messen. Dabei zeigte sich, dass Wiesen besonders an warmen Tagen einen kühlenden Effekt haben können.

Interaktion mit BesucherInnen: Stück für Stück fand die Wiese neue BesitzerInnen.
Interaktion mit BesucherInnen: Stück für Stück fand die Wiese neue BesitzerInnen.

Selbstredend war der abschliessende Verkauf der Magerwiese ein Grosserfolg. Die komplette Fläche von über 1100 Quadratmetern wurde Stück für Stück abgeholt und blüht nun in einer neuen Umgebung in Gärten oder auf Balkonen. Damit wäre gewissermassen auch der Nachweis erbracht, dass Kunst nicht nur reiner Selbstzweck ist, sondern im besten Fall – wie auf dem Münsterhof – auch gesellschaftliche Wirkung erzeugen kann. Für die ab 2021 geplante Fortsetzung der sommerlichen Kunstprojekte auf dem Münsterhof werden die Wirkungen und Erfahrungen mit der «Insel in der Stadt» einen wichtigen Referenzpunkt bilden.

Text: Christoph Doswald

Abbildungen: Heinrich Gartentor, «Insel in der Stadt» 2019, Zürich. Copyright: Heinrich Gartentor; Foto: Peter Baracchi; Stadt Zürich, Kunst Münsterhof im öffentlichen Raum (KiöR)

Die «Insel in der Stadt» lockte viele Menschen und auch Tiere an: Eine in vielem Sinne fruchtbare Kunstaktion.
Die «Insel in der Stadt» lockte viele Menschen und auch Tiere an: Eine in vielem Sinne fruchtbare Kunstaktion.

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