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Grossstadt-Flair am Stadelhofen

Die Gründerzeit des späten 19. Jahrhunderts war in Zürich eine Boom-Periode – und zwar auch für Kunst im öffentlichen Raum. Mit dem Zierbrunnen am Stadelhofer-Platz wurde nun ein Prunkstück dieser wichtigen Epoche restauriert. Unterhalt und Pflege von exponierten Werken ist eines der Tätigkeitsgebiete der Fachstelle Kunst im öffentlichen Raum.

Wachstumssymbole sehen heute anders aus: schlank, leicht, glänzend, dynamisch. Der Zierbrunnen am Stadelhoferplatz ist aus Gusseisen und verkörpert genau das Gegenteil – er ist massiv, ausladend, schwer und solide gebaut. Und ein Wachstumssymbol aus dem späten 19. Jahrhundert, als die mittelalterlichen Bollwerke und Wehranlagen der Stadt Zürich geschleift und auf den frei werdenden Flächen moderne Plätze, Gebäude und Strassenzüge gebaut wurden.

Der Brunnen heute (l.) und die Parkanlage mit dem Brunnen in der Projektdarstellung von 1868 (Graphische Sammlung Zentralbibliothek Zürich).
Der Brunnen heute (l.) und die Parkanlage mit dem Brunnen in der Projektdarstellung von 1868 (Graphische Sammlung Zentralbibliothek Zürich).

Versechsfachung der Bevölkerung

An den Rändern des Nieder- und Oberdorfs entstanden damals neue Quartiere, die Wohn- und Arbeitsraum für die prosperierende Stadt lieferten. Es war die Zeit, als die ETH gegründet wurde, als die ersten Eisenbahnlinien entstanden und als sich im Westen der Stadt die ersten Fabrikgebäude gegen Himmel reckten. Welchen Einfluss diese neuen Errungenschaften auf die Stadt hatten, zeigt ein Blick auf die Bevölkerungsstatistik. Im Jahr 1893 wies die Stadt rund 28'000 Bewohner auf; 20 Jahre später verzeichnen die Behörden eine Bevölkerungszahl von über 200'000 Menschen – das bedeutet eine Versechsfachung der Einwohnerinnen und Einwohner innert kürzester Zeit. Neben der ersten Stadterweiterung von 1893 mit der Eingemeindung von elf bis dahin unabhängigen Vororten, war dieses Wachstum der hohen Geburtenrate, aber auch der Zuwanderung von einfachen Arbeitskräften aus den Landgebieten und von hoch spezialisierten Fachleuten aus dem Ausland geschuldet.

Restauration: Der Brunnen wurde am 8. April 2015 abtransportiert. Die Beckenkrone und die Sandsteinfundamente waren beschädigt, die Risse in der Betonschale ersichtlich. Die Steine wurden so weit wie möglich belassen, nur offensichtliche Fehlstellen wurden ergänzt.
Restauration: Der Brunnen wurde am 8. April 2015 abtransportiert. Die Beckenkrone und die Sandsteinfundamente waren beschädigt, die Risse in der Betonschale ersichtlich. Die Steine wurden so weit wie möglich belassen, nur offensichtliche Fehlstellen wurden ergänzt.

Stürmische Entwicklung

Die Folgen der demografischen Explosion im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts sind noch heute im Stadtbild präsent. Ganze Strassenzüge in Ober- und Unterstrass, in der Enge und im Seefeld wurden innert kurzer Zeit aus dem Boden gestampft. Und im Westen der Stadt entstanden Wohnhäuser für die Menschen, die im Industriequartier eine Arbeit fanden. Am Stadelhofen lässt sich diese stürmische, urbanistische Entwicklung ebenfalls gut ablesen. Der Platz wurde ursprünglich, 1863, noch am Stadtrand entrichtet. Doch mit dem Bau eines Bahnhofs für die neue Eisenbahn, mit der Endstation der Forchbahn und mit dem Anschluss ans städtische Tramnetz avancierte der Stadelhoferplatz zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt für die «moderne» Stadt.

Auf ein neues Fundament fürs Becken wurde eine 5 cm starke formgebende Schicht aufgetragen. (l.) Eine Volute zwischen den Köpfen der Putten wurde neu hergestellt (r.).
Auf ein neues Fundament fürs Becken wurde eine 5 cm starke formgebende Schicht aufgetragen. (l.) Eine Volute zwischen den Köpfen der Putten wurde neu hergestellt (r.).

Zierbrunnen am Verkehrsknotenpunkt

Davon zeugt der Zierbrunnen, der seit mehr als 150 Jahren im Zentrum der unter Denkmalschutz stehenden Gartenanlage steht. Das Wasserspiel, einst im Volksmund als «Les Parisiennes» (nach den neo-barocken Putten, die die obere Brunnnenschale tragen) bezeichnet, besteht aus einem Steinbecken und einer zentral darin eingelassenen Brunnenskulptur aus Gusseisen. Vor allem die Brunnenskulptur zeigte in den letzten Jahren erhebliche Schäden, sodass die Fachstelle Kunst im öffentlichen Raum in Zusammenarbeit mit der Gartendenkmalpflege und der städtischen Wasserversorgung eine Restauration des kulturhistorischen Symbols in die Wege leitete. Ziel war es, die korrodierten Metallteile zu sanieren, die verschmutzten Oberflächen zu reinigen und vereinzelte Fehlteile wieder herzustellen. Am 7. und 8. April 2015 wurde die Brunnenskulptur komplett demontiert, danach bei der Teko AG in Flüelen sandgestrahlt, einzelne Bruchstellen geschweisst und anschliessend mit einer neuen Schutzfarbe versehen. Eine fehlende Volute konnte zudem von der Hegi AG in Oberburg rekonstruiert werden.

 

Ende Mai wurden die aufgefrischten und wieder hergestellten Elemente vor Ort zusammengebaut und in das ebenfalls renovierte Kunststeinbecken mit Natursteineinfassung integriert. Dank diesen restauratorischen Arbeiten sind «Les Parisiennes» nun wieder in alter Frische am Stadelhoferplatz in Aktion und erinnern an einen Bauboom, der Zürich einst wohl genauso stark veränderte, wie es die aktuelle, urbane Dynamik tut.

Spektakuläres Eis im Winter. Der Zustand des Brunnens im Februar 2015 (m.) und bei der Wiederinbetriebnahme am 10.6.2015 (r.). (Foto links: F. Harsch, 1980, Achiv WVZ).
Spektakuläres Eis im Winter. Der Zustand des Brunnens im Februar 2015 (m.) und bei der Wiederinbetriebnahme am 10.6.2015 (r.). (Foto links: F. Harsch, 1980, Achiv WVZ).


Text: Christoph Doswald

Bilder: Christopher Hernandez, aus: «Zierbrunnen Zürich Stadelhofen, Handwerk in der Denkmalpflege, von Christopher Hernandez, Brunnen Instandhaltung, Wasserversorgung Zürich, Juni 2015». Der Autor Christopher Hernandez hat als Angestellter der Wasserversorgung Zürich die Natursteinarbeiten selbst ausgeführt.

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